Tempo 200: Bedienen des Infotainmentpakets kann teuer werden

12.6.2019

Fährt ein Autofahrer mit 200 km/h auf der Autobahn und bedient das Navigationssystem, so ist ein dadurch entstandener Unfall grob fahrlässig und die Kaskoversicherung kann die Zahlung zumindest teilweise verweigern.

Mann tippt auf Navigationsgerät
©iStock.com/nd3000

Volle Konzentration bei 200 km/h

Ein Mietwagen fuhr auf der Autobahn mit Tempo 200. Das hochmotorisierte Auto sollte von Erlangen nach Berlin überführt werden. Der Fahrer bediente trotz der hohen Geschwindigkeit das eingebaute Infotainmentpaket, um weitere Informationen über die Strecke abzurufen. Dazu musste er in dem ihm unbekannten Mietwagen an einem in der Mittelkonsole angebrachten Drehregler auf dem Bildschirm eine Leiste ansteuern, bei der sich verschiedene Register öffnen, über die wiederum weitere Unterpunkte angewählt werden konnten. Während er mit der rechten Hand das System bedient habe, hat er mit der linken das Lenkrad gehalten.

Während dieser Zeit achtete er nicht auf die Straße, kam von der Fahrbahn ab und touchierte die Leitplanke. Der Vermieter rechnete den Schaden mit der Kaskoversicherer ab. Diese wollte den Schaden später von dem Fahrer zurückfordern. 

Mehrere Sekunden andauernde Ablenkung bei Tempo 200 ist grob fahrlässig

Das OLG Nürnberg gab der Versicherung in Höhe von 50% recht. Eigentlich war in dem Vertrag zwar vereinbart, dass eine komplette Schadenübernahe erfolgt, die Versicherung hatte sich aber das Recht vorbehalten, Ersatz zu fordern, wenn grobe Fahrlässigkeit vorliegt.

Der Fahrer hatte eingeräumt, zur Bedienung des Navis die rechte Hand vom Steuer genommen zu haben. Um das System bedienen zu können musste er, nach Meinung des Gerichts, den Blick nicht nur ganz kurz von der Straße nehmen. Das sei bei Tempo 200 grob fahrlässig. Selbst bei einer Ablenkung von 3 Sekunden würde ein Weg von über 165 Meter zurückgelegt. 

Spurhalteassistent entlastet den Fahrer nicht

Dass das Fahrzeug mit einem Assistenzsystem („Spurhalteassistent“) ausgestattet war, entlastet den Fahrer auch nicht. 

Das Gericht stellt fest, dass bei derart hohen Geschwindigkeiten die Gefahren und die Notwendigkeit sofortiger Reaktion bereits so erheblich gesteigert sind, dass in dieser Situation hinsichtlich der Anforderungen an die Aufmerksamkeit des Fahrers keine Abstriche mehr gemacht werden können.

Mietwagen war dem Fahrer nicht vertraut

Da der Fahrer mit dem zu überführenden Fahrzeug nicht vertraut war, konnte er sich nach Ansicht der Richter, erst recht nicht darauf verlassen, dass das Assistenzsystem des Fahrzeugs einen Unfall vermeiden helfen würde, zumal bei einer Geschwindigkeit von 200 km/h die Reaktionszeit denkbar kurz gewesen war.

Durch die Ablenkung ist der Fahrer zu weit nach links und in die Leitplanke gefahren. Die Versicherung war daher berechtigt, die den geltend gemachten Regress in Höhe von 50 % des Schadens zu verlangen.

OLG Nürnberg, Urteil vom 2.5.2019, Az.: 13 U 1296/17