30 Jahre Mauerfall: Ein Straßenwachtfahrer erinnert sich

8.11.2019

Der 9. November 1989 war ein historischer Tag. Die Mauer fiel und viele DDR-Bürger strömten mit ihren Fahrzeugen nach Westdeutschland. Dabei kam es auch zur ein oder anderen Panne. Ein ADAC Straßenwachtfahrer erinnert sich an bewegte Zeiten.

ADAC Pannenhelfer 1989
Ein Straßenwachtfahrer versucht im November 1989 in Lübeck einen Trabi wieder zum Laufen zu bringen

"Zu Millionen kommen die Besucher aus dem Osten zu uns und mit ihnen unzählige Trabis, Wartburgs, Škodas und Ladas", schrieb die ADAC Motorwelt in der Dezemberausgabe 1989. Der pensionierte ADAC Straßenwachtfahrer Hans Peter Voigt erzählt im Interview wie er den Mauerfall erlebt hat. An einen Einsatz erinnert sich der Berliner dank eines Thüringischen Räuchermännchens bis heute.

ADAC: Herr Voigt, Sie waren rund um den Mauerfall am 9. November 1989 als Gelber Engel in West- und Ostberlin im Einsatz. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Hans Peter Voigt: Es war schön und chaotisch zugleich. Viele Westberliner sind mit ihren Autos in den Osten gefahren und die Ostberliner wollten sich den Westen anschauen. Dabei sind natürlich auch einige Trabis oder Wartburg-Autos liegen geblieben. Wir Straßenwachtfahrer haben die dann wieder flott gemacht.

Damals ging es nicht darum, ob jemand ADAC Mitglied war oder nicht. Wenn wir jemanden mit offener Motorhaube am Straßenrand gesehen haben, hielten wir an und haben geholfen. Das war doch selbstverständlich. Viele Kollegen haben dafür freiwillig Überstunden gemacht.


An welche Pannenhilfe erinnern Sie sich besonders?

Ja, da gibt es eine Pannenhilfe, die ich bis heute nicht vergessen habe. Es war ziemlich kalt im November 1989, Temperaturen im Minusbereich, und ich wurde per Funk zu einer Familie gerufen. Die sind mit ihrem Trabant aus Thüringen nach Westberlin gekommen und standen nun in der Kälte. Die Batterie war leer und ein Kabel war ur-uralt und porös. Das würde eine längere Angelegenheit werden...

Zum Glück kam dann ein Mann vorbei, der uns anbot, das Auto in seiner Tiefgarage, wo es etwas wärmer war, zu reparieren. Einfach so. In der Zeit gab es einfach ein großes Miteinander und viel Hilfsbereitschaft. Wenigen Wochen später, kurz vor Weihnachten, erhielt ich dann ein Päckchen. Darin ein Dankesbrief von der Familie und so ein typisches, Thüringer Räuchermännchen. Das habe ich heute noch zu Hause.

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Limodosen als Ersatzteile

In den Monaten nach der Grenzöffnung 1989 leistete die ADAC Straßenwacht rund 50.000 Pannenhilfen für DDR-Bürger und bewies dabei viel Fantasie: Kolbenfresser wurden repariert, indem man nach dem Herausschrauben der Zündkerzen Öl in die Zylinder goss und den Trabi nach 30 Minuten Wartezeit im dritten Gang anschob. Abgebrochene Schalldämpferrohre wurden kurzerhand mit Getränkedosen überbrückt.

"Eine verrückte und tolle Stimmung"

Portrait Peter Viogt Gelber Engel historisch
Hans Peter Voigt (75) arbeitete von 1971 bis 2009 beim ADAC

Was haben Sie am 9. November 1989 gemacht?

Ich war abends zu Hause und habe in der Tagesschau diese berühmte Pressekonferenz mit Günter Schabowski gesehen. Wir konnten das gar nicht glauben, als es dann hieß, die Grenzen wären ab sofort offen. Damals wohnte ich in Berlin-Lichterfelde und wir machten uns sofort auf zum Ku’damm. Dort war eine verrückte und tolle Stimmung.


Wie chaotisch war der Verkehr in den Tagen nach dem Mauerfall?

Damals ging es Gott sei Dank noch nicht so hektisch zu wie heute. Wenn also ein paar Trabis langsam auf dem Ku`damm vor sich hin tuckerten, hat das niemanden gestört. Genauso wenig wie den Gestank. So einen Trabi haben Sie nämlich zuerst gerochen, bevor sie ihn gesehen haben.

Ich habe damals mit einem Straßenwachtauto, das war ein Golf I, vielen DDR-Bürgern helfen können. Wir haben bei den Trabis oder Wartburgs einfach viel improvisiert, aber das hat meistens ganz gut geklappt. Und wenn wir mal nicht weiterwussten, dann haben uns die Kollegen aus dem Osten, die dort für den damaligen DDR-Pannendienst tätig waren, geholfen.

Interview: Verena Haart Gaspar. Fotos: dpa/Werner Baum, privat.

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