DruckenPDFBookmark

Praxistipps beim Bremsen

Eine Notbremsung mit dem Motorrad stellt immer eine nervenaufreibende Gratwanderung dar zwischen möglichst kurzem Bremsweg und nicht blockierendem Vorderrad. Verständnis der Zusammenhänge und Training helfen weiter.
  • Bremsen: Eine Gratwanderung

    Das starke und effektive Abbremsen eines Motorrades zur Vermeidung eines Unfalls zählt zu den schwierigsten Fahrmanövern auf dem Motorrad. Dabei ist gleichgültig, ob eine fröhlich-dynamische oder eine ausgeprägt defensive Fahrweise bevorzugt wird. Von jedem Motorradfahrer kann durch unvorhersehbare Ereignisse in Sekundenbruchteilen maximale Leistung für eine Notbremsung abgefordert werden. Deswegen gilt: Regelmäßiges, konsequentes Üben bietet hohe Gewähr, die Bremsen in Gefahrensituationen richtig zu bedienen. Diese Übungen sollen natürlich nur auf nicht öffentlichem Gelände, am Besten im Rahmen eines Sicherheitstrainings durchführen werden und beginnen mit niedrigen Verzögerungen, die nach und nach gesteigert werden.

    Wer die eigene Qualifikation an der Bremse verbessert, wird neben dem Spaß an der professionellen Bedienung des Motorrades ein sicheres und souveränes Fahrgefühl entwickeln.

    Ergänzende physikalische Erläuterungen

    Bremsdynamik des Motorrads  PDF, 160 kB

     

    Bremsbetätigung in zwei Schritten

    Auch in Paniksituationen den Bremshebel nicht schlagartig ziehen, sondern anfangs vergleichsweise gefühlvoll aber zügig betätigen. Anderenfalls besteht die Gefahr, das unbelastete Vorderrad zu überbremsen, bevor es überhaupt hohe Bremskräfte übertragen kann. Erst wenn sich die Bremsbeläge voll angelegt haben, der Druckpunkt am Bremshebel klar zu spüren ist, und die erhöhte Vorderradlast den Reifen satt auf den Untergrund drückt, kann der Bremsdruck der Situation angepasst schnell gesteigert werden. Die genannten Abläufe und Beobachtungen immer weiter verinnerlichen und schrittweise beschleunigen, so dass die mehrstufige Bremsenbetätigung zur absoluten Gewohnheit wird.

     

    Konzentration auf die Vorderradbremse

    Mit steigender Verzögerung parallel zur Radlastverschiebung nach vorne die Bremskraftverteilung von beiden Bremsen zur Vorderradbremse verlagern. Ein blockierendes Hinterrad trägt meist wenig zur Gesamtverzögerung bei, führt andererseits aber zur Instabilität des Motorrades, die kontrolliert werden muss, und zu erhöhtem Reifenverschleiß. Deswegen sollte ein Hinterradblockieren so gut es geht vermieden werden, auch wenn die volle Aufmerksamkeit der Vorderradbremse gilt.

     

    Kupplung ziehen, Reifenreaktionen beachten

    Bei einer Vollbremsung wird selbstverständlich zeitgleich mit der Bremsbetätigung die Kupplung voll gezogen, um das Verzögern des Hinterrades durch das Motorbremsmoment und das Abwürgen des Motors bei niedriger Geschwindigkeit auszuschließen. Während der eigentlichen Bremsphase mit hohen Verzögerungen können die Reifenreaktionen (wie Profilgeräusche oder Kratzgeräusche auf Schotter) wichtige Informationen über die Haftgrenze geben, denn schließlich ist eine Vollbremsung mit dem Motorrad immer eine Gratwanderung, die nur ein ABS entschärfen kann. Bereits bei den geringsten Anzeichen eines blockierenden Rades den Bremsdruck reduzieren, die Bremse allerdings nur auf rutschigem Untergrund vollständig öffnen. 

    Die verheerende Wirkung eines blockierenden Vorderrades besteht nicht nur in dem meist plötzlichen Zusammenbruch der Seitenführungskräfte am Vorderreifen, sondern auch in dem schlagartigen Wegfall des stabilisierenden Kreiseleffektes des nicht mehr drehenden Vorderrades.

