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Die Erinnerungen des Erik Eckermann

Brod und Spiele

 

Nach Zündapp Janus und Goliath GP 700 E, beide Ende 1967 sichergestellt, schenkte ich mir zum Jahresanfang 1968 zum Spatz auch einen Gutbrod.


  • Auch Viersitzer bei Gutbrod

    Den allerdings hatte ich vorher noch nie auf der Straße gesehen, denn es war nicht der übliche Superior-Zweisitzer, sondern ein Viersitzer, für die Gutbrod eigentlich nicht bekannt war. Wohl ein Prototyp, dachte ich damals, und hatte Schwierigkeiten, den seltenen Vogel einzuordnen. Erst Nachforschungen und später ein Blick in Otfried Jaus' Buch 'Neben den Grossen' ergaben, dass Walter Gutbrod kurz vor der Zahlungsunfähigkeit seiner Firma Ende 1953 noch einen Viersitzer auf den Markt bringen wollte. Zu diesem Zweck zeichnete Gutbrod-Konstrukteur Friedrich van Winsen, offiziell schon in Diensten Daimlers, ein dem bei Westfalia gebauten Kombi ähnlichen Viersitzer, der, so argwöhnte Walter Gutbrod, mit seinem Steilheck sicherlich nicht den Geschmack des konservativen Publikums treffen würde.

    Also entstanden unter den Händen von Konstruktionsleiter Heinrich Seibt gleich zwei weitere Entwürfe für Stufenheck-Viersitzer: Zum einen eine Sparversion auf dem Fahrwerk des Zweisitzers mit dessen Türen und (symmetrischen) Scheiben, handgedengeltem Dachfortsatz und Plexi-Rückscheibe. Seine Typenbezeichnung hieß Superior 604, doch intern wurde er als 'Rucksack' bespöttelt. Zum anderen schlug Seibt den recht hübsch geratenen 'großen' Viersitzer Typ Superior 704 auf verlängertem Radstand vor, der in der 700 cm³-Ausführung auf 13 Zoll-Rädern rollen sollte (üblich sonst bei Gutbrod: 15 Zoll). Gebaut wurden vom Winsen- und vom Seibt-Viersitzer 704 jeweils nur ein Exemplar, vom Seibt-Rucksack immerhin 107 Stück.

    Und so einer glotzte mich mit seinen scheinwerferlosen Kotflügeln auf einem meiner Routinegänge über die Schrottplätze nördlich von Hamburg an. Zustand äußerlich ganz passabel, doch weil er so merkwürdig hoch stand, öffnete ich die Motorhaube und fand außer Unkraut nichts. Das fehlende Antriebsaggregat kam mir bei der Preisverhandlung gerade recht, und nach längerem Feilschen war der Schrottmann froh, den Blechhaufen für 60 DM loszuwerden. Motor mit Getriebe fand ich 5 Monate später auf einem anderen Autofriedhof, von denen es damals nur so wimmelte.


  • Wohin damit?

    Um meinem Vater eine Freude zu machen, stellte ich den ausgebeinten Sonderling auf den Hof neben seine Garage. Das sollte Folgen haben, denn dummerweise hatte die Dachrinne ein Loch. Der stete Tropfen höhlte zwar keinen Stein, trommelte aber die ohnehin dünne Lackschicht vom Autodach und brachte die Hausbewohner auf, die den regelmäßigen Dumpfton als wenig schlaffördernd empfanden.

    So musste ich den Exoten entfernen und eilends eine Scheune mieten – zeitlich und finanziell ein Kraftakt. Denn die Abschlussprüfung auf der Ing-Schule stand bevor und ließ mir kaum Zeit für Nachtschicht und Geldverdienen und Schrottplatzbesuche und Autotransporte und Mädchen sowieso.

    Immerhin hatte ich zwischen Landung und Abflug ein bisschen Zeit, die extravagante Süddeutsche genauer zu inspizieren. Eine Schönheit war sie mit Stummelheck und zu langem Vorbau sowie mit Rucksackdach und dem der Türscheibe angepassten Seitenfenster wahrhaftig nicht, und auch die großen 15-Zöller störten die Ästhetik. Dafür hatte ich hier einen seltenen Gutbrod-Viersitzer für kleines Geld vor dem Hochofen gerettet.

    Eine weitere Überraschung bot das Typenschild: Neben Hubraum (593 cm³) und Leistung (20 PS) war auch die Fahrgestell-Nummer mit 100.107 und das Baujahr mit 1954 angegeben. Das lässt auf den letzten gebauten Gutbrod-Viersitzer schließen, per Hand im Werk Plochingen aus noch vorhandenen Lagerbeständen zusammengeschraubt.


  • Gerettet, doch was wird aus dem BMW?

    Klar, dass zum Viersitzer auch der Zweisitzer in die Sammlung gehörte, der Gutbrod als Autofirma bekannt gemacht hatte. Am schönsten wäre natürlich einer der seltenen Zweitakter mit Einspritzmotor gewesen, und tatsächlich fand ich einen solchen, allerdings in einem erbärmlichen Zustand. Weil ich mich mit dem Gebrauchtwagenhändler nicht über den Preis einigen konnte, ließ ich ihn stehen – unverzeihlich aus heutiger Sicht. Im Unterbewusstsein allerdings registrierte ich einen großen BMW V8 mit Sonderkarosserie, der hinter dem Gutbrod stand und den ich zunächst gar nicht weiter beachtet hatte. Erst in der folgenden Nacht – nachts habe ich die besten Einfälle – durchfuhr es mich: Ein BMW-Cabrio mit vier Türen und Pontonform? Das gibt’s doch gar nicht. Doch das ist eine andere Geschichte.

    Zurück zu Gutbrod. Eineinhalb Jahre später konnte ich für doppeltes Geld bei einem Gebrauchtwagenhändler in München einen Superior-Zweisitzer mit 20 PS-Vergasermotor kaufen. Die Gutbrod-Besitzer müssen einen Hang zum Basteln gehabt haben, denn auch dieser aus dem Baujahr 1953 prunkte mit nicht originalen Scheinwerfern und Heckleuchten, einer vom Original abweichenden Motorhaube und einem falschen Instrumentenbrett. Außerdem war die Maschine fest, bei Zweitaktern eine beliebte Zugabe.

    Beide Autos fanden ihre Liebhaber. Der Superior-Zweisitzer ging 1974 in den Bestand des damaligen Automuseum Bad Oeynhausen über, den Superior-Viersitzer übernahm 1985 Gutbrod-Sammler und -Buchautor Otfried Jaus. So dürften beide Superioren (lat.: Vorgesetzte) überlebt haben. Und darauf kam es mir an.
     

    Erik Eckermann

     

    Bildquelle: Archiv Eckermann


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