Lange Wartezeit beim Check-In - Anteilige Entschädigung für verpassten Flug

3.5.2019

Zwei Stunden vor Abflug stellte sich Familie aus Thüringen in die Schlange am Check-In Schalter, und trotzdem verpasste sie ihren Flug. Das Problem: Am Check-In wurde gleichzeitig ein anderer Flug abgefertigt. 
Das Amtsgericht München sprach der Familie eine anteilige Entschädigung für den verpassten Flug zu.

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Obwohl sich eine Familie aus Thüringen zwei Stunden vor Abflug am Check-In-Schalter anstellte, verpasste die ihren Flug in die Ferien. 
 
Die Klägerin buchte für sich und ihre Familie eine All-Inclusive-Flugreise in die Türkei. Sie war darauf hingewiesen worden, dass die Eincheck-Zeit spätestens 30 Minuten vor dem Abflug endet. Da am Flughafen gleichzeitig mit dem gebuchten Flug auch ein Flug nach Griechenland abgefertigt wurde, kam die Klägerin am Schalter zum Check-In zu spät an die Reihe. Der Flug war weg. 
Die Familie war ca. zwei Stunden vor Abflug am Abflugschalter am Leipziger Flughafen und stellte sich in der Warteschlange am Abflugschalter an. Auf den Anzeigetafeln am Check-In war nur der Name der Fluglinie angegeben. Es war nicht ersichtlich, dass nicht alle Wartenden das gleiche Ziel hatten. Die Klägerin hatte weder gehört, dass sie extra aufgerufen wurde, noch sei die Familie darauf hingewiesen worden, dass Reisende in die Türkei an der Schlange vorbeigehen sollten. Der beklagte Reiseveranstalter gab an, ein Mitarbeiter der Airline wäre an der Warteschlange entlanggegangen und hätte die noch fehlenden Passagiere mehrmals laut ausgerufen.
 
Ausrufen der Passagier durch Mitarbeiter der Airline im Vorbeigehen reicht nicht
 
Nachdem sie den Flug verpasst hatte, musste die Klägerin einen neuen Flug ab Berlin-Tegel buchen. Die Nacht hätte sie mit ihrer Familie in Leipzig bei Verwandten auf dem Fußboden verbracht. Von dort musste sie mit dem Zug nach Berlin fahren, um von dort über Istanbul nach Antalya zu fliegen. Die Klägerin klagte auf Minderung des Reisepreises, Ersatz für nutzlose Aufwendungen und Schadensersatz.
 
Das Amtsgericht München gab der reisenden Familie teilweise Recht. Nach Ansicht der Richter gab es zwar einen Hinweis des Reiseveranstalters, dass Passagiere des Fluges in die Türkei an der Anstellschlange vorbeigehen und schneller einchecken durften. Es waren Mitarbeiter des Reiseveranstalters an der Warteschlange vorbeigegangen und hatten versucht, die Reisenden durch Rufen darauf aufmerksam zu machen, dass der Abflug nach Antalya kurz bevorsteht. Nach Ansicht der Richter reichte das aber nicht. Vielmehr müsste einkalkuliert werden, dass die wartenden Fluggäste so laut sind, dass solche Hinweise des Personals nicht wahrgenommen werden. Mit dem bloßen Zurufen von Abfluginformationen könne der Reiseveranstaltern nicht sicherzustellen, dass alle Fluggäste von diesen Informationen Kenntnis erlangen. Dazu wäre eine Durchsage über Lautsprecher notwendig gewesen. Das Amtsgericht sprach der Klägerin eine Reisepreisminderung in Höhe eines Tagesreisepreises und Ersatz für nutzlos aufgewendete Urlaubszeit in gleicher Höhe zu. 
 
Anstellen allein reicht nicht - bei langen Wartezeiten beim Check-In auch aktiv nachfragen
 
Allerdings hätte die Familie nicht nur warten dürfen, sondern hätte mehr Eigeninitiative zeigen müssen, so die Richter. Die Klägerin hätte sich ohne Weiteres beim Personal nach dem Flug in die Türkei erkundigen können. Da sie das nicht getan hat, reduzierte das Gericht den Schadensersatz für die Kosten eines Ersatzflugs um 50 Prozent. Wer sich in eine Warteschlange stellt, nur abwartet und "sehenden Auges" seinen Flug verpasst, ohne auch nur einmal nachzufragen, den trifft nach Ansicht der Richter ein Mitverschulden, wenn er auch deshalb den Flug verpasst.
 
Hinweis: Das Urteil ist rechtskräftig.

AG München, Urteil vom 5.10.2018, Az.: 154 C 2636/18