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Aktive Unfallvermeidung zwischen Motorrad- und Autofahrer

Leidenschaft, Freiheit, Individualität: Schlagworte eines jeden Motorradfahrers. Dass dieses schöne Hobby nicht ohne Risiko ist, zeigen jährlich die Unfallstatistiken – mit einem Negativ-Rekord im vergangenen Jahr. Erstmals seit 20 Jahren wird die Zahl der Verkehrstoten im Jahr 2011 wieder steigen; und darunter sind viele Motorradfahrer.

In Deutschland waren Anfang 2011 insgesamt 3.8 Millionen Motorräder zugelassen. Damit ist Deutschland hinter Italien das Motorradfahrerland in Europa. Bezogen auf den Fahrzeugbestand zeigt das, dass das Risiko mit dem Motorrad zu verunglücken etwa viermal höher ist als für Pkw-Insassen. Und nach wie vor sind Autofahrer die Hauptunfallgegner. Bei rund drei Viertel dieser Kollisionen zwischen Auto und Motorrad haben die Pkw-Lenker die Schuld an dem Unfall.

Auto und Motorrad sind ungleiche Partner im Straßenverkehr. Trotz erheblicher Fortschritte seitens der Motorradindustrie in punkto Sicherheit, wie etwa in der Reifen- oder Fahrwerktechnik, bei Beleuchtung und Bekleidung sowie nicht zuletzt in der Bremstechnologie, bleibt Motorradfahren riskant. Der ADAC setzt sich seit Jahren für Motorradsicherheit ein, analysiert Ursachen, gibt Tipps für Motorradfahrer und macht Straßenbauverwaltungen und Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft Vorschläge für mehr Sicherheit.

Damit allein ist es aber nicht getan. In unzähligen nationalen und internationalen Studien hat sich gezeigt, dass es immer wiederkehrende typische Situationen sind, bei denen Pkw- und Motorradfahrer kollidieren. Und nicht nur Pkw-, sondern auch Motorradfahrer können aktiv dazu beitragen, solche gefährlichen Begegnungen zu verhindern.
  • Unfalltypen und -ursachen
    Das Institut für Zweiradsicherheit (ifz) hat eine Broschüre herausgegeben, damit Pkw- und Motorradfahrern kritische Begegnungen bereits im Vorfeld erkennen und Unfälle vermieden werden können. Die größte Gefahr für Motorradfahrer besteht darin, dass Pkw-Fahrer Motorräder aufgrund ihrer schmaleren Silhouette nicht wahrnehmen, deren Geschwindigkeit falsch einschätzen oder in Kurven nicht damit rechnen, dass das Zweirad die gesamte Fahrbahnbreite ausnutzt.

    Die fünf typischsten Unfallsituationen sind hier verkürzt dargestellt:
    1. Pkw-Fahrer biegt ein oder überquert die Vorfahrtstraße. Motorradfahrer kommt von links oder rechts.
    Solche Unfälle ereignen sich häufiger innerorts als außerhalb geschlossener Ortschaften. Der Pkw-Fahrer nähert sich einer Kreuzung oder Einmündung. Er ist wartepflichtig und muss sich orientieren. Erst im Moment des Anfahrens erkennt er das sich nähernde Motorrad und die zu geringe Distanz. Der Motorradfahrer versucht zu bremsen, schafft es aber nicht mehr.

    2. Autofahrer biegt links ab, Motorradfahrer kommt entgegen.
    Der Motorradfahrer befindet sich auf einer Vorfahrtsstraße. Ihm kommt ein Pkw entgegen, der nach links abbiegen will. Der Pkw verlangsamt die Fahrt oder steht bereits. Der Pkw-Fahrer übersieht das Motorrad und biegt ab. Der Motorradfahrer bremst, trifft aber dennoch auf das langsam fahrende oder stehende Auto.

    3. Pkw wendet, Motorrad kommt entgegen oder von hinten.
    Der Autofahrer leitet einen Wendevorgang ein und kollidiert mit einem Motorradfahrer, der sich von hinten oder von vorne nähert. Der Motorradfahrer bremst, kann den Unfall aber nicht mehr vermeiden.

