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Nostalgie-Tour mit Camper-Bullis

 

Gerade mal 60 Jahre ist es her, dass Westfalia im Auftrag eines britischen Offiziers die so genannte „Camping-Box“ in einem VW T1 realisierte: Der Freizeitbus wurde die Mutter aller kompakten Reisemobile im Allgemeinen und der VW „California“-Familie im Speziellen.

Auf einer Nostalgie-Tour in historischen T1 und T2 über die Alpen tauchte unser Autor Egbert Schwartz ein und ab: Autowandern wie in der  Wirtschaftswunder-Ära.



  • Zeitsprung durch Schlüsseldreh

    Es dauert nur ein paar Sekunden und ich befinde mich in einer anderen Zeitebene: Ich habe die Türe geöffnet, mich auf den Fahrersitz über der Vorderachse geschwungen und den Zündschlüssel unterhalb des zweispeichigen Bakelit-Lenkrades gedreht.

    Der luftgekühlte Vierzylinder im Heck nimmt mit dem charakteristischen Boxer-Sound seine Arbeit auf. Der erste Gang in der langen Schaltkulisse des Getriebes rastet mit einem sympathischen „Klack“ ein und vom Bremspedal ertönt das charakteristische „Klonk“, als ich den rechten Fuß herunternehme und aufs Gaspedal stapfe.

    Die Zeitreise beginnt. Nein, ich sitze nicht als Marty McFly in einem DeLorean mit Flux-Kompensator bei seinem Trip „Zurück in die Zukunft“, sondern in einem VW T1 Camping-Bus, Baujahr 1962, mit Westfalia-Ausbau.

    Vor mir startet ein hellgrüner T2b mit der „Berlin“-Einrichtung von Westfalia, die Bremslichter grellen mir dezent aus dem Inneren der großen Glasabdeckungen entgegen. Davor rollt ein weißer T2a, leicht an den kleineren ovalen Rückleuchten zu erkennen. Hinter uns ein weiß-blauer T1 Samba. Dessen Lackierung repräsentiert das Bundesland unseres Startortes: Aschau im bayerischen Chiemgau. Die Reise wird unsere Journalisten-Gruppe von hier aus über den Großglockner und die Dolomiten bis zum Gardasee führen.


  • Der Weg ist das Ziel

    Eine klassische Route, wie sie in den späten 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts unsere Eltern auf ihrer ersten Ferienreise befahren haben. Ihr Ziel damals: Ein Campingplatz am Südzipfel des „Lago di Garda“ oder – wenn das Urlaubsgeld reichte – auch zum Lido di Jesolo bei Venedig.

    Kein Tagestrip wie heute. Denn eine durchgehende Autobahn gab es noch nicht und die 34 Pferde im Heck schoben den mit reichlich Urlaubsgepäck beladenen VW T1 im beschaulichen Schneckentempo die engen Serpentinen der schmalen Pass-Straßen hinauf. Die mehrtägige „Reise in den Süden“, so der Schlager von Conny Froboess 1962, war somit ein Fall für den Campingbus: „Autowandern mit eigenem Hotel“, wie VW bereits 1956 in einem Prospekt für den mobilen Urlaub im ausgebauten Transporter warb.

    Nur wenige Kilometer nach dem Aufbruch sind wir mit unserer VW-Bus-Phalanx bereits dort, wo wir eigentlich hin wollen: Auf dem Weg. Der nach der Goethe'schen Philosophie das eigentliche Ziel des Reisens ist, denn: „Man reist ja nicht um anzukommen, sondern um zu reisen“, notierte der erste prominente Italienurlauber dereinst. Und so gebe ich mich am Lenkrad des VW T1 Westfalia Campers der Illusion einer Zeitreise hin.


  • Was als Einzelanfertigung gedacht war, geht bald in Serie

    Sie beginnt im Jahre 1951 mit der realisierten Premiere einer Idee: Ein ehemaliger britischer Besatzungsoffizier klopft bei Ausbauspezialist Westfalia an, ihm eine funktionale und herausnehmbare Wohneinrichtung für seinen Volkswagen Transporter zu kreieren. Er will damit auf Tour gehen, unabhängig von der mühseligen Suche nach Übernachtungen, einfach dort nächtigen wo es ihm gefällt.

    Und so zimmern ihm die Schreiner der Manufaktur eine so genannte „Camping-Box“, die sich aus einer Fondsitzbank, einem Stauschrank mit Rollladenverschluss, einem Sideboard mit Auszug und Benzinkocher-Fach sowie einem Satz Schlafpolstern zusammensetzt. Kurz darauf geht die Box in Serie, die Elemente sind auch einzeln zu haben: das Sideboard für 595 Mark, der Kleiderschrank für 125 Mark, ein Wasch- und Rasierschrank für 62,50 Mark.

    In den folgenden Jahren wird die kleine Box immer größer, funktionaler, gemütlicher – und wächst schließlich zu einem vollwertigen Innenausbau heran, der nun aber nicht mehr ausbaubar ist: Die Kombination aus Klappsitzbank, Küche mit Kocher und Isolierbox sowie Wasserkanistern und elektrischem Licht ist Mitte der 60er-Jahre für 2.000 Mark zu haben.

    Vor allem in den USA wird der Campingbus begeistert aufgenommen: Bis 1967 exportiert VW über 15.000 Exemplare. Mit dem Wechsel vom T1 zum T2 gewinnt der Ausbau weiter an Größe und Ausstattung, der Motor zudem an Leistung – die Flower-Power-Generation reist komfortabler, schneller und damit weiter. 1973 ist die Ausstattung „Helsinki“ mit einer Ecksitzgruppe im Heck und Aufstelldach für 12.980 Mark zu haben. Drei Jahre später gibt die Variante „Berlin“ mit Klappsitzbank, variablem Tisch, Küchen- und Schrankzeile sowie einem Durchstieg zwischen den Vordersitzen das Standardlayout für den „Joker“ vor.

    Der wird mit dem Modellwechsel zum kantigen T3 eingerichtet und verwöhnt mit einer Wasser- und Gasanlage sowie einer Kraftstoff-Standheizung. Auf dieser Basis reift der „California“ zum Campingbus, den Volkswagen ab 1988 als eigenständiges Modell ins Programm aufnimmt. Die „mobile Ferienwohnung für vier Personen“ wird ab 10.000 Mark angeboten und entwickelt sich zum Bestseller, der mittlerweile Kultstatus erreicht hat und sukzessive zum H-fähigen Klassiker heranreift.

     

    Bildquellen: Schwartz, VW Nutzfahrzeuge/Stefan Lindloff


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