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Schlag gegen die Tacho-Mafia

Ein Großeinsatz der Münchner Polizei ergab: Jeder dritte Kilometerzähler ist manipuliert. Die Kripo schätzt den Schaden bundesweit auf 5,4 Milliarden Euro. Der ADAC fordert von den Herstellern besseren Schutz der Verbraucher.

 

Kurz vor 6 Uhr riegelt die Polizei ab. Zwei Mannschaftswagen versperren die Zufahrt zum rund 15 000 Quadratmeter großen Gewerbeareal im Münchner Norden. Mehr als 30 Bürocontainer, viele Hundert Gebrauchtwagen. Heute darf keiner rein, bevor die Kripo Beweismaterial sichergestellt hat. Zeitgleich stürmen in der ganzen Stadt schwerbewaffnete Spezialeinsatzkräfte Wohnungen und nehmen 24 Hauptverdächtige fest. Mehr als 500 Polizeibeamte durchsuchen 150 Wohnungen und Werkstätten: Vor allem im Raum München, aber auch in Köln und Dortmund greifen Fahnder und Staatsanwälte Mitte März zu. Ebenso in Österreich, der Schweiz, Bulgarien, Italien und Schweden – es ist der bisher größte Schlag gegen die bandenmäßig organisierten Tacho-Manipulierer.

 

Das Fälschen von Kilometerzählern ist ein Milliardengeschäft: Die Polizei schätzt, dass bei rund 30 Prozent der mehr als sechs Millionen Gebrauchtwagen, die in Deutschland jährlich den Besitzer wechseln, der Kilometerstand manipuliert wird. Betrogene Käufer: 1,8 Millionen. Schaden: durchschnittlich 3000 Euro pro Auto, insgesamt rund 5,4 Milliarden Euro. Wer die Dienste eines Tacho-Tricksers sucht, findet im Internet mühelos Angebote ab 50 Euro. „Der Rest ist erschreckend einfach“, sagt Manfred Groß vom ADAC Technik Zentrum Landsberg: „Der Täter steigt ins Auto, schließt das Manipulationsgerät an die Diagnosebuchse an, tippt auf der Tastatur den gewünschten Kilometerstand ein und drückt auf Enter, fertig.“ So verschwinden innerhalb von 30 Sekunden 50 000, 100 000 oder noch mehr Kilometer vom Tacho.

 

Besonders dreist manipulierte die Bande, die der Kripo bei ihrer Münchner Razzia ins Netz ging. Sie schaffte im großen Stil Autos mit hoher Laufleistung aus dem Ausland nach Deutschland, brachte sie
optisch auf Hochglanz, fälschte Papiere und Tacho. Bei einem vier Jahre alten BMW 530 aus Italien wurden aus 700 000 im Handumdrehen 155 000 Kilometer. Der Wagen ging für 15 999 Euro weg. Wahrer Wert: höchstens 6000 Euro. Je teurer das Auto, desto höher der kriminelle Gewinn. Daher spezialisierte sich die multikulturelle Bande aus Elektronik-Ingenieuren, Elektronikern, Mechatronikern und Kfz-Händlern auf Premium- und Luxuswagen – mehr als 300 beschlagnahmte die Münchner Polizei beim Großeinsatz.

 

Auf dem Automarkt im Münchner Norden werden vor allem preiswerte Autos angeboten. Manipuliert wurde aber vermutlich auch hier. Um 8.25 Uhr fahren die ersten Kripobeamten aufs Gelände, durchsuchen zwei Bürocontainer und schauen sich einige Autos genau an. Bei einem blauen Suzuki, Erstzulassung 2/2002, der 6900 Euro kosten soll, weist das Verkaufsschild nur 49 000 Kilometer aus. Und ein VW Golf, Erstzulassung 11/1995, wird mit einer angeblichen Laufleistung von 145 000 Kilometern für 1999 Euro angeboten. Vor dem Gelände bitten unterdessen die Polizisten Auto-Suchende und Händler zum wiederholten Mal um etwas Geduld: „Das ist eine große Polizeiaktion, auch einige Händler hier sind betroffen, tut mir sehr leid, dass Sie warten müssen“, erklärt die Einsatzleiterin. „Gut, dass Sie das endlich machen“, erwidert eine Händlerin.

