Neue Schnellfahrstrecken in Europa und den USA: Züge auf der Überholspur

17.4.2018

Schnelle Verbindungen zwischen den Metropolen auf der einen Seite – hohe Kosten und massive Eingriffe in die Landschaft auf der anderen: Neue Hochgeschwindigkeitsstrecken sind umstritten. Trotzdem entstehen gerade überall auf der Welt neue Rennstrecken für Hochgeschwindigkeitszüge. Hier die spektakulärsten Projekte

Eine Testfahrt in Thüringen.Ein ICE 3 der Baureihe 403 fährt durch schöne Landschaft
Die neue ICE-Trasse von Berlin nach München

Als die viel beworbene ICE-Trasse zwischen Berlin und München im Dezember 2017 in Betrieb ging, war die Kritik zunächst groß. An den ersten Tagen hatte die Bahn mit mehrstündigen Verspätungen zu kämpfen. Inzwischen scheinen die Probleme behoben zu sein, auch die Passagierzahlen steigen laut Bahn rasant: 1,2 Mio. Reisende nutzen die Verbindung in den ersten hundert Tagen.

Ab Ende 2018 sollen deshalb deutlich mehr Züge eingesetzt werden. Tatsächlich sind viele dieser Verbindungen erfolgreich – zumindest, was die Passagierzahlen angeht. Auch deshalb entstehen weltweit gerade viele Neubautenstrecken: Unter dem Brenner hindurch oder durch die Ostsee, in Kalifornien und Großbritannien.

Brenner-Basis-Tunnel: Probleme in Deutschland

Mit 200 km/h von Innsbruck nach Franzensfeste in Südtirol – der Brenner-Basis-Tunnel soll den Zugverkehr durch die Alpen revolutionieren. Die Hoffnung der Planer in Österreich und Italien: Dank besserer Verbindung könnten mehr Güter auf die Schiene verlagert, das lärmgeplagte Inntal entlastet werden. Auch die Reisezeit soll deutlich kürzer werden: Statt 80 Minuten sind für die Fahrt von Innsbruck nach Franzensfeste nur noch 25 Minuten geplant.

Im März 2018 waren Röhren mit einer Gesamtlänge von gut 80 km Länge gegraben, 150 km fehlen noch. Ebenfalls im März wurde der größte Einzelauftrag für den Brenner-Basis-Tunnel vergeben: Für knapp eine Milliarde Euro wird ein Konsortium um den österreichischen Porr-Konzern binnen sechs Jahren 50 km Tunnel graben. Insgesamt soll das Bauwerk rund zehn Milliarden Euro kosten. Läuft alles nach Plan, könnten die ersten Züge im Jahr 2027 durch den Tunnel rollen.

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Brenner Basistunnel Baustelle. Bauarbeiter führt Sicherungsarbeiten im Tunnel aus.
Ein Bauarbeiter sichert die Wände des Brenner-Basis-Tunnels

In Deutschland sorgt das für Unruhe: Eigentlich bleiben der Deutschen Bahn und den Behörden nur noch acht Jahre für Planung, Genehmigungen und Bau einer leistungsfähigen Verbindung durchs Inntal auf deutscher Seite. Das könnte knapp werden: Bislang hat man sich in Bayern nicht einmal über den Verlauf der Gleise geeinigt, derzeit will die Bahn die Entscheidung bis 2020 treffen.

Auf deutscher Seite haben sich im Inntal allerdings bereits mehrere Bürgerinitiativen gegründet, die den Bau der Trasse in ihrer Region verhindern wollen. Am Widerstand vor Ort haben auch mehrere Minister-Besuche nichts geändert. Unter den Alpen wird derweil weiter fleißig gegraben.

Der Fehmarnbelt-Tunnel: Einmal durch die Ostsee

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Fehmarn Tunnel. Verbindung zwischen der Insel Fehmarn und der dänischen Insel Lolland.
So soll das Tunnelportal auf Fehmarn aussehen

Für Dänemark ist er das wichtigste Bauprojekt des 21. Jahrhunderts: Der 17,6 km lange Fehmarnbelt-Tunnel zwischen den Inseln Lolland und Fehmarn. Er soll Reisenden aus Kopenhagen in den Süden den Umstieg auf die Fähre ersparen und ihre Reisezeit deutlich verkürzen: Nach seiner Fertigstellung werden Direktzüge aus der dänischen Hauptstadt nach Hamburg statt viereinhalb nur noch zweieinhalb Stunden brauchen.