     

    Bei hohen Verzögerungen Überschlag vermeiden

    Auf trockenem, griffigem Straßenbelag wird meist gegen Ende der Bremsung bei niedrigen Geschwindigkeiten das Hinterrad "sehr leicht" solange bis es abhebt. Dies gilt in besonderer Weise für Motorräder mit hohem Schwerpunkt und langen Federwegen (Enduros, Super-Motos).In dieser Situation, die vielfach zu spät erkannt und erspürt wird, den Bremsdruck geringfügig reduzieren. Wegen der meist niedrigen Geschwindigkeit verlängert sich der Bremsweg hierdurch nur wenig. Mit ansteigendem Hinterrad steigt auch der Schwerpunkt des Motorrades. Damit wird eine mögliche Überschlagtendenz verstärkt. Also, je früher dem steigenden Hinterrad entgegen gewirkt wird, um so unkritischer wird die Situation. 

    Unter Übungsbedingungen sind auf trockener Straße je nach Qualität von Reifen und Straßenbelag Geradeaus-Verzögerungen von bis zu 10 m/s² möglich, im realen Verkehrsgeschehen sind Verzögerungen um 8 bis 9 m/s² als hervorragende Werte zu sehen.

     

    Beste Übungsmöglichkeit: Sicherheitstraining

    Die Komplexität dieser Zusammenhänge lässt sich am einfachsten im Rahmen eines Sicherheitstrainings auf abgesperrter Strecke erfahren. Das Ziel der Fahrübungen ist es, die Koordination der Wahrnehmungen und des eigenen Handelns soweit zu optimieren, dass ein echtes Sicherheitsgefühl entsteht. Der Fahrer soll erfahren, welch hohe Verzögerungen unter optimalen Bedingungen möglich sind. In extremen Verkehrssituationen kann er dann das gesamte Potential moderner Bremsen optimal nutzen.


