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"Sachschaden geht vor Personenschaden"

10.05.2017

Dr_Markl

In der aktuellen ADAC Motorwelt im Interview: ADAC Präsident Dr. August Markl.

Schon in wenigen Jahren sollen selbstfahrende Autos zu kaufen sein. Was für viele wie eine Verheißung klingt, ist für andere der blanke Horror. Worauf lassen wir uns tatsächlich ein, wenn wir das Steuer aus der Hand geben? Müssen autonome Fahrzeuge ethisch handeln? ADAC Präsident Dr. August Markl diskutiert ethische Fragen des autonomen Fahrens. 

 

Sie sind Mitglied einer 14-köpfigen Kommission zum autonomen Fahren. Um welche Fragen geht es dabei?

Markl: Es geht in erster Linie um moralische Fragen und im zweiten Schritt um Leitplanken für die Fahrzeug-Entwickler. Sie müssen wissen, was sie programmieren dürfen und was nicht. Deshalb ist die Ethikkommission, in der Vertreter verschiedener gesellschaftlicher Bereiche tätig sind, im Auftrag des Verkehrsministeriums ins Leben gerufen worden.


Können Sie ein Beispiel für eine der Fragestellungen nennen?

Die oberste Prämisse ist: Sachschaden geht vor Personenschaden. Wenn das Fahrzeug zum Beispiel nur den Ausweg hat, gegen einen Baum zu steuern oder einen Menschen zu überfahren, muss das Menschenleben vorgehen. Außerdem darf es keine Klassifizierung von Personen geben. Ob klein, groß, jung oder alt – man darf Personen nicht gegeneinander aufrechnen. Zum Glück kommen solche Dilemma-Situationen äußerst selten vor.


Und wenn es doch zum Unfall kommt?

Dann sind die Haftungsfragen entscheidend. Die ADAC Mitglieder würden ein vollautomatisiertes Fahrzeug nur akzeptieren, wenn die Haftung geklärt ist. Das wissen wir aus Umfragen. Auch die Datensicherheit treibt viele um. Was gibt der Fahrer alles preis? Wem gehören die Daten und wie sicher sind sie? Ist ein automatisiertes Fahrzeug gegen Hackerangriffe geschützt? Als Verbraucherschützer sind uns solche Fragen genauso wichtig wie der ethische Kontext.


Wie wird sich die Welt für uns Autofahrer verändern?

Spannend ist zum Beispiel, wie sich die Infrastruktur verändern wird. Wie weit geht die Vernetzung? Muss ein vollautomatisiertes Fahrzeug wissen, dass auf dem Gehweg Kinder spielen, auch wenn sie von anderen Autos verdeckt sind? Wenn ja, würde das mit einer totalen Vernetzung einhergehen. Wir reden auch über die Mensch-Maschine-Schnittstelle, wie etwa die Übergaben der Fahraufgaben stattfinden sollen. Der Mensch braucht einfach eine gewisse Zeit, um das aktuelle Verkehrsgeschehen zu verstehen, wenn er sich vorher anderweitig beschäftig hat. Daher muss der Computer rechtzeitig warnen, wenn die Technik an ihre Grenzen kommt.


Ist es überhaupt möglich, dass ein Computer ethische Entscheidungen trifft?

Am Anfang hat die Kommission diskutiert, ob es überhaupt ethisch ist, Autos alleine fahren zu lassen. Einer der Philosophen hat zum Beispiel gesagt: „Ein autonomes Auto gibt es nicht, weil sich ein Auto keine Gesetze geben kann.“ Ein interessanter Ansatz. Von selbst kann es das natürlich nicht – es muss ihm einprogrammiert werden. Von ethischer Seite wäre es fragwürdig, das Auto so zu polen, dass die Insassen nie zu Schaden kommen, sondern im Zweifel nur andere Verkehrsteilnehmer. Auch bei einem automatisierten Fahrzeug hat der Insasse natürlich noch ein gewisses Sicherheitsrisiko.


Wie schnell werden sich solche Fahrzeuge verbreiten?

Wir drücken ja nicht auf den Knopf und fahren plötzlich alle vollautomatisiert. Das dauert seine Zeit und es wird noch lange einen Mischverkehr mit „normalen“ Fahrzeugen geben. Zunächst werden wir auf der Autobahn immer öfter automatisierte Fahrzeuge sehen. Dort ist die Situation für den Computer überschaubar.


Ist die Ethikkommission noch in der Diskussionsphase oder gibt es schon konkrete Ergebnisse?

Wir arbeiten mit Hochdruck an den Antworten zu den aufgeworfenen Fragen. Im Juni werden wir dem Verkehrsministerium einen Zwischenbericht geben. Die Änderung des Straßenverkehrsgesetzes ist bisher relativ vage geblieben, vieles lässt sich noch präzisieren. Wie etwa ein automatisiertes Fahrzeug programmiert werden darf, fehlt noch.


Glauben Sie, dass die Maschine den Menschen gleichwertig ersetzen kann?

Weil 95 Prozent der Unfälle auf menschliches Versagen zurückzuführen sind, glaube ich, dass es mit der Technik weniger Tote und Verletzte geben wird. Das kann aber nur gelingen, wenn die Bereitschaft dazu besteht, etwas an Eigenverantwortung abzugeben und einer Maschine zu vertrauen.


Hätten Sie denn persönlich die Bereitschaft dazu?

Ja, die hätte ich. Ich bin ja nicht mehr der Jüngste und habe mir selbst eine Grenze gesetzt, wann ich mit dem Selbstfahren aufhören möchte. Wenn ich mit einem hochautomatisierten Fahrzeug noch länger mobil bleiben könnte, wäre dies klasse! Gerade für die ältere Generation ist das doch super.


Hätten Sie Zweifel, dass die Technik zu 100 Prozent funktioniert?

Wichtig ist, dass die Autoindustrie dem Kunden genau sagt, was die Technik kann und was nicht. Vorgaukeln darf sie dem Autofahrer nichts! Das hat der Fall Tesla gezeigt. Das war kein vollautomatisiertes Fahrzeug, doch die Kunden haben es so verstanden. Zudem darf der Autofahrer nicht als Testobjekt dienen, um unfertige Produkte weiterzuentwickeln. Hier ist die deutsche Autoindustrie, denke ich, deutlich verantwortungsbewusster.


Viele Autofahrer wollen sich das Steuer nicht aus der Hand nehmen lassen.

Absolut! Es wird dazu immer verschiedene Meinungen geben. Selbst in meiner Familie wird das Thema kontrovers diskutiert. Meine Enkelkinder haben zum Beispiel viel Freude am Selbstfahren und sehen das Thema eher skeptisch. Die ältere Generation freut sich aber darüber, dass sie länger mobil bleiben kann. Für kommende Generationen werden automatisierte Fahrzeuge völlig normal sein. Im 19. Jahrhundert hat sich schließlich auch keiner vorstellen können, dass Pferdedroschken aussterben werden. Ein motorgetriebenes Fahrzeug? Das braucht doch kein Mensch! Daran sollte man immer denken.


Interview: Jochen Wieler, Wolfgang Rudschies, ADAC Motorwelt 5/2017


Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) spricht im Motorwelt-Interview über die Haftung beim automatisierten Fahren.


Lesen Sie hier die ADAC Umfrage zum autonomen Fahren.


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