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„Die Region ist immer gefährdet“

Prof. Dr. Klaus-G. Hinzen, Leiter der Erdbebenstation Bensberg und Mitglied im Vorstand der Seismological Society of America, über gefährliche Regionen, warum niemand ein Beben voraussagen kann und wie ein Tisch Leben rettet.

 

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Herr Prof. Dr. Hinzen, vor wenigen Wochen hatten wir ein starkes Erdbeben in Norditalien zu verzeichnen. Nun eines in der Ägäis. Warum bewegt sich der Boden in der Mittelmeer-Regionen derzeit so oft?

Das kommt einem nur so vor, Beben auch dieser Stärke sind im Mittelmeerraum normales Geschehen. Das letzte Mal, dass es in der jetzt betroffenen Region in Norditalien vergleichbar stark bebte, war im 14. Jahrhundert. Das klingt wie ein sehr langer Zeitraum, doch in der Seismologie müssen wir in erheblich längeren Zeiträumen denken als man es im täglichen Leben tut.

 

Also ist derzeit nicht von einer erhöhten Aktivität zu sprechen?

Nein, man muss einfach wissen, dass die gesamte Mittelmeerregion eine der seismisch aktivsten Gegenden der Welt ist. Die afrikanische Platte drückt nach Norden und sorgt durch ihre Verschiebung gegenüber der Europäischen Platte für die Erdbeben.

 

Zieht ein Erdbeben in einer Region automatisch mehrere nach sich?

Man muss mit Nachbeben rechnen. Die Bruchfläche bei dem aktuellen Fall in der Ägäis beträgt ungefähr zehn Kilometer. Das Zentrum lag in einer Tiefe von 40 Kilometern. Man muss immer davon ausgehen, dass die Fläche nicht komplett gebrochen ist und daher einige Teile nachkommen. Zum Vergleich: Die Bruchfläche bei dem Magnitude-9-Beben in Japan betrug 600 mal 200 Kilometer.

 

Kann es also sein, dass das Beben wandert? Auch in andere Länder?

Wenn sich an einer Stelle Spannungen in Form eines Bruches entladen, können sie in der Nachbarschaft unter Umständen wachsen und so zu Folgeerdbeben führen. Aber eine verlässliche Vorhersage zu treffen ist nicht möglich. Ein einzelnes Beben vorherzusagen wäre wie die Vorhersage des exakten Ortes und Zeitpunktes eines Blitzeinschlages. Man darf nicht vergessen, dass viele Faktoren bei einem Beben eine Rolle spielen. Dazu zählen Gesteinszusammensetzungen, Spannungsverhältnisse und Wassergehalt der Gesteine – um nur drei zu nennen. Nun hatten wir ein Beben in der Ägäis in 40 Kilometern Tiefe. Die tiefste Stelle, die je ein Mensch durch Bohrungen erkundet hat, liegt bei elf Kilometern.

 

Würden Sie als Tourist derzeit in die betroffenen Regionen reisen?

Nicht zwingend ins Zentrum der betroffenen Gebiete in Norditalien, auch, weil es ja infrastrukturelle Probleme geben könnte. Wichtig ist, dass man verinnerlicht, dass man im gesamten Mittelmeerraum immer mit  Erdbeben rechnen muss. Das ist einfach so und würde mich persönlich nicht von Reisen dorthin abhalten.

 

Wie sind die letzten zehn Minuten vor einem Beben? Kann man etwas spüren oder erwischt es einen eiskalt?

Es gibt sogenannte Vorläuferphänomene, die sich aber den menschlichen Sinnen entziehen. Dazu gehört die Veränderung des elektrischen Feldes der Erde, Pegelschwankungen im Grundwasser oder Gas, das aus dem Boden tritt. Das alles muss aber auch nicht vor einem Erdbeben passieren. Man hört manchmal von anormalem Tierverhalten. Aber auch da gibt es nichts Verlässliches für eine Vorhersage.

 

Wie ist das richtige Verhalten bei einem Beben?

Es kommt darauf an, wo man sich befindet. In Regionen, in denen die Gebäude erdbebensicher gebaut sind, sollte man im Haus bleiben: Sicherheit bietet dann ein Tisch oder ein Türrahmen, die verhindern, dass einem etwas auf den Kopf fällt. Sollte man sich in Regionen aufhalten, wo die Gebäude solchen Erschütterungen nicht standhalten können, sollte man zusehen, dass man schnell ins Freie kommt – und dann so weit weg von Bauwerken wie möglich. Sicher ist: Niemand kommt durch ein Erdbeben zu Schaden, sondern durch die Gebäude, die einstürzen.

 

Wann war das letzte große Beben in Deutschland?

Das war am 13. April 1992 im Rheinland, das Erdbeben von Roermond. Es besaß die Stärke 5,9 auf der Richterskala. In den letzten 20.000 Jahren hatten wir auch mehrfach Erdbeben im Rheinland mit Stärken zwischen 6,5 und 7. Die Haupterdbebengebiete in Deutschland sind der Oberrheingraben, die Niederrheinische Bucht und die Schwäbische Alb. Es gibt hier keine aktive Plattengrenze wie im Mittelmeerraum, aber die tektonischen Spannungen zerren entlang der Rheinschiene an der Europäischen Platte.

 

Leben wir also in einem Risikogebiet?
Wir haben in den deutschen Erdbebengebieten eine moderate Erdbebengefahr; kombiniert mit der dichten Bebauung und Infrastruktur besteht ein ernst zu nehmendes Erdbebenrisiko. Anders gesagt: Die Chance, dass es in Deutschland in den kommenden 100 Jahren zu einem Beben mit erheblichen Schäden kommt, ist sehr real. Aber fragen Sie mich nun bitte nicht, wann und wo der „seismische Blitz“ einschlagen wird.

 


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