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Taxifahrt im 205 Turbo 16

Mon Dieu!

 

Kleines Auto, dicke Backen: Der Peugeot 205 Turbo 16 mit seinen breit ausgestellten Kotflügeln war Raubtier auf vier Rädern und fraß Pisten. 1987 siegte er zum letzten Mal bei einer Rallye: Ari Vatanen gewann die Paris-Dakar.

Das wollen wir feiern: Die Party findet auf dem Beifahrersitz eines zivilen 205 Turbo 16 in Sochaux statt, dort hat sich unser Autor Egbert Schwartz festgeschnallt. Ab geht die Post!


  • Premiere des T16 vor 30 Jahren

    Gottlob funktioniert meine Nackenmuskulatur hervorragend für mein Alter. Denn ich brauche sie jetzt, um den Kopf gerade zu halten. Weil Alain Gras justament vehement aufs rechte Pedal tritt. Und anschließend stante pede den nächsten Gang reinhaut.

    Gaspedal und Schalthebel sind in einem Peugeot 205 Turbo 16 verbaut. Mir wird warm. Um's Herz natürlich. Das also ist die Basisversion der legendären, offiziell zwischen 350 und 430 PS und inoffziell fast 520 PS starken Allrad getriebenen Gruppe B-Rallye-Varianten, mit denen Fahrerlegenden wie Ari Vatanen, Timo Salonen oder Juha Kankkunen in den Achtzigerjahren zu Siegen und Weltmeistertiteln drifteten.

    Wir driften (noch) nicht. Und sind eben auch nur in der Basisversion unterwegs – einem Exemplar von 1984, dem Premierenjahr dieses Allrad-Löwen. Ehrwürdig silbergrau schimmert der Lack, doch mit knapp 2.000 Kilometern auf der Uhr ist das gute Stück jung und rüstig: Alle 200 Turbo-Pferde sind noch da, wiehern direkt in unserem Rücken unter der komplett aufstellbaren Heckklappe. Und galoppieren vehement los, als Alain ihnen kurz nach dem Ortsausgang von Sochaux zügellosen Lauf lässt.

    Sie röcheln, lechzen, der Abgasturbolader des quer verbauten 1.775 Kubikzentimeter kleinen Vierzylinder-Aggregats pfeift eher dezent. Es dauert nur wenige Herzschläge, dann stehen 100 km/h auf dem schwarzen Veglia-Tacho mit den roten Ziffern und Teilstrichen. Die Werksmessung für den Standardsprint sprach seinerzeit von sechs Sekunden.


  • Der König der Rallye-Löwen

    Die Gruppe B-Version war da in den Rallye-WM-Jahren 1984 bis 1986 schon etwas fixer unterwegs: Man attestierte ihr Beschleunigungswerte unter vier Sekunden. Klar, wenn je eine Pferdestärke nur jeweils drei Kilo Fahrzeuggewicht bewegen muss. Die Initialzündung für den fulminanten Jagdtrieb des jungen, wilden Löwen 205 Turbo 16 erfolgte mit dem Engagement eines gewissen Jean Todt – ehemaliger Copilot von Peugeot-Rallye-Werksfahrer Timo Mäkinen.

    Als der Konzernvorstand der Löwenmarke ihn am 19. Oktober 1981 zum neuen Leiter der Motorsportabteilung ernannte, hatte Todt einen klaren Auftrag zu erfüllen: Den Gewinn der Rallye-Marken-Weltmeisterschaft. Sie sollte Peugeot das Image einer kraftvollen, sportlichen Marke bescheren. Unter dem Projektnamen „M24“ wurde an einer Rallye-Waffe für überlegene Siege gefeilt: Deren Basis war der parallel dazu entwickelte, eher biedere Kompaktwagen 205, als Wettbewerber zum VW Golf konzipiert.