    4. Motorrad überholt, Pkw wechselt die Fahrspur oder biegt links ab. Der Motorradfahrer fährt neben oder schräg hinter dem Auto. Der Autofahrer wechselt die Spur oder biegt links ab, ohne das Motorrad zu berücksichtigen. Durch den seitlichen Aufprall wird der Motorradfahrer auf die Gegenfahrbahn abgedrängt. Dort stößt er entweder mit dem Gegenverkehr oder einem Hindernis am Straßenrand zusammen.

    5. Pkw überholt oder kommt in einer Kurve auf die Gegenfahrbahn, Motorrad kommt entgegen.
    Der Pkw-Fahrer überholt ein anderes Fahrzeug und stößt damit mit einem entgegenkommenden Motorradfahrer zusammen. Dies geschieht in der Regel auf gerader Strecke. Frontalkollisionen finden aber auch in Kurven statt, wenn der Autofahrer auf die Fahrspur des in Gegenrichtung fahrenden Motorradfahrers gerät.


  • Tipps für Motorrad- und Autofahrer
    Partnerschaftlichkeit, defensive Fahrweise und Verzicht auf Vorfahrt bei unklarer Verkehrssituation können viele potenzielle Unfallsituationen entschärfen und eine Kollision verhindern. Autofahrer sollten daher generell stärker auf Motorradfahrer achten und versuchen, die Geschwindigkeit des einspurigen Fahrzeugs besser einzuschätzen. Motorradfahrer sollten grundsätzlich nicht mit der Aufmerksamkeit anderer Verkehrsteilnehmer rechnen, sondern in kritischen Situationen bremsbereit sein und den Pkw-Fahrer gegebenenfalls durch hupen oder eine Ausweichbewegung auf sich aufmerksam machen.

    Tipps für Motorradfahrer
    •    In kritischen Situationen immer bremsbereit sein, Augenkontakt suchen.
    •    Fahren Sie immer so, dass Sie für Autofahrer gut sichtbar sind – fahren Sie auffällig, bewegen Sie Kopf und Körper, ändern Sie geringfügig Ihre Fahrspur und wecken Sie die Aufmerksamkeit des Pkw-Fahrers.
    •    Seien Sie besonders aufmerksam, wenn Sie hinter einem großen Fahrzeug fahren. Für einen Autofahrer in der Seitenstraße sind Sie unsichtbar.
    •    Achten Sie an Rechts-vor-Links-Kreuzungen darauf, ob Hecken oder sonstige Hindernisse Autofahrern die Sicht erschweren können.
    •    Rechnen Sie an Kreuzungen damit, dass entgegenkommende Linksabbieger Sie übersehen.
    •    Achten Sie auf Autofahrer, die abbiegen wollen um eine Tankstelle oder einen Parkplatz anzufahren.
    •    Seien Sie vorsichtig, wenn Sie hinter einer Autokolonne fahren. Der Linksabbieger könnte nach dem letzen Pkw herausziehen.
    •    Vertrauen Sie nicht allein auf Blinkzeichen des Autofahrers – stark eingeschlagene Vorderräder können auf ein Wendemanöver hindeuten.
    •    Achten Sie auf auswärtige Kfz-Kennzeichen. Ortsfremde Fahrer können mit der Orientierung beschäftigt sein.
    •    Überholen Sie Kolonnen nur, wenn ein Wendemanöver mit Sicherheit ausgeschlossen werden kann.
    •    Bleiben Sie nicht neben dem Pkw oder im „toten Winkel“. Fahren Sie an dem Auto vorbei oder bleiben Sie so weit zurück, dass Sie bei einem Spurwechsel nicht gefährdet werden.
    •    Überholen Sie nicht sofort, wenn Fahrzeuge vor Ihnen die Fahrt verlangsamen. Rechnen Sie mit abbiegenden Autofahrern.
    •    Passen Sie Ihre Geschwindigkeit dem Streckenverlauf und der Verkehrsdichte an.
    •    Halten Sie in Kurven Abstand zum Mittelstreifen.
    •    Planen Sie eine Sicherheitsreserve ein, damit Sie notfalls ausweichen können.

