Fahrgefühle: Ärger nach dem Unfall

2.2.2018

Es hat gekracht, der Andere ist Schuld - und der Blutdruck steigt. ADAC Expertin Nina Wahn erklärt, warum wir so schnell ausflippen und es vielen Menschen unter Stress schwerfällt, eine Entschuldigung anzunehmen. Und warum es nicht schadet, sich auch Wochen später mit dem Unfallgegner zu versöhnen

Karina H., Mannheim:
Kürzlich fuhr mir ein Auto in den Kotflügel, der Fahrer hatte die Vorfahrt missachtet. Er entschuldigte sich, ich war wütend und habe ihn lautstark beschimpft. Habe ich falsch reagiert?

Nina Wahn, ADAC Verkehrspsychologin:
Zunächst sollten wir eines festhalten: Der Erste, der falsch reagiert hat, war Ihr Unfallgegner. Das war ihm offensichtlich auch völlig klar. Wäre es anders, hätte er sich schließlich nicht bei Ihnen entschuldigt. Ihre Reaktion auf die Entschuldigung ist dagegen nicht ganz so einfach in die Kategorien "richtig" oder "falsch" einzuordnen. Denn hier haben wir es nicht mehr mit einem Verstoß gegen die Vorfahrtsregeln zu tun. Sondern mit Emotionen. Sie sind beim Aufprall erschrocken, ärgerten sich über den Blechschaden und den drohenden Werkstattbesuch. Dass Sie in dieser Situation kein Ausbund an Freundlichkeit waren, erscheint aus psychologischer Sicht nachvollziehbar.

Nun hat sich Ihr Unfallgegner aber nicht entschuldigt, weil ihn sein Vater dazu genötigt hat. Sondern weil ihm (nehme ich an) sein Fehler leidtat – und er zumindest emotional "von Schuld freigesprochen" werden wollte. Eine Pflicht, diesen Freispruch zu gewähren, gibt es freilich nicht.

Genauso nachvollziehbar ist es andererseits, dass ihr Unfallgegner nur mäßig begeistert von Ihrer unfreundlichen Reaktion war. Schließlich haben wir von Kindesbeinen an gelernt: Eine Entschuldigung muss angenommen werden. Klassische Situation: Bruder und Schwester streiten sich, die Situation eskaliert, am Ende geht das Lieblingsspielzeug zu Bruch. Heulen und Wehklagen. Papa eilt herbei, zwingt die Konfliktparteien, sich die Hand zu reichen: "Jetzt entschuldigt Euch, und dann ist alles wieder gut." Die Realität sieht natürlich anders aus: Das Spielzeug ist immer noch kaputt (in Ihrem Fall: der Kotflügel). Und die Kinder sind immer noch sauer (in Ihrem Fall: Sie).

Allerdings hätten Sie nach einer ersten Schrecksekunde durchaus auf ihr Gegenüber zugehen können, jemanden anzuschreien ist ja wirklich nicht die feine englische Art – die Entschuldigung anzunehmen wäre also durchaus angebracht gewesen. Das hätte Ihnen nicht wehgetan – und die Angelegenheit für Ihren Unfallgegner erträglicher gemacht. Deshalb mein Rat: Gewähren Sie die Ent-Schuldung doch noch, jetzt, da sich Ihr Gemüt beruhigt hat.

Nina Wahn, Verkehrspsychologin des ADAC

ADAC Psychologin Nina Wahn

Aufgezeichnet von Thomas Paulsen. Illustration: Hendrik Jonas, Porträtzeichnung: Jindrich Novotny.

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