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Die Erinnerungen des Erik Eckermann

Von Fulda in die Welt

 

Das scheinbar lukrative Marktsegment zwischen Motorrad und Volkswagen verführte auch eine Elektrofirma dazu, in der Nachkriegszeit ein Mobil zu bauen - mit Verbrennungsmotor.


  • Schneewittchen gab´s kostenlos

    Mein Schweizer Kommilitone, dem ich den kleinen Stoewer aus den dreißiger Jahren vermacht hatte, revanchierte sich auf seine Weise: Eines Tages zeigte er mir Fotos von einem Occasions-Händler bei Zug, auf denen in Bildmitte ein Fuldamobil Typ N-2 Baujahr 1954 kauerte. Schön eingeschneit, wie es sich für das Alpenland gehört, aber zumindest äußerlich in recht gutem Zustand.

    Die Front zierte eine plumpe Stoßstange, die gar nicht dahin gehörte, und auch das Faltdach schien zerrissen zu sein, denn das Gestühl stand im Schnee, obwohl in der Kabine montiert. Ob ich die wohl übernehmen wolle? Welche Frage, zumal ich Schneewittchen kostenlos bekommen sollte, wenn auch „ohne Nachwährschaft“, wie der Schweizer Besitzer den Ausschluss jeglicher Gewährleistung im Kaufvertrag beschrieb.

    Ein paar Monate später, im Juli 1969, nahm ich den Fulda in Hamburg in Empfang, putzte ihn, säuberte ihn und fand den Hessenhopser gar nicht mal so schlecht. Es fehlten zwar Kleinteile wie Instrumente, Schalter und Scheibenwischer, doch der Fichtel&Sachs-Motor war vorhanden und ließ sich sogar durchdrehen. Ich war zufrieden und rollte Schneewittchen erst einmal in die Scheune.


  • Zweiter Streich folgt zugleich

    Zeitgleich flog mir ein zweites Fuldamobil zu, ebenfalls Baujahr 1954, doch äußerlich ganz anders als Typ N. Wies dieser ein kantiges, eher werkstattmäßig wirkendes Faustkeil-Design auf, vom Hersteller frohgemut als „elegante, windschnittige Karosserie mit geringstem Luftwiderstand in silbrig glänzendem Aluminium“ (Prospekt) gepriesen, so trug mein zweiter Fulda ein rundliches Kleid, für das der schweizerischen Automobil Revue sogleich eine 'Strumpfkugel' als Vergleich einfiel.

    Das Karosserie-Material bestand nicht mehr aus gehämmertem Aluminium wie bei Typ N, sondern aus warm verformtem Alu, und auch der Motor stammte nicht mehr von F&S, sondern von ILO. Also handelte es sich um den Typ S-1, den die Elektromaschinenbau Fulda GmbH in Fulda parallel zum Typ N von März 1954 bis August 1955 herstellte und verkaufte.

    Das allerdings ist nur die halbe Wahrheit, denn Typ S-1 wurde in Lizenz auch von der Nordwestdeutschen Fahrzeugbau GmbH (NWF) in Wilhelmshaven gebaut. Mein Fulda S-1 war in Wirklichkeit also ein NWF 200, den die Nordlichter teils selbst vertrieben, teils nach Fulda schickten und von dort verkaufen ließen.


  • Unüberschaubare Teilevielfalt

    Dem Leser schwant sicherlich schon einiges. Tatsächlich gab es bei Karosseriewerkstoffen, Antriebsstrang und Lizenznehmern ein wildes Durcheinander. Die ersten Ausführungen des Fuldamobils wiesen Stahlblech- bzw. Sperrholz/Kunstleder-Hüllen über Holzgerippe auf, gefolgt von Karosserien mit gehämmertem, dann mit getriebenen Aluminiumblechen.

    Ab 1957 schließlich verarbeitete Fulda glasfaserverstärkten Kunststoff. Ein ähnlicher Wirrwarr bei Antrieb und Motoren: In der Frühzeit spendierte der Hersteller seinem Mobil nur ein (hinteres) Antriebsrad, ab September 1955 jedoch ein 'Doppelrad', worunter zwei Hinterräder mit enger Spur zu verstehen sind. Auf Wunsch konnte aber weiterhin ein Einzelrad geliefert werden, d.h. der Kunde konnte je nach Steuergesetzgebung ein Drei- oder ein Vierrad kaufen.

    Bei den Motoren wurden nacheinander Zündapp-, Baker & Pölling-, Fichtel & Sachs-, ILO- und Heinkel-Motoren verbaut. Somit hätte sich ein Fulda-Fan mit Komplett-Sortiment bei der Restaurierung auf verschiedene Karosseriewerkstoffe und Motorenhersteller einstellen müssen. Die Einzylinder-Zweitakt-Motoren leisteten bei unterschiedlichen Hubräumen jeweils 10 PS und darunter.


  • Wo sind sie geblieben?
    So verwegen es klingt: Die Hessen hatten nicht nur die geschlossene Kabine im Programm, sondern zu fast jedem Typ – und davon gab es je nach Zählweise neun bis zwölf – auch noch eine offene Version, die sie Roadster nannten. So einen Feger hätte ich zur Abrundung meiner Fulda-'Sammlung' gern gehabt, doch statt eines Roadsters fand ich Ende 1972 in Coburg einen zweiten N-2, dieses Mal Baujahr 1952. Form und technische Daten stimmten mit denen von Schneewittchen aus dem Jahr 1954 überein, doch der Erhaltungszustand war so gut, dass der Coburger wenig später für ein paar Jahre das Automuseum Schloss Langenburg, ab Januar 1977 das Kleinwagenmuseum in Störy zierte. Da steht der N-2 noch heute.
    Schneewittchen fand Mitte der 70er Jahre ebenfalls Aufnahme in einem Automuseum, und zwar in Bad Oeynhausen, wo auch die Strumpfkugel NWF 200 nach einem Kurzaufenthalt in der Hamburger Oldtimer-Gasse landete. Zusammen mit den Fuldamobilen in anderen Museen sind somit doch noch einige der knapp 3.000 Exemplare vor dem Tod gerettet worden, die Fulda (ca. 2.200) und NWF (ca. 700) gebaut haben mögen. Nicht zu vergessen sind auch die Lizenzbauten im Ausland, denn der „Silberfloh nahm (nicht nur) die höchsten Steigungen“ (N2-Kundenzuschrift), sondern übersprang auch Grenzen: Als Nobel, Bambi, Vahaar und Attica/Alta erregte das Fuldamobil in England, Chile, Indien und Griechenland kurzzeitig Aufmerksamkeit. Doch auch hier griffen die Käufer bald nach vollwertigen Autos. Für Mobile, die stets im Ruch der Behelfsmäßigkeit standen, war auch in diesen Ländern die Zeit abgelaufen.

    Text und Fotos: Erik Eckermann

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