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BMW 2002 turbo

Mit vollem Ladedruck in die Ölkrise


Das richtige Auto zum falschen Zeitpunkt: Mit dem 170 PS starken 2002 turbo, der vor 40 Jahren auf der IAA in Frankfurt vorgestellt wurde, beschleunigte BMW seinerzeit direkt in die Ära der Ölkrise. Unser Autor Egbert Schwartz blickt in den Rückspiegel dieser ersten Serienlimousine mit Abgasturbolader.


  • 170 PS waren Anfang der 70er eine echte Ansage

    Als BMW seine 1966 eingeführte Baureihe 02 zum Modelljahr 1974 überarbeitet, hat die Organisation der Erdöl exportierenden Länder (OPEC) das Damoklesschwert der Ölkrise noch nicht aus der Scheide gezogen. Und so bereiten die Motorenköche in München mit dem Fokus auf die IAA 1973 in den Monaten zuvor noch ahnungslos-fröhlich ein kräftigendes Triebwerk-Menü zu, das den aktuellen Leistungshunger ihrer Kunden stillen soll. Der 2002 tii hatte den Appetit mittels seines 130 PS starken Einspritzer-Aggregats bereits 1971 angeregt. Nun verhilft ein Abgas-Turbolader dem Zweiliter-Vierzylinder zu nachdrücklichen 170 PS – der ultimative Hauptgang für die inzwischen stark gewachsene Gemeinde der 02er-Fans.

    Der 2002 turbo ist die weltweit erste in Serie gebaute Limousine mit einer Aufladung via Abgasturbolader. Technisch und leistungsmäßig der „Hammer“, wie das begeisterte Publikum auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt Anfang September 1973 applaudiert. Eine Sensation: Die 170 Pferde müssen lediglich eine knappe Tonne Leergewicht galoppieren lassen: Von null auf 100 Stundenkilometer benötigt die zweitürige Sportlimousine schlappe 7,1 Sekunden – ein beeindruckender Wert in der Riege der 1970er-Jahre Leistungsmodelle. Der Zeiger im Rundtacho dreht sich bei Vollgas bis knapp über die 210 km/h-Markierung.

    Das Motoren-Schmankerl wird auch optisch entsprechend schmackhaft angerichtet: Unter anderem mit einem tief heruntergezogenen Frontspoiler, einer aerodynamischen Gummilippe am Heck, Kotflügelverbreiterungen, ein mittig unter der Stoßstange herauspöttelnder Auspuff und Dekorstreifen in der Optik der BMW Motorsport GmbH. Ansonsten hat der Turbo alle anderen optischen Modifikationen des neuen Modelljahrgangs erhalten: Die größere, markentypische Niere in der Front, einen Kühlergrill aus nunmehr schwarz eingefärbtem Kunststoff sowie rechteckige Rückleuchten. Letztere sind ein Zugeständnis an die Verkehrsbehörden in den USA, dem für „Bi-emm-dabbelju“ wichtigsten Exportmarkt: Die charakteristischen, runden Dreikammerleuchten entsprechen nicht deren für die Siebzigerjahre geänderten Zulassungsvorschriften, werden dort als „too small, too dark“, auf gut deutsch „zu popelig“ stigmatisiert.

    Im Innenraum des leistungsstärksten Null-Zwo setzen schwarze Sportsitze mit ausgeprägten Seitenwangen, ein rot eingefärbtes Instrumentengehäuse und Zusatzuhren, darunter auch eine Ladedruckanzeige, sowie ein kleines Dreispeichenlenkrad die optischen Akzente. Gegen Aufpreis gibt's zudem einen Schriftzug „2002 turbo“ in Spiegelschrift zum Aufkleben auf den Frontspoiler – er soll der Mercedes-, Porsche- & Co-Klientel den nötigen Respekt einflößen und die linke Spur für das neue 02er-Leistungsmodell freiräumen.


  • Das richtige Auto zur falschen Zeit

    Doch der Modellstart gerät letztlich zur punktgenauen Bruchlandung: Der BMW 2002 turbo ist zwar konzeptionell und dem Sportimage gerecht das richtige Auto. Aber es kommt zu einem falschen, äußerst unglücklichen Zeitpunkt: Die Energiekrise im Herbst 1973 hat dem Leistungshunger eine abrupte Zwangsdiät verordnet.

    So läuft der als Topmodell gedachte Turbo-Nullzwoer in nur 1.672-facher Ausfertigung vom Band – rares Diätfutter, um seinen Kultstatus bis heute zu nähren. Den kann allerdings selbst der kapriziöse Charakter des aufgeladenen Triebwerks nicht schmälern: Erst bei mittlerer Drehzahl baut der Lader ausreichend Druck für die Zwangsbeatmung auf. Davor dümpelt der Vierzylinder im Leistungskeller vor sich hin. Dann aber, oberhalb von 4.000 Touren explodiert die Kraft förmlich, setzt der Schub vehement ein. Wer das zwangsläufig über die Hinterachse ausbrechende Gefährt nicht mit gefühlvoller Hand am Lenkrad parierte, den temperamentvollen „Hecktiker“ nicht wieder einfing, landete unversehens abseits des Asphalts. Kein Wunder also, dass nicht alle ursprünglichen Exemplare die letzten 40 Jahre überlebt haben.


    Foto: BMW historisches Archiv


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