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Handy am Steuer: Der Tod tippt mit

Ständig erreichbar, immer vernetzt: Viele Autofahrer wollen auch unterwegs nicht auf SMS, Facebook und WhatsApp verzichten. Eine neue „Sucht“ mit gefährlich hohem Unfallrisiko.

 

Axel Wagner hat keine Chance. Ungebremst rammt der Pkw sein Motorrad, die Wucht des Aufpralls schleudert ihn auf die Straße. Seine Suzuki knallt gegen die Leitplanke, überschlägt sich und landet im Straßengraben. Wagner wird verletzt, wochenlang hat er Schmerzen. Am Pfingstmontag 2014, bei Sonnenschein und bester Sicht, hatte die Unfallverursacherin, 33, ein Stoppschild missachtet, war viel zu schnell auf die Bundesstraße aufgefahren.


Der Grund? Zunächst unerklärlich. Bis die Polizei Zeugen des Unfalls befragt und erfährt, dass die Frau am Steuer und auch die Beifahrerin kurz vor dem Crash mit ihren Handys herumspielten. Als die Polizisten die Smartphones der beiden untersuchen, finden sie auf beiden Geräten Videos, die zeigen, wie der Unfall passierte. Nun erwartet die Fahrerin ein Verfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung.


Mehr und mehr Menschen besitzen Smartphones. Und viele wollen die digitalen Alleskönner auch unterwegs benutzen. Inzwischen wird im Auto nicht mehr nur telefoniert – man checkt während der Fahrt auch seine E-Mails, aktualisiert den Facebook-Status, beantwortet WhatsApp-Nachrichten oder lässt sich über den aktuellen Spielstand in der Fußball-Bundesliga informieren.


Handys als Beweismittel


ADAC Unfallexperte Thomas Unger sieht in der steigenden Zahl der bei Auffahrunfällen Verletzten und Getöteten ein Alarmsignal. Er ist überzeugt, dass viele Unfallverursacher kurz vor dem Aufprall auf ihre Handys schauten. ADAC Fahrzeugtechniker Hubert Paulus spricht von einer Smartphone-Seuche, die alle Erfolge bei der Verringerung der Zahl von Toten und Verletzten im Straßenverkehr gefährde. Im Kampf gegen diese „Seuche“ lässt Kölns Polizeidirektor Helmut Simon nach schweren Unfällen die Mobiltelefone der Beteiligten sicherstellen: „Für uns sind die Handys Beweismittel wie eine Schnapsflasche im Auto.“


Inzwischen hat der Gesetzgeber reagiert. Seit dem 1. Mai zahlen Autofahrer 60 statt 40 Euro, wenn sie ihr Handy während der Fahrt oder bei laufendem Motor in die Hand nehmen. Außerdem gibt es einen Punkt in Flensburg. Daimler-Manager Prof. Dr. Ralf Guido Herrtwich sieht trotzdem eine Generation heranwachsen, „die das Autofahren als Ablenkung vom SMS-Schreiben empfindet“.


Apps als Lösung?


Vollmundig versprechen die Autokonzerne deshalb die Handy-Integration in den Pkw, wollen SMS vorlesen lassen, Apps und Nachrichten auf dem Bildschirm am Armaturenbrett sichtbar machen. Allerdings mit bescheidenem Erfolg, wie eine ADAC Untersuchung zeigt („Motorwelt“ 5/2014). Oft hakt die Technik, stehen Funktionen nur für ein einziges Smartphone-Betriebssystem zur Verfügung. Den Mobilfunkunternehmen ist das Problem ebenfalls bewusst – überzeugende Lösungen sind aber auch bei ihnen Mangelware. So bewirbt die Telekom ihre App „AutoRead“ mit der Behauptung, der Autofahrer müsse dank „intuitiver Gestensteuerung“ seine Augen nicht mehr von der Straße abwenden, um sich SMS oder aktuelle Meldungen vorlesen zu lassen. Nur: Wie soll er Haken oder Kreise auf einen Touchscreen zeichnen, ohne dabei auf den Bildschirm und damit von der Straße wegzuschauen?


Andere Apps schalten das Mobiltelefon lautlos und beantworten neue Nachrichten mit Abwesenheitsmeldungen, sobald es sich in einem fahrenden Auto befindet oder der Besitzer mit dem Fahrrad unterwegs ist. Nach Ansicht von Hubert Paulus sind solche elektronischen Helfer unnötig. Schließlich könne jeder das Handygebimmel unterwegs einfach ignorieren – oder das Smartphone vor Fahrtbeginn in den Flugmodus versetzen.


Axel Wagners Unfall hätten solche Programme allerdings nicht verhindert – vor Rücksichtslosigkeit schützt die beste Technik nicht. Wochen nach dem Unfall ist er noch immer fassungslos: „Wie diese Frauen ein Menschenleben gefährden konnten, nur um ein Filmchen zu drehen – das werde ich nie verstehen.“ Und damit ist er nicht allein.


Text: Thomas Paulsen



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