  • Weitere Tipps zu Bremsungen
    • Auf den ersten Metern jeder Fahrt durch einen kurzen prüfenden Griff bzw. Tritt die "Tagesform" der Bremsen checken. Dies gilt besonders nach längerer Standzeit der Maschine.
    • Vollbremsungen besonders aus hohen Geschwindigkeiten sind unkomfortabel, stellen echten Stress dar und erfordern entschlossenes Handeln, ganz besonders, wenn sie auf öffentlicher Straße durch plötzliche Ereignisse erzwungen werden. Je routinierter die Abläufe – Dank Training – bei starken Bremsungen ablaufen, um so höher sind die Chancen, alle Möglichkeiten der Unfallvermeidung zu nutzen. Dies gilt besonders für Fahrten mit Beifahrer/-in. Das Bremsen also ggf. auch mit Beifahrer trainieren, um diesen mit den hohen Verzögerungen (Kräften) vertraut zu machen.
    • Zu dem entschlossenen Handeln zählt vor allem, möglichst zügig ein hohes Verzögerungsniveau zu erreichen. Eine hohe Verzögerung zu Beginn der Bremsung verkürzt den Bremsweg am effektivsten. Dabei allerdings die Bremse nicht schlagartig einsetzen.
    • Vor Vollbremsungen möglichst eine "gesammelte", gerade Sitzhaltung einnehmen. Unterkörper mit den Beinen gut am Tank, Arme mit leichter Beuge auf entspannten Händen abstützen. Während der Bremsung möglichst nicht nach vorne in Richtung Tank rutschen.
    • Bei Geradeausbremsung darauf achten, dass auf beide Lenkerenden die gleichen Kräfte wirken. Brems- und Kupplungshebel müssen ohne Einschränkungen zu betätigen sein. Besonders Bremshebellage und -weite vor Fahrtbeginn prüfen und ggf. korrekt einstellen. Bei der Bedienung des Bremshebels möglichst den Gasgriff nicht geöffnet "einklemmen", damit der Motor nicht unbelastet hochdreht.
    • Die Bremsung selbst möglichst mit der Fußbremse beginnen. Dadurch überträgt sich der Drehimpuls des Hinterrades auf die gesamte Maschine, das Vorderrad wird schneller belastet, die Vorderradbremse kann schneller voll eingesetzt werden.
    • Der Blick sollte grundsätzlich – nicht nur beim Bremsen – geradeaus und nicht direkt vor das Vorderrad gerichtet sein. Kritische Situationen, die Vollbremsungen erzwingen, können so in vielen Fällen früher erkannt werden, der verfügbare Verkehrsraum für Unfall verhütende Maßnahmen wird größer.
    • Wird eine Vollbremsung erzwungen: Überblick bewahren, Fluchtwege ausloten, Straßenbelag prüfen! Die Bremsbetätigung kann somit an wechselnde Untergründe angepasst werden. Vielfach finden sich auch neben Verschmutzungen bzw. Asphalt- oder Bitumenflicken Straßenbereiche, die ausreichenden Grip für eine starke Bremsung versprechen.
    • Bei Fahrten in Gruppen abhängig von den Geschwindigkeiten die Abstände anpassen. Versetzt fahren um voraus liegende Ereignisse möglichst schnell erkennen zu können. Durch zu geringen Abständen in einer Gruppe können schnell sogenannte Bremswellen entstehen. Während der 1. Fahrer nur schnell das Gas schließt und damit relativ schwach verzögert, müssen die nachfolgenden Fahrer wegen des kürzer werden Verkehrsraumes um so mehr Bremsen, je weiter hinten sie in der Gruppe fahren. Der letzte Fahrer muss dann meist mit hoher Verzögerung „kämpfen“, um nicht auf den Vordermann aufzufahren.
    • Bei Fahrten in Fahrzeugkolonnen so viel wie möglich den rückwärtigen Verkehr beobachten. Gute Motorradbremser überfordern die meisten hinterherfahrenden Autofahrer bei schnellen und gekonnten Bremsungen. Dies gilt besonders bei schneller Fahrt auf der Autobahn, wenn der Abstand des nachfolgenden Fahrzeugs sehr gering ist. Ein schnelles Motorrad verzögert – je nach Motorisierung – allein durch Schließen des Gasgriffes wegen des höheren Luftwiderstandes und des niedrigeren Gewichts deutlich stärker als ein Pkw. In dieser Situation wird es für den Fahrer des nachfolgenden Pkw, der kein Bremslicht zu sehen bekommt, schnell sehr eng. Solche Situationen kann der Motorradfahrer entschärfen, indem er möglichst den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug vergrößert und vor dem Schließen des Drosselklappen kurz den Fußbremse antippt, um ein Signal nach hinten zu geben.
    • Kritisch wird eine erzwungene schnelle Bremsbetätigung im direkten Anschluss an eine Beschleunigungsphase, z.B. während des Anfahrvorganges oder bei Überholmanövern. Durch die Beschleunigung wird das Vorderrad stark entlastet und kann die Bremskräfte nicht oder nur begrenzt übertragen. In solchen Situationen den Fuß auf dem Bremshebel in Bereitschaft bringen, damit die Fußbremse schnell und intensiv betätigt werden kann, die Vorderradbremse möglich erst einsetzen, wenn das Vorderrad wieder satt belastet ist.
    • Der verfügbare Grip auf regennassen Straßen ist für jeden Motorradfahrer nur schwer abzuschätzen. Hier hilft nur eines: Fahrgeschwindigkeit reduzieren, Abstände vergrößern, Bremsungen sanfter vornehmen ... oder eine Maschine mit ABS fahren! Zur Prüfung der Reibverhältnisse kann eine angepasste Hinterradbremsung dienen. Kritisch sind bekanntlich die Reibwerte bei einsetzendem Regen. Verschmutzungen, die auf trockener Fahrbahn unauffällig sind, können bei wenig Feuchtigkeit bereits rutschig werden. Deswegen besonders zu Beginn eines Regenschauers vorsichtig fahren und bremsen. Nach länger anhaltendem Regen verbessern sich meist die Reibwerte der Straße.
    • Nach längeren Regenfahrten, während denen die Scheibenbremsen nur mäßig genutzt wurden, kann die Bremswirkung trotz trockener Scheiben schlechter sein, als es vor der Regenfahrt war. Die Bremse fühlt sich dann etwas stumpf an. Erst nach einzelnen stärkeren Bremsungen "regeneriert" sich die Bremse wieder. Die Erfahrung, dass eine Bremse mit intensiverer Benutzung wirksamer wird und meist besser anspricht, kann jeder Fahrer oder jede Fahrerin nach zügigen Rennstreckenrunden mit häufigen starken Bremsungen machen.
    • ABS-Maschinen werden grundsätzlich wie Motorräder ohne ABS gebremst, also in mindestens 2 Schritten (siehe oben). Der einzige Unterschied bei Geradeausbremsungen: Nach dem Anlegen der Bremsbeläge kann der Bremsdruck zügiger und stärker erhöht werden, als bei Motorrädern ohne ABS. Bei Geradeaus-Notbremsungen sollte in den ABS-Regelbereich hineingebremst werden. Trotzdem gilt: Kein Klammergriff am Vorderradbremshebel. Gegen Ende der Bremsung auf das Heck des Motorrades achten: Ein Ansteigen möglichst früh durch leichtes Reduzieren des Bremsdruckes abfangen. Die Möglichkeiten des ABS sind die besten Voraussetzungen, um Geradeausbremsungen auf hohem Niveau zu üben, natürlich nur auf nicht öffentlichen Strecken.
    • Jede Bremsung dient auch als Funktionsprüfung der Bremsanlage. Sollte sich die Bremse bei einer starken Bremsung ungewohnt verhalten haben, einen Check der Anlage durchführen. 
    • Für effektive Bremsungen muss die Technik perfekt mitspielen.
    • Die Bremshebel müssen korrekt positioniert und geschmeidig leichtgängig sein, die Vorderradgabel sollte straff gedämpft arbeiten und vollständig dicht sein. Auch nach einer leichten Bremsung müssen die Bremskolben ohne Verzögerung in die Ausgangsposition zurückweichen, das Rad muss frei drehbar sein. 
      Die Bremsbeläge möglichst frühzeitig ersetzen (ca. bei halber Abnutzung). Bremsscheibe schon vor der Mindeststärke, bei starker Riefenbildung und bei Verformungen unbedingt ersetzen. Unbedingt und unabhängig von der Nutzungshäufigkeit des Motorrades: Spätestens alle 2 Jahre Bremsflüssigkeit tauschen. Entsprechend den Herstellervorgaben auch einen Tausch der Bremsschläuche erwägen. Dabei kann die Umrüstung auf Stahlflex-Leitungen wirtschaftlich und technisch am sinnvollsten sein.
      Auch kleine Abweichungen von dem „Idealzustand“ ernst nehmen und ggf. Wartungsarbeiten vornehmen lassen.

