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Isabellas kleine Schwester

Lloyd Arabella

Ein Star der an Neuheiten reichen Frankfurter Automobilausstellung im September 1959 drehte sich mit der Arabella auf dem Stand von Lloyd:

Mit der im Juni unter dem schlichten Modellnamen Lloyd 900 angekündigten Limousine wollte man in Bremen alle Erinnerungen an die Zeit der „Leukoplast-Bomber“ und heulender, gebläsegekühlter Zweizylinder-Motoren abschütteln. Die Voraussetzungen waren gut, auch wenn auf der gleichen Messe BMW mit dem 700 und DKW mit dem Junior in diesem lukrativen Marktsegment fast in Augenhöhe mit dem allgegenwärtigen Volkswagen in Konkurrenz treten wollten.

Ohne Zweifel standen für den Neuling aus Bremen auf dem Papier die Chancen am besten: bei BMW saß ein Zweizylinder-Boxermotor im Heck und sorgte für insgesamt begrenzte Platzverhältnisse. Der DKW konnte zwar mit einer großzügigen Karosserie punkten, aber der Dreizylinder-Zweitakter entsprach nicht mehr dem Mehrheitsgeschmack. Lloyd trat dagegen mit einem neu entwickelten Vierzylinder-Boxermotor mit Wasserkühlung an, der die Vorderräder antrieb. Die zweitürige Karosserie des Viersitzers entsprach dem Zeitgeschmack und hielt sich trotz der Panorama-Heckscheibe und den angedeuteten Heckflossen weit entfernt von den Exzessen der amerikanischen Wagen jener Epoche.


  • Klassenprimus bei Fahrleistungen und Straßenlage

    Die charmante Lloyd Arabella konnte sich stilistisch durchaus mit den zeitgenössischen Entwürfen von Mercedes (Heckflosse) oder Pinin Farina (Austin A 55, Morris Oxford oder MG Magnette) messen und wirkte besonders in der aufpreispflichtigen Zweifarbenlackierung elegant: sonnengelb, alpinagrün, royalblau, nizzablau oder kardinalrot mit weißem Dach waren beliebte Farbgebungen. Arconaweiß, elfenbein, platingrau oder das ebenfalls aufpreispflichtige diamantschwarz standen der Limousine gleichermaßen gut.

    Sie war dem Volkswagen nicht nur in den Raumverhältnissen, sondern auch in der Leistung überlegen: mit 38 PS bei 4.800 U/min aus 897 ccm erreichte die Arabella 120 km/h, übertraf damit alle Klassenkameraden und kam auch etlichen hubraumstärkeren Modelle nahe. Fahrleistungen und Straßenlage wurden ebenso wie die Ergonomie der Bedienung allseits positiv gewürdigt.


  • Umfangreiche Serienausstattung an Bord

    Wahre Lobeshymnen veröffentlichten Berichterstatter und Tester nach der Pressevorstellung im Parkhotel Bremen am 4. August 1959 über die Ausstattung der Arabella: Scheibenwaschanlage, Rückfahrscheinwerfer, Parkleuchten, automatische Blinker- und Wischerrückstellung, regelbare Instrumentenbeleuchtung, Zigarettenanzünder, Zünd-/Lenkschloss oder Kontrollleuchten für Handbremse und den Ausfall eines Rücklichts zählten zum Serienprogramm.

    Eine umklappbare Rücksitzbank, ein Fach unter dem Kofferraum für das Reserverad, Licht im Kofferraum durch die Nummernschildbeleuchtung oder die Arretierung der Sitzlehne waren weitere intelligente Details.

    Die Sicherheitsausrüstung lag ebenfalls weit über dem Durchschnitt der Epoche – mit Verbundglas-Windschutzscheibe, Polsterungen am Armaturenbrett und an den Sonnenblenden sowie einem Lenkrad mit federnden Speichen.


  • Produktion war nicht kostendeckend

    Für die umfangreiche Ausstattung war der Preis der Arabella mit 5.250,- DMark zu knapp kalkuliert, nach einer Preiserhöhung auf 5.490,- DM im Juni 1960 produzierte man immer noch nicht kostendeckend. Ein VW 1200 Export stand mit 4.600 Mark in den Preislisten, andere Konkurrenten lagen ähnlich und die Kunden waren nicht bereit oder in der Lage, das hohe Ausstattungsniveau zu honorieren. Gleichzeitig schädigten Kinderkrankheiten – vor allem beim Getriebe und im Karosseriebereich (bei Regen gelangte Wasser in den Innenraum, was zum Spitznamen „Aquabella“ führte) – den Ruf des neuen Modells nachhaltig.

    Im Präsentationsjahr baute Lloyd 5.428 Wagen, 1960 dann 32.887 Fahrzeuge. Im Oktober 1960 versuchte Borgward, mit einer Aufteilung der Modellreihe in eine abgemagerte Version Arabella 34 (DM 4.745,-), die bisherige 38-PS-Ausführung (DM 4.990,-) und eine auf 45 PS leistungsgesteigerte Arabella de Luxe (DM 5.490,-) den Verkauf zu beschleunigen.

    Die Mühe war vergebens: auch die als Borgward vermarkteten und mit dem Rhombus verzierten Typen fanden nicht den erhofften Anklang. Ende 1960 standen hunderte unverkaufte Arabella und andere Typen aus dem Programm des Konzerns in Bremen auf Halde – das schnelle Ende der Borgward-Gruppe leitete auch den schleichenden Tod des so erfolgreich gestarteten Modells ein.


  • Sündenbock für die Borgward-Pleite

    Mit dem Beginn der Werksferien am 7. Juli 1961 endete die reguläre Produktion. Im gleichen Jahr liefen 7.234 Borgward Arabella vom Band, 1962 konnten noch 600 und 1963 sogar 893 Fahrzeuge aus Teilesätzen fertig gestellt und zügig abgesetzt werden. Ein von Pietro Frua als Zugnummer für die IAA gebautes Coupé und ein später im Werk entwickeltes Kombimodell kamen über je zwei gebaute Prototypen nicht hinaus.

    Oft wurde die liebenswerte Arabella als Hauptursache für das abrupte Ende der Firmengruppe benannt: das zukunftsträchtigste Modell von Borgward scheiterte letztendlich an der finanziellen und organisatorischen Gesamtstruktur des Konzerns. Der in Konstruktion, Optik und Ausstattung hochwertige Wagen war in vielen Dingen seiner Zeit voraus und hat es durchaus verdient, in die Reihe der Meilensteine des Automobilbaus aufgenommen zu werden.


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