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55 Jahre Mini

Großer Schuhkarton auf kleinen Rädern


Und es begab sich 1958, dass ein britischer Konstrukteur griechischer Abstammung eine Art Schuhkarton-Karosserie mit vier Rädchen an jeder Ecke auf eine Serviette kritzelte. Es war die Geburtsstunde eines der kultigsten Gefährte unserer Zeit: Der „Mini“ war das erste kleinste größte Raumwunder der Automobilgeschichte.
Unser Autor Egbert Schwartz öffnet den historischen Deckel des Mini-Kartons.

  • Form follows function

    Ein Kleinwagen mit den Innenabmessungen eines Mittelklasse-Pkw: Genau das hatte Alexander Arnold Constantine „Alec“ Issigonis im Sinn, als er bei einem Restaurantbesuch den Nachfolger des englischen Volks-Wagens Morris Minor skizzierte: den Morris Mini Minor bzw. B.M.C. Austin Mini Seven.

    Für das revolutionäre Konzept, das er dazu entwickelte, sollte der 1906 geborene Sohn eines Schiffsbauunternehmers und dessen bayrischer Ehefrau später von der Queen in den Stand eines „Sir“ erhoben werden: Issigonis hatte quasi eine neue Gattung Kleinwagen erfunden. Seine Grundidee war die Abkehr von allen technischen Konventionen, die man bis daher als relevant für das typische Familienauto der Nachkriegsära erachtete. Statt das Design einer größeren Stufenheck-Limousine mit längs eingebautem Frontmotor auf Kompaktformat zu schrumpfen, adaptierte Issigonis das Prinzip Schuhkarton als Karosserie: form follows function at it’s best.

    Dank stilistischer Feinarbeit wurde daraus schließlich ein richtiges Auto: Mit Fenstern, Türen, einem leicht abgeschrägten Heck inklusive einer kleinen, nach unten öffnenden Kofferraumklappe und einer kurzen Motorhaube. Darunter hatte Sir Alec seine nach dem Kompaktdesign zweite revolutionäre Idee versteckt: ein Vierzylindermotörchen, das mit seinem Quereinbau erst die Würze der Karosseriekürze, die „Mini-aturisierung“ des Viersitzers also, möglich machte.

    Als weiteres technologisches Highlight reichte dieses Quertriebwerk seine Kraft über ein angeflanschtes Viergang-Schaltgetriebe auch gleich an die Vorderräder weiter: Eine schöne, kompakte Antriebseinheit, deren Komponenten (Motor, Getriebe, Differenzial) zur Schmierung praktischerweise aus einem einzigen Ölbehälter versorgt wurden.

     


  • Kleines Auto, große Liebe

    Im Innenraum zog damit kein Kardantunnel die Trennlinie zwischen Fahrer und Beifahrerin (oder umgekehrt): Ein kleines Auto für die große Liebe. Und die hieß „Mini“: Männlein wie Weiblein verguckten sich bei der Markteinführung am 18. August 1959 auf Anhieb in die kleine Knutschkugel, die ein Kasten war. Als Austin und Morris – jeweils mit eigenem Markenbadge und Kühlergrill – trat der Mini seinen Siegeszug zunächst auf der Insel sowie den Mitgliedsstaaten des British Empire an.

    Bei den deutschen Kunden erblühte die Liebe zum kleinen Briten mit seinen 10 Zoll-Rädern erst auf den zweiten Blick: 1961 konnte Morris hierzulande gerade mal 781 Autos verkaufen, den Sportwagen Healey 3000 mit eingeschlossen.

    Der Mini 850 sei zwar „technisch originell“, „bemerkenswert verkehrstüchtig“ und „praktisch“, konstatierte die deutsche Motorjournaille. Doch die Verarbeitung und Qualität der Karosserie mute „für hiesige Begriffe zu primitiv“ an. Die Erfolgsprognose fiel daher vernichtend aus: „Für den deutschen Markt haben die BMC-Mini-Modelle im Hinblick auf ihren ziemlich hohen Preis keine Bedeutung.“


  • Mit Cooper-Power zum Monte-Sieg

    Eine kleine, aber herbe Fehleinschätzung, wie sich schon im Laufe des ersten Verkaufs-Jahrzehnts herausstellen sollte. Mit einer Leistung von 55 bis zu 70 PS entfaltete der Kleinwagen mit dem Go-Kart-Fahrverhalten als Cooper bzw. Cooper S seine sportlichen Talente und ließ in engen Kurven jede deutlich potentere Oberklasselimousine stehen. „Die Mini Cooper erfreuen sich gerade unter ambitionierten Fahrern großer Beliebtheit,“ zuckten die zuvor skeptischen Journalisten zurück. Der Cooper S könne „freilich nur mehr im sportlichen Wettbewerb sinnvoll eingesetzt werden ...“

    Quod erat demonstrandum, dank Rennwagenkonstrukteur John Cooper: Für die Straßenversion hatte der begeisterte Mini-Fahrer die Bohrung des 997 ccm-Aggregats um einen halben Millimeter reduziert und den Hub mittels einer anderen Kurbelwelle auf 81,2 mm verlängert. Außerdem spendierte er dem Motor größere Einlassventile, stärkere Ventilfedern, SU-Doppelvergaser und eine höhere Verdichtung von 9,0:1 – schon leistete er satte 55 PS im Cooper sowie 70 PS im Cooper S. Dessen nächste Evolutionsstufe im Mk II es dann auf 78 PS aus knapp 1,3-Liter Hubraum brachte.

    Mit Cooper-Power unter der kurzen Haube trieben Paddy Hopkirk, Timo Mäkinen und Rauno Aaltonen den Mini 1964, 1965 und 1967 zum überlegenen Sieg bei der Rallye Monte Carlo. Und streng genommen zählt auch der Doppelsieg von Aaltonen und Mäkinen 1966 dazu: Sie wurden wegen regelwidriger Einfaden-Jodlampen disqualifiziert!

    Der internationale Erfolg trug denn auch in Deutschland Verkaufsfrüchte: Ende 1968 hatten sich immerhin 5.785 Kunden für einen Mini entschieden. Inzwischen waren rund zwei Millionen Minis vom Band gelaufen und weltweit an den Mann oder die Frau gebracht worden. Doch die Popularität des knuffigen Schuhkarton-Autos sollte noch weitere 32 Jahre anhalten: Erst am 4. Oktober 2000 war die Karriere des Ur-Mini nach 5.387.862 produzierten Exemplaren zu Ende.



    Text, Fotos: E. Schwartz


     


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