 

 

Gefahr für Autofahrer

Vorausgegangen waren der Großrazzia monatelange Ermittlungen. Den Ausgangspunkt bildete ein Fall der Kripo Füssen, die in Kempten einer Fälscherbande auf die Spur kam. Die Manipulateure stammten alle aus München. Dort bildete die Polizei daraufhin eine Einsatzgruppe. In der ersten Phase der Ermittlungen sammelte das Team um Kriminalhauptkommissar Alexander Hartinger umfassend Erkenntnisse. Auch mithilfe der Experten des ADAC Technik Zentrums, die sich schon seit Jahren mit dem Thema beschäftigen. Es folgten verdeckte Operationen in der Szene und schließlich Mitte März der bundes- und europaweit koordinierte Schlag gegen die Tacho-Mafia – zwei Fahnder aus München reisen für die Festnahme eines Hauptverdächtigen sogar nach Bulgarien.

 

In welcher Größenordnung gefälscht wird, überraschte sogar erfahrene Kripobeamte. Das Netzwerk der Fälscher erfasste viele Branchen: Taxiunternehmer und Mietwagenverleiher, die „Filter“ einbauen ließen, die dafür sorgen, dass die Tachos nur jeden zweiten Kilometer zählen. Oder Kfz-Händler, die bei Leasing-Rückläufern den Tacho-Stand kräftig nach unten programmieren ließen – das Geschäft für die Tacho-Dreher florierte. „Diese Delikte haben ein Ausmaß erreicht, das nicht mehr hinzunehmen ist“, sagt Kommissar Hartinger.

 

Geschädigt werden durch die Tacho-Mafia die ehrlichen Gebrauchtwagenhändler, die mit dem Vertrauensverlust ihrer Kunden zu kämpfen haben. „Man darf auf keinen Fall alle Händler über einen Kamm scheren“, sagt Hartinger. Hauptopfer sind allerdings die Kunden. Die zahlen nicht nur viele Tausend Euro zu viel für ihren Gebrauchtwagen. Sondern müssen auch mit dem Risiko leben, dass der Wagen schlagartig kaputtgeht: Wenn der Zahnriemen nicht gewechselt wird, weil der ahnungslose Käufer denkt, dass dies noch nicht nötig ist, hat das schnell einen kapitalen Motorschaden zur Folge. Aber die Eingriffe der Tacho-Dreher in das empfindliche Elektroniksystem der Autos können auch für den Fahrer gefährlich werden. „Im schlimmsten Fall können das Antiblockiersystem (ABS), das Elektronische Stabilitätsprogramm (ESP) oder der Airbag komplett ausfallen“, sagt Hartinger.

 

Vor diesem Hintergrund spricht Oberstaatsanwältin Barbara Stockinger von einer „Gefährdung für die Autofahrer durch den Eingriff in die Elektronik der Fahrzeuge“. Vor Gericht werden sich die Festgenommenen wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs und der Fälschung von Daten, wegen Urkundenfälschung und der Manipulation von Wegstreckenzählern verantworten müssen. Einige Hauptverdächtige haben schon gestanden. Die vierte, offene Phase der Ermittlungen gegen die Tacho-Mafia läuft. Der Strafrahmen für die Vergehen liegt zwischen einem und zehn Jahren Haft. Wegen der Schwere der Delikte rechnet die Staatsanwaltschaft damit, dass dieser Rahmen ausgeschöpft wird. Oberstaatsanwältin Stockinger: „Ich gehe von empfindlichen Freiheitsstrafen aus.“


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