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Ford 17 M (P3)

Die Linie der Vernunft

Der vom Volksmund bald liebevoll als „Badewanne“ bespöttelte Mittelklassewagen blieb bis heute in der Erinnerung auch des breiten Publikums verankert.

Die hohe Popularität des von 1960 bis 1964 gebauten Mittelklassewagens ist eng mit der Vorgeschichte des Kölner Werks verknüpft, das erst 1931 seinen Betrieb aufnahm und die 1926 in Berlin begonnene Montage der Ford A und B (später als Rheinland bezeichnet und als „Deutsches Erzeugnis“ im Markenlogo veredelt) langsam zu einer eigenständigen Produktion entwickelte.

Mit den Modellen V8, Köln und Eifel (beide weitgehend vom britischen Ford Y abgeleitet) etablierte sich Ford im deutschen Markt. Der Mitte 1939 erfolgreich gestartete Taunus konnte seine Qualitäten nicht entfalten – nur 7.100 Exemplare wurden bis 1942 hergestellt: erst im November 1948 begann die Produktion wieder.

  • Neubeginn mit „Buckel-Taunus“ und „Weltkugel“

    Mit den rund 75.000 Ford Taunus, die in knapp drei Jahren am Rhein vom Band liefen, konnten sich Fabrikat und Typ erfolgreich im europäischen Markt etablieren. Dieser Erfolg setzte sich mit dem im Januar 1952 vorgestellten (Weltkugel-)Taunus 12 M (M für Meisterstück) fort, der nach dem Borgward Hansa als zweiter deutscher Großserienwagen mit Pontonkarosserie Aufsehen und lebhafte Nachfrage auf sich zog.

    Trotz der für 1955 eingeführten 1,5-Liter-Version 15 M stieg die Produktion aber nur langsam – neben dem allgegenwärtigen Volkswagen machten vor allem der Opel Olympia Rekord, die brandneue Borgward Isabella oder – eine Klasse höher – die Mercedes-Baureihen 180 und 220 den Kölnern das Leben schwer. Bei den Neuzulassungen sicherte sich 1955 sogar Lloyd in Deutschland vor Ford den vierten Platz in der Statistik.

    Die Ausweitung des Programms auf zwei Baureihen durch den im Sommer 1957 eingeführten Ford Taunus 17 M (P2) verbesserte trotz Einführung einer viertürigen Version die Situation nur kurzfristig. Stand doch zum gleichen Zeitpunkt der erste Panorama-Rekord in den Schaufenstern: der Rüsselsheimer Konkurrent orientierte sich ebenfalls an amerikanischen Vorbildern, war aber im Detail nicht so ganz modisch wie der 17 M und konnte auf Anhieb die dreifache Produktionszahl vorweisen.
  • Mutiger Neubeginn

    Für die geplante Neuauflage des 17 M setzte der in der Heimat durch das sich abzeichnende Desaster mit dem Edsel gebeutelte Mutterkonzern Ford zu einem radikalen Bruch mit der Vergangenheit an. Zwei Designer bekamen fast völlig freie Hand bei der Neugestaltung der Baureihe: der 1918 geborene Wesley P. Dahlberg und sein zwölf Jahre jüngerer Assistent Uwe Bahnsen.

    Dahlberg trug schon zur Weiterentwicklung des Ford Taunus und des britischen Ford Anglia bei, übernahm 1956 Leitung des neu gegründeten „Canadian, International and Tractor Styling Studio“ in Dearborn und war maßgeblich am Entwurf des 1959 vorgestellten „Compact Car“ Ford Falcon beteiligt, der in zahlreichen Details eine enge Verwandtschaft zum 17 M P3 zeigte. Ab 1958 baute „Wes“ Dahlberg die Designstudios in Köln und Dagenham aus und entwickelte die amerikanische Studie „Monaco“ zur „Badewanne“ weiter.
  • Starker Kontrast zur Konkurrenz

    Während Mercedes, Fiat und Opel sich an der von Pinin Farina für Lancia, British Motor Corporation (Austin, Morris und andere Konzernmarken) sowie für den Peugeot 404 lancierten Trapezlinie mit gemäßigten Heckflossen orientierten, setzte Dahlberg bis ins Detail auf ovale Formen. Der riskante Schritt führte auf Anhieb zum Erfolg: die von den stilistischen Meisterleistungen der Marke Braun oder schwedischem Möbeldesign faszinierte Wirtschaftswundergesellschaft wandte sich gerade zu blitzartig von der Nierentisch-Ära und dem „Gelsenkirchener Barock“ (so schmähte der Volksmund die wuchtigen Möbel der Epoche und den Taunus 17 M P2) ab.

    Die neuen Limousinen – mit einem cw-Wert von 0,40 präsentiert unter dem Werbeslogan „Die Linie der Vernunft“ – verdoppelten schon im ersten vollen Produktionsjahr das beste Ergebnis des Vorgängermodells und sicherten Ford einen komfortablen dritten Platz in der Reihe der deutschen Fabrikate. Die Winterausgabe 1960 der exklusiven Zeitschrift Motor-Revue dokumentierte auf 15 Seiten Design, Konstruktion und Erprobung des als „Spuria“ von Carrozzeria Nemo (= Niemand) getarnten Neulings in nie gekannter Offenheit – eine Ehre, die vordem nur nobleren Fahrzeugen vorbehalten war.

    Wesley P. Dahlberg kehrte 1967 in die Konzernzentrale zurück und verantwortete in den Folgejahren so unterschiedliche Konzepte wie den „Subcompact“ Ford Pinto oder den Lincoln Continental Mark IV, bevor er 1973 in den freiwilligen Ruhestand wechselte und sich seinen künstlerische Ambitionen widmete. Uwe Bahnsen leitete die Entwicklung erfolgreicher Ford-Typen vom Capri bis zu den aerodynamisch vorbildlichen Sierra und Scorpio – zuletzt als Vizepräsident für Design bei Ford Europe und ist seit 1986 als Berater und Leiter verschiedener Design-Institutionen tätig.

    Der Ford 17 M P3 lief einschließlich der Kombiversion Turnier und der auf der IAA 1961 vorgestellten Version TS in einer Stückzahl von 669.731 Exemplaren von den Bändern und wurde im Herbst 1964 von der ebenso erfolgreichen Baureihe P5 abgelöst.
  • Zum Weiterlesen

    Ford Taunus 17 M P3 – Die Geschichte der legendären „Badewanne“. Autor Bernd Tuchen. Dr. Faustus Verlag, 152 Seiten, 24,80 Euro.

    Ford Taunus 17 M – die Linie der Vernunft. Autor Peter Kurze. Delius Klasing Verlag, 112 Seiten, 12,90 Euro.

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