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Motorradfahren als Anti-Aging

„Es gibt keine Altersgrenze“

© mauritius images/Juice Images


Motorradfahren ist ein hervorragendes Anti-Aging-Rezept – sagt 
Dr. Christoph Scholl (69), Rennarzt und Organisator des ADAC Rennstreckentrainings. Die ADAC Motorwelt sprach mit ihm.

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  • Dr. Christoph Scholl, Rennarzt und Organisator des ADAC Rennstreckentrainings, gab der ADAC Motorwelt ein Interview.

    Motorwelt: Immer mehr ältere Menschen jenseits der 60 fahren Motorrad. Was halten Sie davon als Mediziner?
    Dr. Christoph Scholl: Zunächst einmal: Motorradfahren ist Sport, hier wird all das trainiert, was wir auch sonst beim Sport trainieren: Koordination, Ausdauer, Konzentration, Schnelligkeit, Beweglichkeit. Deshalb finde ich es grundsätzlich sinnvoll, wenn ältere Menschen Motorrad fahren. Ja, ich halte es sogar für ein besonders gutes Anti-Aging-Rezept, denn die zwei wichtigsten Aspekte von Longlife-Strategien kommen hier zusammen: Erstens Sport und Training, um Alterungsvorgänge aufzuhalten. Zweitens emotionale, soziale Kontakte. Beides haben wir beim Motorradfahren.

    Also nichts wie rauf aufs Motorrad, heißt die Devise für Senioren...
    Dr. Christoph Scholl: Stopp! Natürlich müssen die medizinischen Basics stimmen. Die große Gruppe der Motorradfahrer aus den geburtenstarken Jahrgängen hat inzwischen ein Alter erreicht, das uns mit Fakten konfrontiert, die es früher nicht gab: Jeder zweite Deutsche jenseits der 50 hat hohen Blutdruck, jeder siebte ist Diabetiker, mehr als 300.000 werden pro Jahr am Herzen operiert. Wir haben es also beim Motorradfahren mit medizinischen Problemen und Fragestellungen zu tun, die noch vor zehn Jahren undenkbar waren.

    Was also rät der Arzt den älteren Bikern oder Wiedereinsteigern? 
    Dr. Christoph Scholl: Ich rate immer: „Vor dem Luftdruck erst den Blutdruck prüfen.“ Konkret: Man sollte sich unbedingt, wie bei jedem Sport, gründlich vom Arzt checken lassen. Das gilt nicht nur für Neu- oder Wiedereinsteiger, sondern genauso für die seit Jahren aktiven Fahrer. Es sollte ja auch niemand Marathon laufen, der nicht vorher seine Basics hat untersuchen lassen und für geeignet befunden wurde. Also: Eventueller Bluthochdruck muss richtig behandelt sein, Diabetes muss erkannt und eingestellt sein, die Sehschärfe muss stimmen, eine Herzschwäche darf natürlich auch nicht vorliegen. Und dann sollte sich jeder Motorradfahrer ständig ein bisschen Training gönnen. 

    Was denn genau? 
    Dr. Christoph Scholl: Also erst einmal körperlich: Grundlegendes Konditionstraining zum Beispiel durch Wandern, Joggen, Fahrradfahren oder Zirkel-Training ist immer sinnvoll. Vor dem Fahren dann ein paar Aufwärm-, Dehnungs- und Lockerungsübungen. Was das Fahren an sich betrifft: Regelmäßiges Fahrtraining unter professioneller Anleitung. Hier sollte man den modularen Aufbau etwa der ADAC-Fahrsicherheitstrainings nutzen: vom Basistraining übers Intensiv- und Perfektionstraining bis zum Rennstreckentraining. 

    In welchem Verhältnis sollten Fitness und Fahren stehen? 
    Dr. Christoph Scholl: Grundsätzlich: Nicht zu große Pausen machen, sonst geht’s nicht vorwärts. Meine einfache Formel lautet: Wöchentlich einmal Sport machen und zweimal fahren. 

    Reicht denn die in jahrelanger Fahrpraxis erworbene Routine nicht aus, um sicher unterwegs zu sein? 
    Dr. Christoph Scholl: Die langt überhaupt nicht. Um Fähigkeiten bis ins Alter zu erhalten, müssen wir lebenslang trainieren und immer wieder neu lernen, auch übers alltägliche Genussfahren hinaus. Klar, es ist eine gute Voraussetzung, wenn Sie 30 Jahre Motorrad gefahren sind. Doch das entbindet nicht von Notwendigkeit, ständig zu üben. Sonst gehen Fähigkeiten und Automatismen – sprich: die Fahrsicherheit – verloren. Vor allem bei einer so hochkomplexen Sache wie dem Motorradfahren.

    Gibt es, selbst bei regelmäßigem Training, eine Altersgrenze fürs Motorradfahren?
    Dr. Christoph Scholl: Es gibt beim Motorradfahren so wenig eine Altersgrenze, wie es fürs Hüftgelenk-Ersetzen eine Altersgrenze gibt. Das  hängt vom individuellen biologischen Alter ab. Wenn jemand fit ist, kann er meinetwegen noch mit 90 Motorrad fahren. 

    Gibt es, andersherum gefragt, ein Höchstalter für den Neu- oder Wiedereinstieg? 
    Dr. Christoph Scholl: Da gibt’s auch kein Höchstalter. Aber natürlich gilt: Je älter jemand ist, desto mehr Fahrtraining und professionelle Anleitung braucht er. Ein Jugendlicher kann erlernte Reflexe, also sein motorisches Programm, relativ schnell auch fürs Motorrad nutzen. Ältere Menschen sind zu dieser Adaption keineswegs unfähig, sie benötigen nur mehr Zeit. Aber es gibt für Sport – und Motorradfahren ist Sport – kein Höchstalter. Niemals im Leben, bei keiner Sportart.

    Wenn Fahrtraining so wichtig ist: Wie oft sollte man sich das gönnen? 
    Scholl: Sicherheitstraining oder Kurventraining empfehle ich stets zu Beginn jeder Saison. Das ist immer ein guter Auftakt – theoretisch wie praktisch. 

    Gibt es das „seniorentaugliche“ Motorrad? 
    Dr. Christoph Scholl: Das Motorrad muss natürlich zu einem passen. Das heißt, je älter man ist, desto mehr muss man auf eine gute Ergonomie achten. Da wäre  man ja bekloppt, wenn man sich als 80-Jähriger auf eine Rennsemmel hockt, wo man die Handgelenke belastet und gebückt mit gekrümmtem Rücken sitzen muss. Ich finde: Im vorgerückten Alter darf ein Motorrad ruhig bequem sein. Damit verleitet es dann automatisch auch zum lässigeren und unaufgeregten Fahren. 

    Interview: Claus Christoph Eicher 

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