    Tipps für Pkw-Fahrer
    •    Versuchen Sie, die Geschwindigkeit des Zweirades richtig einzuschätzen. Sollten Sie sich einmal verschätzen, geben Sie dem Motorradfaher so viel Raum wie möglich.
    •    Achten Sie beim Abbiegen nach links immer auf die schmale Silhouette entgegenkommender Motorradfahrer.
    •    Schauen Sie bei schwierigen Lichtverhältnissen (Blendung, Hell-Dunkel-Felder auf Waldstrecken) lieber zweimal hin, bevor Sie losfahren.
    •    Fahren Sie deutlich: Halten Sie an, während sie warten. Fahren Sie zügig los, wenn die Kreuzung frei ist.
    •    Gehen Sie bei Wendemanövern mit besonderer Aufmerksamkeit vor.
    •    Verlassen Sie sich nicht allein auf die Rückspiegel. Vergewissern Sie sich beim unverzichtbaren Schulterblick, dass Motorräder nicht durch die B- oder C-Säule des Pkw verdeckt werden.
    •    Geben Sie jederzeit und rechtzeitig Blinkzeichen.
    •    Vermeiden Sie hektische Spurwechsel.
    •    Statten Sie Ihr Fahrzeug mit einem asphärischen Außenspiegel aus, der den „toten Winkel“ sichtbar macht.
    •    Schneiden Sie keine Kurven.
    •    Passen Sie auf kurvigen Strecken Ihre Geschwindigkeit dem Fahrbahnverlauf an.



  • Grundregeln für das bessere Motorradfahren
    •    Vertrauen Sie nie auf die eigene Vorfahrt.
    •    Fahren Sie immer für den Pkw-Fahrer sichtbar.
    •    Unterschätzen Sie nie die Geschwindigkeit eines Zweirades.
    •    Fahren Sie vorausschauend, defensiv und bremsbereit.
    •    Rechnen Sie mit den Fehlern anderer. Deutliche eigene Fahrweise und der „siebte Sinn“ steigern Ihre Sicherheit.
    •    Vorsicht statt Vertrauen. Rechnen Sie als Motorradfahrer immer damit, dass sie nicht bemerkt wurden.
    •    Tragen Sie als Motorradfahrer einwandfreie Schutzkleidung.
    •    Trainieren Sie schwierige Situationen regelmäßig bei einem Fahrsicherheitstraining.


  • Fit für den Ernstfall: Fahrertraining
    Nur wer Gefahrensituationen immer wieder durchspielt und trainiert, verhält sich im Ernstfall souverän. Dabei geht es nicht nur um das fahrerische Können, sondern auch um die richtige mentale Vorbereitung auf plötzliche Gefahrensituationen. Beides wird Auto- und Motorradfahrern beim ADAC-Sicherheitstraining vermittelt. Die Angebotspalette ist groß.
    Pkw-Training: Vom Basis-Training über das Aufbau-Training bis zum Perfektions-Training – auf bundesweit 60 Anlagen üben Teilnehmer viele Fahrtechniken, um im Ernstfall richtig und schnell zu reagieren. Trainings nur für Frauen sind ebenso im ADAC-Angebot wie Kurse für junge Fahrer. Das eintägige Basis-Training kostet ab 86 €.

    Motorrad-Training: Die Kurse reichen von Basis- und Intensiv-Trainings bis zu Perfektions-Trainings und Kursen mit Ausfahrt. Zudem gibt es Spezialangebote für Roller-, Enduro- oder Trial- Fahrer. Für alle, die schon lange nicht mehr gefahren sind und über keine eigene Maschine verfügen, hat der ADAC gemeinsam mit Hon- da das Wiedereinsteiger- Training »Fun&Safety« entwickelt; hier erhalten die Teil- nehmer eine komplette Leihausrüstung (ABS-Maschine und Sicherheitskleidung).

    Info & Buchung in den ADAC-Geschäftsstellen, unter Tel. 01805121012 (0,14 €/ Min., dt. Festnetz) oder www.adac.de/sicherheitstraining.