  • Bremsen in der Kurve
    • Beim Anbremsen von Kurven sich darauf einstellen, dass die Lenkkräfte bei betätigter Vorderradbremse und zunehmender Schräglage sehr hoch werden können (Erklärung hierfür siehe auch in dem PDF-Dokument "Bremsdynamik des Motorrades"). Deswegen sind besonders bei unbekannter anspruchsvoller Kurvenstrecke starke Bremsungen bis tief in Kurven hinein zu vermeiden.
    • In Kurven nicht schlagartig mit der Vorderradbremse bremsen, da sich das Motorrad heftig aufrichten wird. Die Ausprägung dieses Effektes ist von Motorradtyp, Lenkgeometrie und Reifenkonstruktion abhängig. Auf der anderen Seite: Zur Unterstützung von schnellen Schräglagenwechseln kann die Vorderradbremse gezielt eingesetzt werden, um den Lenkimpuls zu unterstützen.
    • Bei unvermeidlichen Bremsungen den Bremsdruck sanft steigern und den Lenkimpuls durch bewusstes Festhalten des Lenkers oder sogar durch Gegenlenken (entgegen der Kurvenrichtung) abfangen.
    • Auch bei dynamisch-fröhlicher Fahrweise genügend Schräglagenreserven bewahren, um bei sich zuziehenden Kurven möglichst ohne Bremsung den Kurvenbogen mit etwas mehr Schräglage sauber fahren zu können.
    • Die Hinterradbremse kann bei Kurvenfahrt hervorragend zur Steuerung der Schräglage des Motorrades genutzt werden. So kann mit der Hinterradbremse stressfrei die Schräglage und der Kurvenradius korrigiert werden. Voraussetzung für eine schnelle Reaktion ist dabei, dass der Fuß bremsbereit auf dem Bremshebel liegt. Je nach den Eigenschaften der Hinterradbremse dürfen natürlich nur vergleichsweise sanfte Drücke eingesteuert werden. Einfach mal ausprobieren. Wenn die Schräglagenreserven des Reifens bereits voll ausgenutzt sind, sind die Bremsen tabu.

  • Bremsdynamik des Motorrades

    Wissenswertes zur Bremsdynamik des Motorrades finden Sie hier

    Bremsdynamik des Motorrads  PDF, 160 kB


  • Der wichtigste Tipp

    Wenn der Kauf eines neuen oder gebrauchten Motorrades ansteht, unbedingt ein Modell mit ABS aussuchen!! ABS bringt einen unschätzbaren Sicherheitsgewinn.


    Weitere Infos: Aktuelle Motorradmodelle mit ABS


Weitere interessante Themen für Sie

Tests für Motorrad & Roller

Motorrad- und Roller-Tests

Elektroroller, Airbagsysteme, Helme, Motorradnavis und mehr auf dem Prüfstand des ADAC Mehr

Aktuelles & Veranstaltungen

Neueste Informationen und Termine rund ums motorisierte Zweirad Mehr


Ihr Kontakt zum ADAC: Hilfe, Rat und Schutz für Ihre Mobilität