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Der elektrische Schutzengel

eCall für Motorräder

Bei der ein oder anderen technischen Neuerung dieser Tage mag sich so mancher die Frage nach dem tieferen Sinn stellen. Das Zeitalter der zunehmenden Vernetzung bringt jedoch – neben allerlei digitalen Spielereien – auch große Chancen auf Verbesserung mit sich. Ein Dauerthema im Straßenverkehr ist die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer. „eCall“ (kurz für „emergency call“ - dt.: „Notruf“) soll neben den Autofahrern nun auch vermehrt die Fahrer auf zwei Rädern schützen. Doch das System hat Startschwierigkeiten…

  • Was ist eCall? Wie funktioniert es?

    „eCall“ ist ein fahrzeugintegriertes Notrufsystem, das unabhängig vom restlichen Fahrzeug funktionsfähig ist. Kommt es zu einem Unfall registrieren die eingebauten Sensoren die Härte des Unfalls und das System setzt gegebenenfalls eigenständig einen Notruf über das Mobilfunknetz ab. Mit Hilfe eines GPS-Empfängers wird der genaue Aufenthaltsort des Verunfallten an die Leitstelle übermittelt. eCall ist ein „schlafendes System“. Das bedeutet, dass das System nur im Notfall automatisch ausgelöst wird. Darüber hinaus kann über das System auch manuell vom Fahrer der Kontakt zur Leitstelle hergestellt werden.


  • Welchen Zweck soll eCall erfüllen? Welche politische Zielsetzung steht dahinter?

    Kommt es auf unseren Straßen zu einem Unfall sind Motorradfahrer im Vergleich zu Autofahrern einem weitaus höherem Risiko ausgesetzt. Zum ersten Mal seit 2001 ist die Zahl der Verkehrstoten in Europa wieder gestiegen. Etwa 26.000 Menschen sind im vergangenen Jahr bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen – durchschnittlich also 71 Menschen pro Tag. Mit Hilfe von eCall soll diese Zahl um bis zu 10 Prozent reduziert werden können. Auf lange Sicht soll sich eCall als EU-weites, einheitliches Notrufsystem etablieren. Neben der Überwindung etwaiger Sprachbarrieren wäre vor allem die erheblich kürzere Reaktionszeit der Rettungskräfte ein gewichtiges Argument für eine zügige Etablierung des Systems. In städtischen Gebieten sei eine bis zu 40 Prozent schnellere Reaktionszeit, in ländlichen Gebieten eine sogar 50 Prozent schnellere Reaktionszeit zu erwarten: und dadurch eine wesentlich schnellere Hilfe für verunfallte Personen, die nicht mehr in der Lage sind, selbst Hilfe zu holen.


  • Stand eCall Automobil

    Das EU-Parlament in Brüssel beschloss, dass ab 2015 jeder Neuwagen in Europa mit eCall ausgestattet sein muss – die Frist dafür wurde 2014 allerdings nochmals verlängert: ab 2018 ist es dieses Mal aber wirklich so weit. Doch das elektronische Notrufsystem ist bei den großen Fahrzeugherstellern mittlerweile ohnehin weit verbreitet. Halter älterer Automobile können beispielsweise mit Hilfe eines Steckers für den Zigarettenanzünder nachrüsten. In Zusammenarbeit mit dem Zulieferer Bosch entwickelten die deutschen Versicherer beispielsweise ein eigenes eCall-System. Die Kosten für den Verbraucher sollen dabei im unteren zweistelligen Bereich liegen – und als Zusatz zur bestehenden Versicherung erhältlich sein.

    Laut Angaben des Herstellers registrieren Beschleunigungssensoren im Stecker die Härte des Aufpralls und senden diese zusammen mit anderen Informationen wie dem genauen Aufenthaltsort des Unfallfahrzeugs an eine App auf dem Smartphone des Fahrers. Von da an wird die Rettungskette wie bei anderen eCall-Systemen in Gang gesetzt. So „normal“ wie eCall im Automobilbereich bereits zu sein scheint, ist es in der Welt der zwei Räder allerdings bei Weitem noch nicht.


  • Stand eCall Motorrad

    Bei Verkehrsunfällen sind Motorradfahrer so gut wie immer einem deutlich höheren Risiko ausgesetzt als Autofahrer. Helm und Schutzkleidung haben sich Jahr für Jahr zwar stetig verbessert doch ersetzen sie dennoch weder Airbag noch eine schützende Karosserie. Umso dringender erscheint da im Fall eines Unfalls auch für Motorradfahrer eine schnelle, präzise Hilfe garantieren zu können. Der ADAC Motorradnewsletter hat für Sie einen Überblick über eCall-Systeme für Motorräder zusammengestellt:


    „Rider-Ecall“ – Schuberth

    Große Erwartungen wurden 2013 mit dem „Rider-Ecall“ von Helmhersteller Schuberth unter Mitwirkung von Bosch geknüpft. Eine Helm- und eine Fahrzeugeinheit sind dabei über Funk miteinander verbunden. Das System überwacht mit Hilfe von fünf Sensoren die Fahrt, misst den Neigungswinkel oder auch die Beschleunigung des Fahrzeugs. Leider reagierten die Sensoren allerdings viel zu schnell und viel zu sensibel bei kleineren Erschütterungen oder wenn sich der Fahrer zu stark in die Kurve legte. Die Folge waren scheinbar unzählige Fehlalarme. Im Frühjahr 2014 wurde das System nach nur einem Jahr vom Markt genommen.


