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Porsche 908 von Steve McQueen

Legende auf dem Salzburgring

 

Wenn am letzten Samstag im August der Salzburgring traditionell wieder unter den „Sounds of Speed“-historischer Rennwagen erbebt, ist auch ein Donner aus acht Zylindern dabei: Denn dann zündet August Deutsch aus Aschheim bei München den Boxermotor eines weißen Porsche 908/02 mit der Startnummer 48.

Hinter dessen Lenkrad saß einst Steve McQueen: 1970 pilotierte er den offenen Zweisitzer zusammen mit Teampartner Peter Revson bei den 12-h-Sebring auf den 2. Platz. Unser Autor Egbert Schwartz hat die Geschichte des legendären Rennwagens nachverfolgt.


  • Begegnung mit der rollenden Legende

    Langsam öffnet sich das Rolltor der kleinen Werkstatt von August Deutsch, ein mechanischer Spannungsbogen für meine Erwartungen. Auf halber Höhe bleibt es stehen und gewährt mir einen ersten Blick mit beeindruckender Perspektive: Sehr flach und sehr weiß steht er da, eine gegen den dunklen Werkraum scharf konturierte Silhouette, der hoch aufragende Rückspiegel wie eine Hand zum Gruß erhoben. Von der Front blitzt mir die Startnummer 48 entgegen. Die Legende lebt: Der Porsche 908/02 mit der Endnummer 022 auf dem Chassis. Er gehörte einst Steve McQueen.


  • Sensation in Sebring

    21. März 1970, Sebring, USA: Das 12-Stunden-Rennen auf dem Flugplatzkurs ist der zweite Lauf zur Markenweltmeisterschaft für Sportwagen. Entsprechend hochkarätig ist das Starterfeld besetzt: je zwei 917er von Porsche Salzburg und dem Gulf-Team von John Wyer, vier Ferrari 512S, drei Alfa Romeo T33/3, zwei Matra MS 650 – und vier private Porsche 908. Einer ist von „Solar Productions“ gemeldet, jener US-Movie-Company, mit der Steve McQueen ab Juni den Film „Le Mans“ drehen will. Aus genau diesem Grund teilt sich der rennbegeisterte Schauspieler das Cockpit mit dem arrivierten CanAm- und Sportwagen-Piloten Peter Revson: Er will Erfahrungen sammeln, möchte zusammen mit Jackie Stewart in einem Porsche 917 beim 24-Stunden-Rennen auf dem Sarthe-Kurs antreten.

    Erst wenige Wochen zuvor hat McQueen mit dem weißen 908/02 zwei Siege bei nationalen Sportwagen-Rennen eingefahren: in Holtville und Phoenix – Läufe der amerikanischen Sports Car Meisterschaft, in der er nun führt. „Ich weiß manchmal nicht, ob ich ein rennfahrender Schauspieler oder schauspielender Rennfahrer bin.“ In Sebring überwiegt sein fahrerisches Talent: Der 3,0-Liter Porsche mit der Startnummer 48 überquert die Ziellinie exakt 23,8 Sekunden hinter dem Fünf-Liter-Ferrari 512S von Andretti/Giunti/Vacarella: Zweiter Platz für Revson/McQueen! Dabei musste Steve seine Stints mit einem gebrochenen, bandagierten linken Fuß fahren – zwei Wochen zuvor war er bei einem Motocross-Rennen gestürzt. Daher verweigern ihm die Manager der Filmgesellschaft auch die Teilnahme am 24-Stunden-Rennen in Le Mans: „Zu gefährlich für unseren Star.“

    Sein Porsche 908/02 dagegen darf teilnehmen: Mit dunkelblau lackierter Karosse und großen Hutzen vorne und hinten, in denen Kameras montiert sind, die authentische Rennszenen filmen. Herbert Linge/Jonathan Williams fahren damit trotz zahlreicher Boxenstopps zum Wechseln der Filmrollen auf den neunten Rang.


