DruckenPDF

Warum Navis wie Krücken sind

Für viele Autofahrer sind Navigationsgeräte unverzichtbare Wegweiser. Doch verlieren wir durch die digitalen Helfer langsam unseren Orientierungssinn?


Navis nerven manchmal, leiten aber meist bestmöglich ans Ziel. Inzwischen nutzen drei von vier Autofahrern die elektronischen Helfer, ersparen sich die Blätterei in Autoatlanten, das Hantieren mit großformatigen Stadtplänen, die verzweifelte Suche nach der richtigen Abzweigung. Im Idealfall bleibt so mehr Aufmerksamkeit für den Straßenverkehr – das Unfallrisiko sinkt. Vorbei die Zeiten, in denen manchem schon der Gedanke an die Fahrt durch eine unbekannte Stadt den Angstschweiß auf die Stirn trieb.


Navigation ist nur der Anfang


Gelegentlich berichtet eine Zeitung zwar von einem Autofahrer, weil ihn sein Navigationsgerät auf einen sumpfigen Waldweg lotste und er anschließend von einem hilfsbereiten Bauern aus dem Schlamm gerettet werden musste. Doch solche Fehlleistungen sind eher die Ausnahme, denn Navigationsgeräte haben sich das Vertrauen in ihre Leistungsfähigkeit inzwischen redlich verdienen können. 


Glaubt man Christof Hellmis von Here, einer Firma, deren digitale Karten von BMW, Honda oder auch auf ADAC Maps verwendet werden, ist die simple Navigation sowieso nur der Anfang. So könnten Autofahrer in nicht allzu ferner Zukunft von ihren Navis bei schlechtem Wetter vor Glatteisgefahr in einer nahenden Kurve gewarnt, bei einem Stau zielgenau auf eine freie Straße geführt werden. Und nicht mehr ins nächste Stop-and-Go auf der Ausweichroute, weil alle die gleiche Abfahrt empfehlen.


Bald werden die digitalen Karten wohl auch genutzt, um Pkw zumindest teilautomatisch über Autobahnen und Bundesstraßen zu leiten. Nur: Bezahlen wir diesen Gewinn an Komfort womöglich mit dem Verlust unseres ureigenen Orientierungssinns?


Der Schlüsselloch-Effekt


Prof. Dirk Burghardt von der TU Dresden spricht von einem "Schlüsselloch-Effekt" bei den Navi- Nutzern: Auf den kleinen Displays an der Autoscheibe oder im Armaturenbrett sehen sie während der Fahrt lediglich einen kleinen Ausschnitt ihrer Umgebung, sie fahren zwar, aber erfahren nichts mehr über die Gegend, die sie gerade passieren.


Und das hat Folgen. Wissenschaftler von der Uni Salzburg schickten zwanzig Autofahrer auf eine zehn Kilometer lange Teststrecke, die eine Hälfte ausgestattet mit einem Navi, die andere mit einer Landkarte. Den Rückweg galt es anschließend ohne Hilfsmittel zu finden.


Das Ergebnis: Die Kartennutzer waren schneller zurück und verfuhren sich seltener. Offenbar hatten sie sich während der Hinfahrt aktiv mit ihrer Umgebung auseinandergesetzt, selbstständig Entscheidungen getroffen. So war in ihrem Kopf eine mentale Landkarte entstanden, auf die sie sich später stützen konnten. Ganz anders die Navi-Nutzer. Als passive "Befehlsempfänger" hatten sie sich vergleichsweise gedankenlos auf die jeweilige Anweisung verlassen, ohne sich unterwegs Abzweigungen oder Weggabelungen einzuprägen. Sie brauchten für die Rückfahrt durchschnittlich zehn Minuten länger, verfuhren sich fast dreimal so oft.


Einfach mal abschalten


Sara Fabrikant, die sich am Geographischen Institut der Uni Zürich mit der Darstellung geografischer Informationen befasst, hat keine Zweifel am Nutzen der elektronischen Karten: "Landkarten auf Papier haben sich seit Jahrzehnten nicht mehr groß verändert, digitale Karten dagegen können sich immer wieder auf besondere Anforderungen einstellen – zum Beispiel auf Sehschwächen eines Autofahrers oder sich rasch verändernde Lichtverhältnisse." Gleichzeitig vergleicht sie Navigationsgeräte mit einer Krücke: ein sinnvolles Hilfsmittel, doch wer es ständig nutze, komme irgendwann nicht mehr ohne zurecht.


Was bedeutet das für uns Autofahrer? Vielleicht sollten wir die Geräte gelegentlich mal ausschalten, eine Karte zur Hand nehmen und wieder selbst nach dem richtigen Weg Ausschau halten. Damit der Kabarettist Philip Simon nicht recht behält, wenn er sagt: "Ein Navi im Auto ist der erste Schritt zum betreuten Wohnen."


Hier finden Sie Tipps zum Umgang mit Navigationsgeräten.


Interessanter Link




Ihr Kontakt zum ADAC: Hilfe, Rat und Schutz für Ihre Mobilität