Unfallsachverständiger: So arbeitet ein Crash-Detektiv

20.2.2019

Spurensuche nach dem Unfall: Vereidigte Sachverständige müssen Antworten auf viele Fragen finden. Ein schwieriger Job, denn es geht um die Wahrheit und um das Schicksal von Menschen. Der ADAC hat einen Gutachter besucht.

Unfall
Schwerer Rollerunfall: Der Unfallsachverständige ist zur Stelle
  • Der Unfallsachverständige kommt, wenn es besonders schlimm gekracht hat 
  • Aus vielen Spuren und Beweisstücken werden Unfälle rekonstruiert
  • Datenspeicher der Autos spielen eine immer größere Rolle

 

Es sind Geschichten wie diese, die auch einem routinierten Unfallanalytiker wie Peter Stolle noch länger nachhängen: Ein älterer Mann hat gerade eine schwere Krebserkrankung überstanden und gilt als geheilt. Sein ­Vorsatz: gesund leben, regelmäßig Frischluft tanken, mit Fahrradtouren wieder fit werden. Auf der ersten längeren Fahrt passiert es. Stolle erzählt: "Auf freier Strecke auf einer kleinen Landstraße wurde der Mann von einem Pkw förmlich abgeschossen. Er hatte keine Chance."

Peter Stolle hat Berührung mit vielen Schicksalen dieser Art. Er ist "öffentlich bestellter und beeideter Sachverständiger für die Analyse von Straßenverkehrsunfällen", wie es offiziell heißt. Und als solcher wird er immer dann von Polizei und Staatsanwaltschaft gerufen, sobald es irgendwo richtig schlimm gekracht hat. Wenn es Tote und "Schwerverletzte gibt, deren Ableben zu befürchten ist", wie Stolle es ausdrückt. Dann fährt er umgehend an den Ort des Geschehens, sichert Spuren, misst Abstände zwischen Wrackteilen, begutachtet Splitter und Fragmente aller Art, fotografiert das Szenario mit Kamera oder Drohne, inspiziert die Lage der Unfallopfer, sofern ihnen von den Rettungsärzten nicht mehr geholfen werden konnte.

Verursacher und Opfer: Beide haben ein Recht auf die Wahrheit

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Portrait Unfallsachverständiger Stolle
Öffentlich bestellt und vereidigt: Gutachter Peter Stolle

Wie geht so etwas? Wie hält man es aus, immer wieder mit solch grauenvollen Seiten des Straßenverkehrs konfrontiert zu werden? Familienvater Stolle muss nicht lange überlegen. "Ohne eine professionelle Distanz zum Geschehen wäre es nicht möglich." Abhärtung möchte der 53-Jährige es nicht nennen, eher "Konzen­tration auf den Job". Auch wenn er zugibt, dass es ihm manchmal eben doch nahegeht, was er sieht. "Vor allem, wenn Kinder unter den Toten sind. Oder wenn man mit Schicksalen wie dem des älteren Radfahrers konfrontiert wird."

Schicksale – ein Wort, das immer wieder zu hören ist im Büro des Diplom-Ingenieurs in München-Allach. "Ja, schwere Unfälle sind existenzielle Schicksale – und zwar für Opfer und Verursacher gleichermaßen", sagt Stolle. Beide hätten lebenslang unter dem Crash zu ­leiden. Und dies sei Ansporn, die wichtige ­Arbeit einer Unfallaufklärung "gewissenhaft, gründlich und unabhängig" zu machen. Beide Parteien hätten ein Recht auf die Wahrheit, die sich in der jeweiligen Erinnerung oftmals völlig gegensätzlich darstelle.

Wenn der Staatsanwalt ruft, ist höchste Eile angesagt

Hier ist der Sachverständige mit seinem ­Gutachten und im möglichen Gerichtsprozess die neutrale Schiedsstelle. Die Verantwortung sei enorm, denn "ein falsches oder fehlerhaftes Gutachten kann das Leben eines Menschen zerstören." Und wie kommt der Sachverständige an seine Fälle? Bei schweren Crashs, sagt Stolle, setzt sich die Polizei vom Unfallort aus mit der Staatsanwaltschaft in Verbindung: Sie erwirkt dort den Einsatz des Gutachters und ruft umgehend einen vereidigten Experten an.

Viel Auswahl hat sie dabei nicht, denn bundesweit gibt es nur rund 350 öffentlich bestellte Gutachter. In Großstädten bilden sie meist eine informelle 24-Stunden-Rufbereitschaft, sodass sich ein Gutachter binnen Minuten auf den Weg machen kann – um den möglichst noch "unaufgeräumten" Unfallort zu inspizieren.

