Sicher & Mobil

Treppenlift: Testfahrt bei 0,36 km/h

Jeder kennt die Anzeigen und die TV-Werbung. Aber was passiert, wenn man sich bei einem der Treppenlift-Anbieter meldet? Interessenten erhalten eine Einladung zur Probefahrt!

Wer bei einem Treppenlifthersteller anruft, weil Opa oder Oma gebrechlich ist, bekommt viel Post. Neben dem üblichen Info-Material erhalte ich eine „Einladung zur Probefahrt in Wohnortnähe“, und ein Design-Kugelschreiber purzelt auch aus dem dicken Briefumschlag. Die obere Hälfte des Kulis ist durchsichtig mit einer 15-stufigen Treppe im Inneren. Darüber rutscht ein Miniatur-Treppenlift mit stoischer Gelassenheit nach oben oder unten – ich erahne, wie spannend eine Probefahrt wäre.

Noch nie war diese Art häuslicher E-Mobility so zeitgemäß: kein Lärm, kein Stau, keine Abgase und von wegen Software-Manipulation! Auf einer sicheren Schiene leise gleitend und von einem 24-Volt-Motor mit 250 bis 400 Watt angetrieben – so kommt der Benutzer eines Treppenlifts mit minimalem CO2-Ausstoß ans Ziel. 1977 brachten die Firmen Hiro und Lifta die ersten derartigen Aufzüge in Deutschland auf den Markt – der Treppenlift feiert also in diesem Jahr 40. Geburtstag. Hierzulande, muss man einschränken. Denn eigentlich gilt der englische König Heinrich VIII. (1491–1547) als Erfinder des Treppenlifts. 

Der Vorläufer des Treppenlifts entstand in London
Nach einem Reitunfall im Jahr 1536 nahm der Tudor-König sehr stark zu und litt an vielen Folgeerkrankungen. Sein Bett musste erheblich verstärkt werden, er bewegte sich in prunkvoll verzierten Rollstühlen vorwärts und ließ im Whitehall Palace einen Stuhlaufzug einbauen. Mit dieser Hilfskonstruktion konnte der 160-Kilo-Koloss das sechs Meter hohe Treppenhaus hinauf- und herunterfahren – den Seilantrieb bewerkstelligten seine Diener.

Mehr als ein Dutzend Firmen bieten Treppenlifte an, in vielen Zeitschriften werden ihre Anzeigen abgedruckt, auch im TV laufen Werbespots. Harald Seick, Gesellschafter vom Marktführer Lifta hat eine simple Erklärung, warum die von vielen Leuten belächelten Seniorenprodukte so präsent in den Medien sind: „Unsere Kundschaft sind die geburtenstarken Jahrgänge, die Babyboomer, die für ihre Eltern oder Großeltern Hilfe suchen.“ Das erklärt auch den Branchenboom. „Es geht seit 40 Jahren aufwärts“, sagt Seick. „Wir wachsen zweistellig.“

Einigen Senioren sind selbst 0,54 km/h zu schnell
Die Zukunftsprognosen von Sanimed, Hiro, ThyssenKrupp, Lifta & Co. sind dementsprechend rosig: Die meisten Treppenliftnutzer befinden sich im achten oder neunten Lebensjahrzehnt. Und für manche endet die Mobilität dank persönlichem Elektroaufzug nicht mehr am nächsten Treppenhaus. Der technische Aufwand für den Einbau ist meistens überschaubar, versprechen die Hersteller. Drei bis vier Stunden brauchen die Mechaniker, um das Gestänge im Treppenhaus anzubringen und den Sitz zu installieren. Die Kosten? Etwa so hoch wie für einen zehn Jahre alten VW Golf – ab 5000 Euro, je nach Bauart. 

Dann ist es Zeit für die Jungfernfahrt. Oft sind die Enkel die ersten Testfahrer ins Obergeschoss: Platz nehmen auf dem Sitz, Gurt anlegen, Stromversorgung einschalten und Startknopf drücken. Schon legt der Elektromotor, der seinen Strom aus einem Akku zieht, los. Er schraubt den Sitz über eine Zahnstange sicher und gemächlich nach oben. Die Höchstgeschwindigkeit ist übrigens per DIN EN 81-40 geregelt: Höchstens 15 cm pro Sekunde, also 0,54 km/h dürfen es sein. Für die meisten Treppenliftbesitzer ist das aber zu flott. „Wir regeln oft auf 0,36 km/h runter“, sagt Seick, „und in den Kurven wird noch weiter abgebremst.“

Chefredakteur ADAC Motorwelt 

Martin Kunz, Chefredakteur

Illustration: ADAC Motorwelt. Porträtzeichnung: Jindrich Novotny. © ADAC Motorwelt 09/2017
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