    „Connectivity Control Unit – CCU“ – Bosch

    Auch im Motorradbereich ist das Gerlinger Unternehmen beim Thema eCall vorne mit dabei. Mit der „Connectivity Control Unit“ (kurz: „CCU“) hat Bosch bei der EICMA in Mailand 2014 ein eigenes System in den Ring geworfen. Die Grundidee des CCU ist die Erfassung von Fahrzeugdaten und die anschließende Übermittlung an den Fahrzeughersteller beziehungsweise die Bosch Service-Plattform. Neben dem automatischen Absetzen eines Notrufs ergeben sich auch diverse andere Nutzungsmöglichkeiten: die Ermittlung des Aufenthaltsorts nach einem Diebstahl, eine Ferndiagnose für Fehler in der Elektronik oder auch die Erstellung eigener Routen-Tagebücher. Welche Fahrzeugdaten die CCU über den On-Board-Diagnose(„kurz: „OBD“)-Kontakt des Fahrzeugs bekommt, liegt dabei in den Händen der Hersteller. 


    „Intelligenter Notruf“ – BMW Motorrad 

    Die Münchner haben im Hinblick auf die Sicherheit der Motorradfahrer ein deutliches Signal an die Konkurrenz gesendet: bereits ab 2017 soll ein eigenes eCall-System mit dem Namen „Intelligenter Notruf“ als Sonderausstattung ab Werk verfügbar sein. Der Notruf kann je nach Schwere des Unfalls automatisch oder manuell vom Fahrer über das System abgegeben werden. Der erste Ansprechpartner für den Verunfallten befindet sich in einem BMW Call Center, an den zunächst die Eckdaten wie Zeitpunkt und genauer Ort des Unfalls übermittelt werden. Wohl auch im Rückblick auf die Fehler anderer Hersteller in der Vergangenheit betonen die Münchner die Präzision und ausgefeilte Sensorik ihres Systems. Es reagiert demnach nur bei tatsächlichen Unfällen, nicht etwa bei einem Umfallen des Fahrzeugs im Stand. Darüber hinaus ist der „Intelligente Notruf“ - anders als die Konkurrenzprodukte – unauffällig in der rechten Lenkerhälfte verbaut. Um eine international gleich wirksame Hilfe garantieren zu können, ist es dem verunfallten BMW-Fahrer möglich, in seiner Muttersprache mit dem BMW Call Center zu kommunizieren. Was den Mehrpreis für die Sonderausstattung angeht, hält sich BMW allerdings noch bedeckt.


    „dguard“ – digades

    Zielstrebig und ambitioniert nahmen die Entwickler des Zittauer Elektronikunternehmens digades das Thema Sicherheit und Mobilität für Motorradfahrer in Angriff. Und das Ergebnis lässt wirklich aufhorchen: mit dem „dguard“ ist den Sachsen scheinbar ein großer Wurf gelungen. Nicht umsonst wurde er zum Produkt des Jahres auf der Mailänder Motoradmesse EICMA 2015 gekürt. Der „dguard“ unterscheidet sich in der Funktionsweise nicht wesentlich von den Produkten der anderen Hersteller. Die Komponenten für das automatische Auslösen des Notrufs sind im Fahrzeug verbaut – der Knopf für die manuelle Anforderung des Notrufs kann relativ unauffällig am Lenker montiert werden. Darüber hinaus hat digades eine eigene App für Smartphones entwickelt, über die zusätzlich zum Notrufsystem eine Diebstahlsicherung eingerichtet werden kann. Wird das Motorrad in Abwesenheit des Fahrers bewegt, sendet das System eine Nachricht auf das Smartphone des Besitzers. Verkaufsstart des Systems war Mitte Mai 2016 – bleibt abzuwarten, wie die Biker den „dguard“ annehmen. Mit einem Preis von knapp 500 Euro ist er allerdings definitiv kein Schnäppchen.


  • Chancen und Herausforderungen

    Die Intention, die Zahl der Verkehrstoten in der EU zu reduzieren ist - wenn auch etwas verspätet – durchaus zu begrüßen. Selbst wenn die Schätzungen mit 2.600 weniger tödlichen Unfällen etwas hoch gegriffen scheinen, sollte es in den Überlegungen jeder einzelne Fahrer wert sein, für eine möglichst hohe Sicherheit auf den Straßen zu sorgen. Gerade in entlegenen Regionen kann eine schnellere Hilfe durch die verschiedenen eCall-Systeme Leben retten. Doch Kritiker haben bereits Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes angemeldet. Je präziser und umfassender die Erfassung der Daten erfolgt, desto leichter werde es auch Bewegungsprofile der Fahrer zu erstellen. Gerade für Versicherungen wäre ein „gläserner Fahrer“ wohl besonders interessant. 

    Klärungsbedarf besteht vor allem hinsichtlich der ersten Anlaufstelle im Notfall. Beim Kauf eines eCall-Systems verwirkt der Fahrer aktuell in den meisten Fällen die Möglichkeit selbst wählen zu können, an wen sein Notrufsignal gesendet wird. Die Produkthersteller besitzen somit eine Art Datenmonopol, das es zu verhindern gilt.


  • Fazit
    Nachdem gerade für Motoradfahrer schnelle Hilfe wichtig ist, würde der ADAC eine Verbreitung der eCall-Systeme für Zweiräder begrüßen. Solange sie allerdings noch als relativ teure Gimmicks auf den Markt kommen, und ein strikte, langfristige Initiative der Politik fehlt, wird die flächendeckende Verbreitung der Notrufsysteme auch in naher Zukunft wohl eher schleppend verlaufen.
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