    Für den „M24“ wurde dessen Radstand verlängert, die Karosse verkürzt und ein komplett anderes Antriebslayout mit quer installiertem Mittelmotor und Allradantrieb gezeichnet. Die Triebwerksingenieure schnürten mit dem 1,8-Liter Vierzylinder-Turbo ein wahres Hightech-Kraftpaket: Leichtmetallblock, zwei obenliegende Nockenwellen, 16 Ventile, mechanische Einspritzung und Ladeluftkühler – im Anfangsstadium mit 320 PS. Macht bei 960 Kilo ein Leistungsgewicht von? - stimmt genau: drei Kilo pro PS. Sagte ich das schon?

    Am 23. Februar 1984 hatte Peugeot die zur Homologation erforderlichen 200, innerhalb von drei Monaten gebauten Exemplare parat. Tags darauf kam die zivile 205-Version auf den Markt. Mit den 20 reinen Wettbewerbsfahrzeugen bestritt das Werksteam die Rallyesaison 1984 offiziell als „Testjahr“. Ein bescheidener Anspruch, der mit drei Siegen bei fünf Starts und dem dritten Gesamtrang in der Markenwertung mehr als erfüllt wurde. 1985 und 1986 dominierten die Allrad-Turboboliden nach Belieben: Mit sieben ('85) und sechs ('86) Siegen bei elf Starts fuhren Vatanen/Harryman, Salonen/Harjanne und Saby/Fauchille jeweils die Weltmeisterschaft ein. Auftrag erfüllt!


  • Freinage est merde: Alain rast, mein Puls auch

    Der Puls steigt mit der Geschwindigkeit, wir pfeilen just mit 150 km/h über die Landstraße. Eine französische, wohlgemerkt. Eine sehr ländliche. Nach deutschem Maßstab: vierter Ordnung. Bucklig. Sehr bucklig. Wir fliegen also mehr von Welle zu Welle. Wie einst Vatanen in Afrika.

    Aber Alain ist der Fahrer meines Vertrauens, denn er hat mir in Bruchstücken von seinem einstigen Quertreiben mit einem Renault 8 Gordini auf lokalen Rennstrecken der Republik erzählt. In seiner Eigenschaft als Peugeot-Testfahrer hat er dieses Treiben in den vergangenen Jahren auf dem Erprobungsgelände in Belchamp, ein knappe halbe Autostunde von Sochaux entfernt, fortgesetzt.

    Besagte halbe Stunde ist übrigens das durchschnittliche Zeitmaß. Für jemand, der es gemütlich und straßenverkehrsgesetzeskonform angehen lässt. Wir schaffen es in weniger als 30 Minuten. Denn Alain ist natürlich nicht so ein „jemand“. Schon gar nicht als Chauffeur des 205 Turbo 16: Aus den Augenwinkeln registriere ich das „Tempo 30“-Zeichen, als wir auf den Kreisverkehr zuschießen.

    „Freinage est merde“, doziert Alain in Stichworten, damit es meine mit nur noch rudimentärem Schulfranzösisch gefüllten grauen Zellen auch verstehen. Aha, Scheißbremsen also. „Bien sur“, das merke ich jetzt auch. Aber das Fahrwerk ist Klasse. Alain kennt es natürlich. Offensichtlich ebenso wie den Kreisverkehr, durch den er den 205 Turbo 16 jetzt im leichten Powerslide zirkelt. Den Ausgang – wieder in eine 30er Zone hinein – nehmen wir im dezenten Drift vor den begeisternd funkelnden Augen der Bauarbeiter-Truppe, die just Brotzeit im Garten eines Abbruchhauses macht. An dessen Zaun er das Heck des 205 Turbo 16 fast angelehnt hat. Aber eben nur fast.

    Ich blicke Alain von der Seite an. „Non, non!“ antwortet er grinsend auf meine stumme Frage. Hier ist kein 205 Turbo 16 eingeschlagen. Wäre aber auch schade drum gewesen, bei nur 200 gebauten Exemplaren. Rund 90 davon sollen bis heute überlebt haben (exklusive der Rallye-Werkswagen). Ich rufe mir den damaligen Stückpreis (in Deutschland) ins Gedächtnis: 94.400 D-Mark. Der heutige Marktwert liegt bei geschätzten 60.000 Euro. Ein Grund mehr, die Party auf dem Beifahrersitz zu genießen.


    Fotos: Peugeot


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