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Die Erinnerungen des Erik Eckermann

Haute Couture aus Darmstadt

 

Eigentlich wollte Erik Eckermann ja 'nur' Kleinwagen sammeln, doch die Schrottplätze waren damals voller Überraschungen, und da konnte er einfach nicht widerstehen, fremdzugehen.


  • Gestraffter Barockengel

    Als ich mich im Februar 1968 mit einem Gebrauchtwagenhändler nicht über den Preis eines dahinsiechenden Gutbrod-Einspritzers einigen konnte, fuhr ich sauer vom Hof, war aber am nächsten Morgen schon wieder da. Mit geblähten Nüstern.

    Denn in der Nacht war ich je hochgeschreckt und rekapitulierte: Da stand doch hinter dem kleinen Auto ein ganz großes Auto, mit BMW-Niere, Pontonform, vier Türen und Cabrio-Verdeck. Wie bitte? Die BMW 6- und V8-Zylinder, später Barockengel genannt, gab's doch nur als Limousinen mit diesen englisch anmutenden, lang auslaufenden Vorderkotflügeln. Dachte ich.

    Ich strich um das Auto herum, tatsächlich, es war ein V8 mit glatten Seitenwänden, dunkelrot lackiert, Verdeck verschlissen, Zustand ansonsten leidlich, sogar neue Gürtelreifen und ein Firmenschildchen von Autenrieth in Darmstadt an der Flanke. Aha, dachte ich, eine Sonderanfertigung, die wird teuer. Sehr schön, das Auto hätt' ich gern, passt aber nicht in die Sammlung. Außerdem wird es Dich auf Jahre hinaus verschulden, und, nebenbei gesagt, Du hast demnächst Abschlussprüfung. Vergiß es.

    Die Psychologie spricht vom Begriff des Unbewussten, d.h. wenn etwas Wichtiges nicht bewusst geschieht, soll man dafür nur begrenzt haftbar sein. So erteilte ich mir eine halbe Stunde später Absolution, denn ich hatte soeben das Dickschiff gekauft, besser gesagt, einen Kaufvertrag unterschrieben.

    Den Rest des Morgens und den Nachmittag verbrachte ich damit, meine Bekannten anzupumpen, und abends stand der 1,55-Tonner im Garten meines Vaters, der sich mal wieder furchtbar freute. Denn so ein großes, schweres und starkes Auto hatte die Familie noch nie besessen. Allerdings kam bei ihr nicht die rechte Begeisterung auf, denn es fuhr ja nicht. Für Mami und Papi war der Dampfer überflüssig wie ein Kropf.


  • Kontakt zu den „Autenrieths“

    Ab August 1968 stand ich mit Franz Trüby, Chef der Karosseriefirma Autenrieth von 1950 bis zur Betriebsaufgabe 1964, in Briefwechsel. Zwei Jahre später, nach Umzug von Hamburg nach München und Familiengründung, saß ich ihm und seiner Frau Helene geborene Autenrieth in Darmstadt gegenüber. Seine Informationen und Fotos verwertete ich in einem Beitrag über die Karosseriebaufirma Autenrieth, der erst 1973 veröffentlicht werden konnte – die Automobil Chronik, Deutschlands erste Zeitschrift für Veteranenfahrzeuge vulgo Oldies, war erst 1972 gegründet worden.

    In diesem Jahr starb auch Trüby. Der dünne Firmennachlass landete nach einigen Zwischenstopps bei einem BMW-Enthusiasten. Zwei von ihnen, Henning Zaiss und Wolfgang Niefanger, haben den Autenrieths und den BMW V8-Sonderkarosserien mit ihren schönen Büchern ein würdiges Denkmal gesetzt.

    Trüby bestätigte, was mir die Familie des ersten Besitzers schon angedeutet hatte: Das 3,2 Liter Super-Fahrwerk bekam auf Wunsch des Seniors, eines Hamburger Rechtsanwalts, eine Sonderkarosserie, d.h. das Auto ist ein Einzelstück. Von solchen Aufträgen lebten Autenrieth und die anderen Karosseriefirmen, doch vier Türen in einer Pontonkarosserie, einen viertürigen 503 sozusagen, gibt’s kein zweites Mal.

    Mit dem satten Preis von 31.460 DM hatte der 1960 fertig gestellte Autenrieth die Listenpreise der Werks-V8, des 507 und des Mercedes 300 lässig hinter sich gelassen und bewegte sich in den Regionen des BMW 503 und des Mercedes 300 SL. Damit gehörte er um diese Zeit zu den drei teuersten Autos aus deutscher Produktion.

    Dafür bot Autenrieth gegenüber seinen bisher angefertigten Ponton-Coupés und -Cabriolets auf BMW V8-Fahrwerk ein dem 503 angenäherten Vorderwagen mit BMW-Niere und einer insgesamt strafferen, harmonischeren Linienführung mit gefälligem Heck. Der Wohnraum war mit grauem Leder ausgeschlagen, dank Mittelarmlehne, Taschen und Haltestangen war besonders der Fond behaglich geraten. Vorne war nach damaliger Gepflogenheit eine Sitzbank montiert, ebenfalls mit Armlehne in der Mitte.


  • BMW zeigte wenig Interesse

    Beim schmalen Gehalt meines neuen Arbeitgebers, des Deutschen Museums in München, tauchte schon bald die Frage auf: Familie oder Sammlung oder Restaurierung oder was? Und weil ich mich für's F entschieden hatte, war abzusehen, dass auch Autenrieth der Einmalige irgendwann den Besitzer wechseln würde.

    Die Bayerischen Motoren Werke in München wollten von der angebotenen Leihgabe “keinen Gebrauch machen, da wir aus Platzmangel und auch aus grundsätzlichen Erwägungen heraus im Museum nur Serienfahrzeuge zur Aufstellung bringen“. Dennoch überführte ich den Autenrieth auf Anhängerachse aus dem Hamburger in den Münchner Raum, wo er, mit Korrosionsschutzöl konserviert, in einer angemieteten Scheune auf bessere Zeiten wartete.

    Es fand sich ein privater Käufer, und heute steht das Auto „besser als neu“ auf seinen Pneus in der Garage eines österreichischen Sammlers. Ein schönes Gefühl, ein Kulturgut bewahrt zu haben, wenn wir denn ein Auto gleichberechtigt neben Gemälde, Skulpturen und andere handwerkliche Kunstgegenstände stellen wollen. Denn Handwerkskunst steckt auch im Autenrieth, siehe Trüby.


    Text und Fotos: Erik Eckermann


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