  • Forderungen des ADAC zur Motorradsicherheit
    Motorrad-ABS
    Die ABS-Pflicht für Motorräder ist beschlossene Sache. Der ADAC fordert eine schnellere Einführung. Denn durch Motorrad-ABS könnten viele der jährlich etwa 4000 auf Motorrädern verunglückten Verkehrstoten in Europa gerettet werden.
    Die EU-Entscheidung zum verpflichtenden Einbau von ABS-Systemen in Motorrädern über 50 ccm ist ein großer Schritt für mehr Verkehrssicherheit auf europäischen Straßen. Allerdings kritisiert der ADAC den Zeitpunkt des Inkrafttretens dieser Verpflichtung im Jahr 2016, denn in Europa sind derzeit rund 4000 Motorrad-Unfalltote pro Jahr zu beklagen.
    Diese Zahl könnte laut ADAC Unfallforschung drastisch gesenkt werden. "Mit dem Motorrad-ABS können pro Jahr in  Europa mehr als 500 Menschenleben gerettet werden. Deshalb macht es doch keinen Sinn, hier bis 2016 zu warten. Die Technik ist schließlich vorhanden, ausgereift und mit rund 100 Euro Herstellungskosten relativ günstig. Die verpflichtende Einführung sollte deshalb früher gelten", so ADAC Vizepräsident für Technik Thomas Burkhardt.
    Schon heute sind in Deutschland zwei von drei neu zugelassenen Motorrädern mit ABS ausgestattet. Mit diesem Antiblockiersystem kann schneller und besser gebremst werden. Dank dieser Technologie lassen sich selbst beim Bremsen auf nasser Fahrbahn Verzögerungswerte erreichen, die kaum ein Viertel der Motorradfahrer ohne Hilfe des ABS bei Trockenheit schafft.
     Besonders auf wechselndem Untergrund spielen moderne ABS-Systeme ihre Stärke aus. Feuchtes Laub, Gullydeckel oder Splitt verlieren damit im Falle einer Notbremsung einen erheblichen Teil ihres Risikopotenzials.

    Sonderregelung für Motorradfahrer im Stau
    Aus Sicherheitsgründen sollten Motorradfahrer nicht zum Ausharren im Stau gezwungen werden, da das stundenlange Warten in Hitze oder Kälte zum Ermüden des Motorradfahrers führt und dadurch erhebliche Gefahren schafft. Der ADAC befürwortet daher eine Sonderregelung für Motorradfahrer im Stau, vorausgesetzt, folgende Rahmenbedingungen werden berücksichtigt:
    •    Die Freigabe der Standspur für Zweiradfahrer ist besser als die Nutzung der Rettungsgasse.
    •    Nur an stehenden Fahrzeugen, nicht schon bei zähfließendem Verkehr darf mit geringer Geschwindigkeit (20 km/h) und gebotener Vorsicht vorbeigefahren werden.
    •    Die Autobahn ist bei Stau an der nächsten Anschlussstelle zu verlassen.
    •    Ausreichender Sicherheitsabstand ist zur Vermeidung kritischer Situationen mit anderen Verkehrsteilnehmern unerlässlich.

    Infrastruktur verbessern
    Für mehr Motorradsicherheit haben sich Unterfahrschutz an Schutzplanken und eine bessere Kennzeichnung besonders gefährlicher Strecken für Motorradfahrer bewährt. Da notdürftig reparierte Schlaglöcher sowie Risse im Asphalt eine nicht zu unterschätzende Gefährdung der Motorradfahrer darstellen fordert der ADAC, für die Beseitigung der Straßenschäden mehr Geld zur Verfügung zu stellen. Um die Motor- radsicherheit zu erhöhen, fordert der ADAC von der Politik und von den Straßenverwaltungen sog. Sicherheits-Checks von bekannten Motorradstrecken durchzuführen und die daraus folgernden Maßnahmen zügig umzusetzen. Ein geeignetes Verfahren wurde vom ADAC mitentwickelt. In hierzu durchgeführten Veranstaltungen wurden rund 1000 Behördenvertreter speziell über geeignete Sicherheitsmaßnahmen im Straßenraum informiert. In einer Fachbroschüre „Motorrad fahren – auf sicherer Straße“ werden diese erfolgreichen Maßnahmen ausführlich dargestellt mit dem Ziel, Nachahmer zu finden.


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