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Die Erinnerungen des Erik Eckermann

Kleinmobile mit großem Namen

 

Was genau wollte ich bewahren? Ach ja, die Mobile. Wieso dann Goliath mit seinen Autos der unteren Mittelklasse? Doch es sollte noch schlimmer kommen.


  • Bisher David, jetzt auch Goliath?

    Die Mobile und Kleinstwagen aus der Nachkriegszeit zu sammeln war schon ein Kraftakt für sich, Hubraumgrenze um 700 cm³ inklusive Gutbrod. Wenn Gutbrod, warum dann nicht auch Goliath? Und wenn Goliath, warum nicht gleich die Borgward-Gruppe, da Lloyd ohnehin schon eingeplant war? Nach ein paar schlaflosen Nächten stand fest: Nicht nur die Kleinsten, auch die Goliaths und die Borgwards werden gesammelt. Basta! Aber bitte ohne Lastwagen.

    Mal eben die Borgward-Gruppe mit hereinnehmen? Von heute aus betrachtet der reine Wahnsinn, zumal als Student ohne Einkommen und später als Berufsanfänger mit nur schmalem Salär. Andererseits: Unbekümmertheit ist ein Vorrecht der Jugend. Und heute noch einen Borgward zu besitzen, ist ja auch nicht von Übel.


  • Mit Mutter, Käfer und Goli zurück nach Hamburg

    So war mein zweites Auto ein Goliath, und ein Einspritzer noch dazu. Zur Erinnerung: Goliath und Gutbrod waren 1951 die ersten beiden Autofirmen weltweit, die für jedermann käufliche Autos mit (Direkt-)Einspritz-Benzinmotoren anboten, wenn auch als Zweitakter. Nach einiger Reifezeit scheint die neue Technik (von Bosch) dem Verkäufer keinen Verdruss mehr bereitet zu haben, denn er schrieb mir Anfang Dezember 1967, dass sein 1955er GP 700 E “noch alle Tage in Betrieb (ist), ...auf der Autobahn noch 105 km/h (läuft) (und dass er) den Wagen vor dem Fest abgeben“ wolle.

    Und jetzt kommt meine Mutter ins Spiel: Sie übersetzte seinen in Sütterlin geschriebenen Brief und ließ sich sogar breitschlagen, mit mir den Wagen in Mechtshausen bei Seesen abzuholen. So fuhren wir im Konvoi zurück nach Hamburg: Sie in meinem '53er Käfer, ich vorneweg im Goliath. Er spulte die Autobahn-Kilometer klaglos ab, wenn auch nicht mit 105.

    Ich platzte vor Stolz – ein Auto, das läuft, musste ich unbedingt meiner damaligen Freundin zeigen. Die jedoch fand die Geschichte mit dem Goliath weniger spannend und widmete sich lieber den Weihnachtsvorbereitungen, die nun wiederum mir ein Graus waren. Also fuhr ich allein – der Wagen war ja noch zugelassen – in die umliegenden Felder und Wälder, übersah jedoch in meiner Begeisterung, dass es inzwischen geschneit hatte. Der Goliath rutschte in Richtung Graben, scheuerte sich den Bauch auf und bescherte mir ein paar kalte, dunkle Stunden Bergungsarbeit in einer Gegend, wo sonst die Füchse schnüren. Erst um Mitternacht war ich wieder zu Hause, wiederum auf eigener Achse, aber mit platt gedrückter Auspuffanlage.


  • Woher nehmen, wenn nicht stehlen?

    Ein noch wertvollerer Fang gelang mir im März 1968. Ich hatte gerade Professor Hippo Schwanzi, Ordinarius für Hippiatrie an der Akademie für Schöne Reitkünste zu Verden an der Aller, einen Besuch abgestattet und war auf der Rückfahrt nach Hamburg, als ich kurz hinter Rotenburg an der Wümme auf einem Schrottplatz ein Goliath-Gesicht ausmachte. Das war um diese Zeit zwar nicht mehr alltäglich, kam aber häufiger vor, es bestand also kein Grund, der Sache auf den Grund zu gehen.

    Halt, durchfuhr es mich beim Weiterfahren, der Grill stand nicht senkrecht, sondern war flach angestellt. Es wird doch nicht ..? In die Eisen, umgedreht, ausgestiegen. Tatsächlich, ich traute meinen Augen kaum, da vermooste ein Goliath Sport Coupé, wie es Carl F.W. Borgward zur Propagierung des Einspritzmotors 1951 und 1952 in geringen Stückzahlen hat bauen lassen.

    Genauer anschauen konnte ich mir das Auto nicht, denn uns trennte ein übermannshoher Maschendrahtzaun und eine Bestie von Hund, die das Schild „Achtung Lebensgefahr Selbstschüsse Bissige Hunde“ überflüssig machte. Doch neben der dezent vorgetragenen Bitte, den Grund nicht zu betreten, wies ein zweites Schild auf Schrottplatzbesitzer mit Adresse. Und den suchte ich postwendend auf.

    Er verlangte 400 D-Mark, soviel hatte ich noch nie für ein Schrottauto ausgegeben. Ich zählte auf: Rahmen und Karosserie wären verzogen, Blechteile eingedrückt, zwei Scheiben eingeschlagen, die Goliath-Zunge fehle, aus den Stoßstangen wachse Moos, und im übrigen wäre ich der arme Hund, weil ich ja noch zur Schule ginge. Alles Zetern half nichts: Der Mann mit dem bissigen Hund und den Selbstschüssen blieb hart. Resigniert zog ich einen Hunderter heraus – wieso hatte ich damals soviel Geld in der Tasche? – und vereinbarte einen Abholtermin.


  • Ein ganz besonderes Coupé

    Auf der Heimfahrt die üblichen Zweifel: Wo zum Himmel soll ich denn nun 300 Mark auftreiben? Bei aller Liebe, die Mami und Papi meinem seltsamen Hobby entgegen- brachten, würden sie verrostetes Eisen weder finanzieren noch Geld dafür vorstrecken. Auf den Elbbrücken hatte ich die Lösung: Statt nach Hause fuhr ich direkt zu meinem Bekannten Hans-Otto Neubauer, für mich damals letzte Instanz in Sachen Automobilgeschichte. HON, eher bedächtig und abwägend, war ganz begeistert und lieh mir die gewünschten Scheine. Eine Woche später stand der Wagen in meiner Scheune.

    Nachforschungen ergaben, dass das vor dem Ausschlachten gerettete Coupé mit der Fahrgestell-Nummer 001 das erste überhaupt war und im Werk später als Versuchsträger diente. Das erklärt die langen Lüftungsschlitze auf der Motorhaube und den eingebauten 900 cm³ Vergaser-Motor, den Goliath ja erst 1956 anbot. Erste Restaurierungsarbeiten an der Karosserie führten Otto Künnecke vom Automuseum Störy und Wilhelm Ebel durch, ehemals Meister im Karosseriebetrieb Johannes Rudy in Delmenhorst, der die beiden ersten von insgesamt 27 Coupé-Karosserien hergestellt hatte.

    Heute ist der Wagen Teil einer größeren Borgward-Sammlung und ist wohl irgendwann wieder auf der Straße zu sehen. 
     

    Erik Eckermann

     

    Bildquelle: Archiv Eckermann


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