  • Ein bewegtes Rennwagenleben

    Gleich im Anschluss verkauft Solar Production den 908-022 an den deutschen Privatfahrer Hans-Dieter Weigel. Der setzt ihn 1971 und 1972 unter anderem in Le Mans sowie der Interserie – dem deutschen Gegenstück zur CanAm-Trophy – ein. Sein Ex-Mechaniker Lothar Ranft erwirbt den Ex-McQueen-Porsche 1973 im Auftrag des ecuadorianischen Rennfahrers Guillermo Ortega, der damit ebenfalls in Le Mans an den Start geht. 1973 gelingt ihm, zusammen mit Co-Driver Fausto Morello, ein 7. Platz. Im Jahr darauf scheidet er nach 11 Stunden durch einen Unfall aus.

    Das Auto ist stark beschädigt. Motor und Getriebe werden ausgebaut. Kurze Zeit darauf kauft August Deutsch den 908-022 als „Ersatzteillager“ für seinen 908, mit dem er regelmäßig Rennen fährt. Diesen – ebenfalls ein verunfallter Ex-Ortega-Rennwagen – hatte er im Frühjahr 1973 vom Rennfahrer und Konstrukteur Kurt Lotterschmid erworben. Sechs Jahre und unzählige Rennen mit anderen 908 gehen ins Land, bis August Deutsch das 022er-Chassis wieder reanimiert: 1980 möchte er den offenen Spyder als Mietrennwagen in der Interserie einsetzen. Mit den 350 PS des konventionellen 3,0-Liter Achtzylinder wäre er allerdings chancenlos. Also implantiert der Ingenieur einen eigens aufgebauten 3,2-Liter 6-Zylinder, der dank zwei K27-Turboladern mit Ladeluftkühlern über 600 PS leistet.

    7. November 1980, Klinikum Plaza Santa Maria, Ciudad Juárez, Mexiko: Terrance Steven McQueen stirbt nach einem langen Krebsleiden. Wenige Monate zuvor hat ein Zuschauer den Porsche 908/02 in der Boxengasse eingehend begutachtet: „Kennen Sie die Historie dieses Autos?“ fragt er August Deutsch. Der verneint – und erfährt dann erst auf Anfrage bei Porsche-PR-Mann und Werkspilot Jürgen Barth vom berühmten Vorbesitzer.

    Im Laufe der nächsten acht Jahre drehen mehr oder weniger bekannte Rennfahrer an jenem Lenkrad, das bereits Steve McQueen in Händen hatte: Der Österreicher Walter Lechner und der Deutsche Kurt Hild gehören dabei zu den Stammpiloten. Auch der junge Gerhard Berger dreht 1984 in Zeltweg ein paar Runden – und ist begeistert: „Das schnellste Auto was ich bislang gefahren bin“, schwärmt der damalige Formel 3-Fahrer.


  • Wiedergeburt einer Legende

    Doch „schnell“ ist relativ – und 600 PS sowie ein Chassis von 1969 sind irgendwann nicht mehr konkurrenzfähig. 1988 schickt Deutsch seinen Porsche 908 in Rente. Die dauert genau zehn Jahre. Dann klopft Hubertus Graf Dönhoff bei ihm an: Er habe von dem Ex-McQueen-Porsche gehört, ob August Deutsch den nicht wieder einsatzbereit machen und am Nürburgring fahren wolle?

    Gefragt, getan: Innerhalb von zwei Jahren restauriert Motorenspezialist Deutsch den 908-022 komplett – und spendiert ihm auch wieder einen jener luftgekühlten 3,0-Liter Achtzylinder Boxerherzen, wie sie seinerzeit in den 908/02 Spydern schlugen.

    Im 5. August 2000 erweckt August Deutsch die Legende erneut zum Leben: Ganz in weiß, ganz flach und mit der Startnummer 48 auf der Front und den Flanken rollt der Porsche 908/02 mit der Fahrgestellnummer 022 zum Lauf der historischen European Sports Prototypes auf dem Nürburgring in die Startaufstellung. Seitdem ist er bei vielen Oldtimer-Rennen ein authentisches Highlight – das nächste Mal wieder am 25. August 2012 bei den ADAC Salzburgring Classic „Sounds of Speed“.

    Der Fotonachmittag geht viel zu schnell vorbei – das Rolltor der Werkstatt von August Deutsch schließt sich. Von der Werkstattwand blickt Steve auf einem Poster zu seinem 908 hinunter. Die Legende lebt weiter ...

     

     

    Fotos: E. Schwartz, Porsche Historisches Archiv


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