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"Fehler sind wichtig"

12. Februar, Jerez de la Frontera. Nach 434 Kilometern auf dem „Circuito“ ist für Sebastian Vettel noch lange nicht Schluss. Gegen 17 Uhr, wartet vor seiner Box ein Pulk von Journalisten. Während er vom Testtag erzählt, rufen die spanischen Fans seinen Namen, er soll kurz in ihre Kameras lächeln. Nach 20 Minuten sind alle Fragen beantwortet. Auf den 30 Metern bis zum Teamzelt schreibt Vettel Autogramme und dreht sich zu den anderen Fans um. Jetzt haben sie ihr Foto. Nach einer Besprechung mit den Ingenieuren kommt er zum Interview in den Teambus.

 


Wie hat sich Ihr Leben verändert, seitdem Sie Formel-1-Weltmeister sind?

 

Es ist ein bisschen mehr los, die Aufmerksamkeit ist größer geworden. Jetzt erkennen mich ja sogar die Spanier (lacht). Aber das Leben an sich hat sich nicht verändert. Und ich bin, wer ich bin, will weiter an mir arbeiten und besser werden. Aber sich als Mensch in einer schnellen Zeit zu sehr zu verändern, ist niemals gut.

 

Sie stehen für Frische und Lockerheit in der Formel 1. Werden Sie sich das erhaltenkönnen?

 

Ich bin, wer ich bin, und versuche, mich nicht zu verstellen und verbiegen zu lassen. Motorsport ist mein Leben. Aber es gibt Dinge, die sehr, sehr viel wichtiger sind. Denken Sie nur an den Unfall von Robert (Anm. d. Red.: Formel-1-Pilot Robert Kubica verunglückte sehr schwer beim Rallyefahren, aber ist inzwischen auf dem Weg der Besserung). Da bleibt erst mal alles stehen, da ist wurscht, ob er vielleicht noch mal Formel 1-Rennen fahren kann. Wichtig war nur die Nachricht, dass Robert außer Lebensgefahr ist. Und dann, dass er seine Hand behalten konnte. Da denkt man natürlich auch daran, dass man selbst noch lange Rennen fährt. Auch wenn die Autos Gott sei Dank sehr viel sicherer geworden sind, fährt auch bei uns ein gewisses Risiko mit.

 

Haben Sie schon eine Idee, wie lange Sie fahren wollen?

 

Ich sage mal, irgendwo zwischen 35 und vielleicht 45 Jahren ist mal Ende mit der aktiven Karriere.

 

Wie haben Sie nach der Saison 2010 Ihre Akkus aufgeladen?

 

Im Winter habe ich zwei, drei Wochen Ruhe gebraucht, um von dem Ganzen ein bisschen wegzukommen und aufzutanken. Die Saison war sehr, sehr anstrengend und dann noch das Programm danach. Da zieht und zerrt jeder an einem, das kostet Kraft. Aber ich bin lieber Weltmeister, als Zweiter zu sein und meine Ruhe zu haben.

 

Haben Sie Angst vor einem Rückschlag?

 

Nein. Man sagt ja, dass man erst verlieren lernen muss, bevor man gewinnen kann. Das stimmt. Ich glaube, wichtig ist, an einem guten Rennwochenende kritisch zu bleiben. Man kann immer was lernen. Fehler sind aber wichtig, dafür muss man sich nie schämen. Aber wer einen Fehler zweimal macht, ist nicht so schlau.

 

Können Sie undiszipliniert sein, schlagen Sie mal richtig über die Stränge?

 

Nein, wenn man damit zwangs¬weise verbindet, dass man sich zuschüttet. Alkohol schmeckt nicht so gut. Aber natürlich trinkt man auch mal einen zusammen, wenn es einen Grund zum Feiern gibt.

 

Gibt es etwas, das Sie in Rage bringt?

 

Ich lasse mich manchmal von Sachen aus der Fassung bringen, die es eigentlich nicht wert sind, sich darüber aufzuregen.

 

Was zum Beispiel?

 

Ein Stau. Das heißt nicht, dass ich auf der Autobahn jemanden wegschiebe. Aber ich bin dann schlecht drauf.

 

Also sind Sie eher ungeduldig.

 

Sehr ungeduldig. Gestern vormittag habe ich mich mit dem Rennrad verfahren, bin auf einem schlammigen Feldweg gelandet und musste durch einen Bach wieder auf die Straße zurück. Da hatte ich so einen Hals und lasse das gern am Erstbesten aus, der mir in die Quere kommt. Das ist nicht ganz fair, aber ich versuche mich zu bessern (lacht).

 

Wie würden Sie Ihre Beziehung zu Michael Schumacher beschreiben?

 

Er ist für mich nach wie vor ein großes Vorbild, von dem ich immer noch sehr viel lernen kann. Aber nie kopieren. Wenn ich ihn heute treffe, sehe ich aber in erster Linie den Menschen Michael Schumacher, mit dem ich mich sehr gut verstehe. Ich würde ihn als Freund bezeichnen. Was passiert, wenn wir uns mal in die Kiste fahren, weiß ich nicht – jeder von uns ist schließlich auf der Strecke ehrgeizig. Aber ich glaube, dass wir dann darüber sprechen und das aus der Welt schaffen könnten.

 

Was trauen Sie Ihrem Freund in dieser Saison zu?

 

Einiges, hoffentlich nicht zu viel. Wenn er am Ende Zweiter wird, ist das okay.

 

Hätte es Ihre Karriere ohne ihn gegeben?

 

Weiß ich nicht. Aber es ist ja nicht so, dass er mich genommen hat und in das oder das Auto reingesteckt hat. Aber ohne den Michael wäre die Formel 1 in Deutschland niemals so populär geworden, er war ganz klar der Vorreiter. Von daher haben natürlich alle deutschen Fahrer Michael in gewisser Weise etwas zu verdanken, weil es für uns einfacher war, auf Publikum zu stoßen.

 

Was würden Sie eigentlich heute machen, wenn Sie es nicht in die Formel 1 geschafft hätten?

 

Bis zu meinem Abitur habe ich fleißig gelernt und mich parallel auch schon auf der ein oder anderen Uni umgesehen. Wahrscheinlich hätte ich Maschinenbau studiert und würde es immer noch tun.

 

Was raten Sie Kindern, die wie Sie Rennfahrer werden wollen?

 

Es gibt keinen vorgeschriebenen Weg, es lohnt sich nicht, einen Plan aufzustellen. Ein Kind hat in erster Linie Spaß. Und ohne Spaß kann man nie gut oder sehr gut werden. Ich hatte das Glück, dass ich die Zeit bekommen habe, mich zu entwickeln, aber nie das Gefühl hatte, meinen Eltern etwas beweisen zu müssen. Die haben immer zu mir gehalten, egal, ob der Tag gut oder schlecht war. Ein Kind kriegt mit, ob die Eltern stolz sind, glücklich, unzufrieden oder verärgert. Das Wichtigste ist, das man das Kind Kind sein lässt.

 

Interview: Christof Henn


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