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Unfallanalytiker: Eine kleine Berufsgruppe

Was unterscheidet öffentlich bestellte Unfallsachverständige von Kfz-Sachverständigen, die (meist im Auftrag von Versicherungen) Unfallschäden an Fahrzeugen ermitteln? Christian Koch, Leiter Unfallanalyse bei Dekra München: "In ­erster ­Linie die Bestellung und Vereidigung, die durch örtliche Industrie- und Handelskammern (IHK) vorgenommen werden." Voraussetzung für die Vereidigung ist eine, so Koch, "umfangreiche mündliche und schriftliche Prüfung" vor einem Expertengremium. Zudem in der Regel ein Ingenieur-Studium und nachgewiesene umfangreiche Berufspraxis. Neuvereidigungen gibt es nur "nach Bedarf", und den legt die IHK fest. Bundesweit sind rund 350 vereidigte Gutachter für Straßenverkehrsunfälle im Einsatz. 

"Sachverständiger" ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Bei den Kfz-Sachverständigen bzw. Schadengutachtern am freien Markt gibt es daher unterschiedliche berufliche Qualifikationen. Worauf sollte man achten, wenn man einen benötigt? Der ADAC unterhält ein großes Netz von Vertragssachverständigen. Zu finden unter der Postleitzahl auf adac.de/pruefdienst

Aufwändige Puzzle-Arbeit am Computer

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Unfallrekonstruktion am Computer
So muss es gewesen sein: Unfallanalyse am PC

An vielen Stellen markiert der Sachverständige den Boden mit Lackspray, um Spuren, Fundstellen, Anhaltspunkte noch eine Weile zu sichern. Später schaut er sich die abgeschleppten Wracks genauer an. Wo und wie stark sind die Deformationen? Waren die Autos technisch in Ordnung oder gab's schon vor dem Crash Defekte? Vor ­allem: Lassen sich Daten aus den Steuergeräten oder einem womöglich vorhandenen "Event ­Data Recorder" auslesen?

Alle Erkenntnisse, Daten, Spuren wandern im Büro in den Computer – und dann beginnt die eigentliche Detektivarbeit. "Viele Puzzle­teile" müsse er zusammenfügen, sagt Peter Stolle. Messwerte aus Crashtests von Autotypen kommen hinzu, nach und nach kann er mittels 3D-Programmen den Unfall "nachbauen". Auf dem Bildschirm lässt er Fahrzeuge so lange in unterschiedlichen Konstellationen aufeinanderprallen, bis das Szenario dem entspricht, das er nach dem Crash vorfand.

Digitale Spuren: Autodaten als Beweise immer wichtiger

Danach geht's an die Schreibarbeit. Ein Gutachten kann viele Seiten umfassen, oft muss Stolle es vor Gericht erläutern. Als heimlicher Richter sieht er sich dabei nicht. "Wir geben der Rechtsprechung nur Mittel zur Entscheidung an die Hand. Urteilen muss die Justiz."

Das muss sie häufig auch bei kleineren Unfällen tun, bei Sachschäden oder Parkremplern mit strittigem Unfallverlauf. Auch hier bestellt das Gericht gern ein neutrales Gutachten, ­dessen Gebühren – wie grundsätzlich bei Verfahrenskosten – am Ende der Schuldige tragen muss. "Heißt 1500 bis 2000 Euro extra", wie Stolle anmerkt.

Solche "kleinen" Expertisen machen übrigens den Löwenanteil der Gutachtertätigkeit aus; schwere Unfälle oder gar Massenkarambolagen seien seltene Großereignisse, wo man dann mal richtig gefordert werde. "Überhaupt", so der Unfalldetektiv, "haben wir es bei der Crashanalyse inzwischen nur noch zum kleinen Teil mit klassischer Spurensuche am Auto oder am Unfallort zu tun. Wo früher technische Mechanikbetrachtung angesagt war, kommen heute Autodaten zum Einsatz." 

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CDR Messgerät
Daten als Beweise: Der Gutachter zapft ein Auto an 

Und die speichert jedes moderne Auto in Massen: Haben die Räder durchgedreht? Gab es Vollbremsungen? Wurden Gurtstraffer aktiviert? Ist das Auto geschleudert? Ging der Motor in den Drehzahlbegrenzer? Wurde ein Tempo­limit missachtet? Diese und viele andere Indikatoren machen das Geschehen rund um einen Unfall immer transparenter. Aber nur für den Profi: "Denn der Zeitstempel vieler Daten entspricht nicht dem realen Zeitpunkt. Wir müssen also die Daten erst einmal plausibel sortieren. Dazu braucht es viel Erfahrung."

Hat sich diese Erfahrung auch auf den Fahrstil des Gutachters ausgewirkt? "Und wie!", antwortet Stolle sofort. "Je länger ich den Job mache, desto defensiver fahre ich. Ich denke unwill­kürlich in ganz vielen Situationen: Oje, was hier alles passieren könnte…"

 

Text: Claus Christoph Eicher. Fotos: Marc Wittkowski.

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