Die Planer wollen das Bauwerk nicht unter dem Meeresboden anlegen, sondern einen Graben am Ostseegrund ausheben. In ihn sollen dann am Festland hergestellte Tunnelelemte – jeweils mit zwei Fahrröhren für Autos und für Züge – aus Beton eingesetzt und aneinander gefügt werden. Jedes dieser Elemente ist 217 m lang und über 73.500 Tonnen schwer. Weil sie wasserdicht abgeschlossen werden, können sie schwimmen – und von Schiffen hinaus aufs Meer gezogen werden. Anschließend werden vorher angebrachte Absenktanks geflutet – und die Elemente in die richtige Position gebracht. Eines nach dem anderen. 

Bis zur Vollendung ist es allerdings noch ein weiter Weg: Umweltschützer protestieren, weil sie um das Tier- und Pflanzenleben in der Ostsee fürchten, die Bürger Fehmarns, weil sie mit mehr Verkehr auf ihrer Insel rechnen. Und auch wenn Dänemark die Kosten für die komplette Schienen- und Straßentrasse bis Fehmarn trägt: Eine Genehmigung für den Ausbau von Fehmarn auf das deutsche Festland gibt es bis heute nicht. Inzwischen drängt die Zeit: 2020 soll der Bau starten.

Mehr Tempo für Großbritannien: High Speed 2

Das englische Eisenbahnsystems gilt als marode, jetzt soll die neue Hochgeschwindigkeitstrasse High Speed 2 – erst der zweiten in Großbritannien – das angeknackste Image des ältesten Bahnnetzes der Welt aufpolieren. 2017 begannen die Bauarbeiten für die Verbindung von London im Süden über Birmingham nach Manchester und Leeds in Nordengland. Anvisierte Spitzengeschwindigkeit: bis zu 360 km/h.

Allerdings: Inzwischen explodieren die Kosten. Ursprünglich ging man von 32 Milliarden Pfund aus, jetzt steht die Schätzung bei 56 Milliarden. Die Befürworter hoffen auf wirtschaftlichen Aufschwung für die alten Industriestädte im Norden Englands und Entlastung für London. Kritiker prangern die drohende Landschaftszerstörung im ländlichen Großbritannien an. Ein Urteil wird sich frühestens 2026 fällen lassen – dann soll die Trasse nach Birmingham eröffnet werden.

Kalifornien: Rasant von San Diego nach Sacramento

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Kalifornien Graces Viadukt Baustelle. Männer bei der Arbeit
Seit 2015 wird an der California High-Speed Rail gebaut 

2008 beschlossen die Kalifornier bei einer Volksabstimmung den Bau der California High-Speed Rail von San Diego im Süden nach Sacramento im Norden. Anfangs wurden die Gesamtkosten auf 42 Milliarden Dollar geschätzt, inzwischen könnten es bis zu 98 Milliarden Dollar werden.

Die Herausforderungen für die Bauarbeiter sind gewaltig: Geplant ist zum Beispiel ein 1,6 Kilometer langer Tunnel unter San Francisco, die San Gabriel- und die Tehachapi-Berge müssen durchquert, außerdem das Stadtgebiet von Los Angeles durchfahren werden. Und auch die Erwartungen sind groß: Nach der Fertigstellung – irgendwann zwischen 2029 und 2033 – sollen 92 Millionen Passagiere im Jahr die Linie nutzen und so die unter Dauerstau ächzenden Highways entlasten. Außerdem hofft man auf 450.000 neue Jobs durch den Bullet Train, auf Deutsch: Pistolenkugel-Zug.

Von Sachsen nach Böhmen: Die Zukunftsvision

Vor mehr als 150 Jahren wurde die Eisenbahnlinie von Dresden nach Prag eingeweiht. Sie führt durch das Elbtal und der Moldau von Sachsen nach Böhmen – und hat inzwischen ihre Kapazitätsgrenze erreicht. Und die Menschen an der Elbe sind vom Lärm genervt.

Abhilfe soll eine Hochgeschwindigkeitstrasse quer durch das Erzgebirge schaffen, bis zu 350 km/h könnten die Züge dort künftig erreichen, die Fahrtzeit soll von über zwei auf weniger als eine Stunde sinken. 2028 könnte der Bau der 43 km langen Schnellfahrstrecke beginnen, 2035 die Eröffnungsfeier stattfinden. Noch gibt es allerdings nur eine Absichtserklärung, unterschrieben im Sommer 2017 vom damaligen Verkehrsminister Alexander Dobrindt und seinem tschechischen Kollegen Dan Tok. Aber kein Geld. Und davon wird man viel brauchen: Der geplante 26 km lange Tunnel durchs Erzgebirge dürfte teuer werden.

Text: Thomas Paulsen. Fotos: PR. Illustrationen: ADAC Motorwelt.

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