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Brod und Spiele

Gutbrod Superior

In Zeiten in denen weltweit Autokonzerne und Marken mit hundertjähriger Geschichte in ihrer Existenz bedroht sind, mutet es wie ein Märchen an, was sich vor 60 Jahren im schwäbischen Plochingen begab.

Walter Gutbrod suchte seine Chance in der autohungrigen Gesellschaft. Die in Ludwigsburg gegründete Standard-Fahrzeugfabrik seines Vaters Wilhelm Gutbrod (26. Februar 1890 bis 9. August 1948) begann 1926 mit der Fertigung von Motorrädern, zuerst unter Verwendung von Motosacoche-Motoren und Fremdgetrieben.

Nach einem Umzug in den Stuttgarter Vorort Feuerbach produzierte Gutbrod ab 1933 den Heckmotorwagen Standard Superior nach Entwürfen von Josef Ganz sowie Lieferwagen, 1938 verlegte man den Betrieb nach Plochingen und begann mit der Herstellung eines Motormähers. 1940 musste Standard im Zuge der Typenbereinigung den Bau von Motorrädern und Autos eigener Konstruktion einstellen und einen Drei-Rad-Lieferwagen in Lizenz von Tempo fertigen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm Gutbrod die Fertigung von Rasenmähern wieder auf, schon 1949 meldete das Werk die Fertigstellung von 20.000 Exemplaren und bereits 1947 präsentierte man den vierrädrigen Kleinlastwagen Heck 504.


  • Internationale Premiere in Paris

    Nach dem plötzlichen Herztod seines Vaters wollte Walter Gutbrod mit einem von Grund auf neu konstruierten Fahrzeug modernster Konzeption im Wachstumsmarkt der jungen Bundesrepublik mitmischen und stellte im Herbst 1949 den Gutbrod Superior als Holzmodell in Originalgröße der Presse vor.

    Der weich gefederte Fronttriebler war mit einem Zweizylinder-Zweitakter mit 576 ccm und 18 PS motorisiert, die Karosserie mit Klappverdeck legte man für zwei Erwachsene und ein Kind aus, wobei vor allem auf den großen Kofferraum für Berufszwecke Wert gelegt wurde.

    Schon im November 1949 begann die Produktion der Vorserie und vom Anlauf des Serienbaus im Juli 1950 bis zum Ende des Jahres entstanden 560 Exemplare des Superior – jetzt mit 593 ccm und 20 PS. Zum Vergleich: bei Volkswagen liefen allein im Februar 1949 schon 2.600 Wagen vom Band. Zur „heimlichen Autoschau“ – der Frankfurter Messe im Frühjahr 1950 - präsentierte Gutbrod ein Sportcabriolet mit Aufbau von Wendler in Reutlingen, das für großes Aufsehen sorgte. Die internationale Premiere erlebte der Superior auf dem Pariser Salon 1950, und auch in den deutschsprachigen Kantonen der Schweiz kümmerten sich für den Züricher Importeur Fibag zehn Vertretungen um den Absatz.


  • Erster Personenwagen mit Benzindirekteinspritzung

    Der Motor des Gutbrod Superior entstand mit Unterstützung des Zweitakt-Spezialisten und Erfinders der Umkehrspülung, Dr. Adolf Schnürle sowie Hans Scherenberg, dem späteren Pkw-Konstruktionsvorstand der Daimler-Benz AG, der als technischer Leiter für Gutbrod arbeitete.

    Die beiden Ingenieure sorgten für eine Sensation, als Gutbrod wenige Tage vor der ersten Frankfurter Nachkriegs-Automobilausstellung im April 1951 ankündigte, den weltweit ersten 2-Takt-Personenwagen mit Benzineinspritzung in Serie zu produzieren.

    Der Superior 700 Luxus mit Bosch-Direkteinspritzung leistete 30 PS aus 663 ccm – vier PS mehr als die Vergaserversion und war mit 115 km/h schneller als ein Volkswagen oder die arrivierten Typen der Mittelklasse. Mit einem Preis von 4.280,- DM für (die nicht lieferbare) Normalausführung des Superior 600 bewegte sich die Marke schon im Segment der viersitzigen Wettbewerber.

    Für die Luxusausführung mit Chromzierleisten auf Stoßstangen, Kotflügeln und Karosserie-Seitenteilen sowie Extras vom elektrischen Zigarrenanzünder bis zum elfenbeinfarbigen Lenkrad „durfte“ der Käufer exakt 400,- DM zusätzlich investieren.


  • Innovationen und sportliche Erfolge halfen nicht

    Das innovative Konzept, die gelungene Form des Wagens und zahlreiche Sporterfolge bei Langstreckenfahrten und Rallyes (das Team von Wolfgang Gutbrod und Walter Schwind trat sogar bei der Rallye Monte Carlo 1953 an) bescherten der jungen Automarke einen guten Ruf und hohen Bekanntheitsgrad.

    Trotzdem konnte sich der Superior nicht durchsetzen: eine unzureichende Kapitalausstattung, das weitmaschige Netz von Händlern und Werkstätten, die keine Erfahrung mit Autos hatten und mit der komplexen Technik, speziell des Einspritzer-Superiors, überfordert waren sorgten neben dem Preisniveau für Kaufzurückhaltung.

    Im Sommer 1951 musste Gutbrod die Verkaufspreise deutlich anheben, obwohl die Produktion zeitweise die wirtschaftlich notwendige Stückzahl von 300 Wagen im Monat sogar überschritt – der Lieferant der Aufbauten, die Karosseriewerke Weinsberg hatte die Preise erhöht.

    Auch die aufwändige Produktion an zwei Standorten – in Plochingen und im neu gegründeten Werk Calw im Schwarzwald – sorgte dafür, dass der Gutbrod Superior für die kleine Fabrik nie wirklich rentabel war. Neuentwicklungen wie der Kombi, der bei Westfalia in Wiedenbrück gefertigt wurde, konnten die Marke nicht retten.


  • Ende 1954 war der Ofen aus

    Nach dem Spitzenwert vom Jahr 1951, in dem Gutbrod 3.135 Superior herstellte, ging der Verkauf kontinuierlich zurück. Bei der IAA im Frühjahr 1953 hatte die Marke mit dem Prototyp der zum Viersitzer verlängerten Limousine den letzten großen Auftritt.

    Zum Ende des Jahres ging der Betrieb in Liquidation und 1954 entstanden noch 55 Exemplare des Superior in handwerklicher Einzelfertigung. Mit dem in einer Gesamtstückzahl von 7.726 hergestellten Gutbrod Superior, der heute eine große Rarität ist, verschwand nicht nur ein liebenswertes Automobil, sondern eines der innovativsten Fahrzeugkonzepte der frühen Nachkriegszeit vom Markt.

    Literaturhinweis:

    Neben den Großen – Standard, Gutbrod, Otfried Jaus, Peter Kaiser, Kaiser-Verlag, Stuttgart 1994


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