Oltimer-Restauration: Die Königin der Patina

2.4.2019

Diplom-Restauratorin Gundula Tutt konserviert Oldtimer ähnlich aufwendig wie Gemälde und Skulpturen – und doch ganz anders. Das Ziel: Möglichst viel vom Original der historischen Fahrzeuge erhalten. 

Oldtimer Restauratorin bei der Arbeit
Gundula Tutt bei der Arbeit im Porsche-Museum
  • Die weltweit gefragte Expertin behandelt Oldtimer wie Meisterwerke berühmter Maler
  • Ihr Motto: Niemals die Patina eines Fahrzeugs wegrestaurieren
  • Es gilt, Oberflächen, Verkleidungen, Polster möglichst original zu erhalten

 

In dem kleinen Kunststofftöpfchen baden Messingschrauben in Knoblauchsaft. Daneben stehen Tinkturen, Wattestäbchen und Farben bereit, im Werkzeug-Etui liegen Scheren, Schaber und Pinzetten. Wenn Gundula Tutt an ein historisches Fahrzeug tritt, dann sieht es aus, als wolle sie ein Gemälde aufarbeiten.

Dieser Gedanke ist nicht weit hergeholt. Dr. Gundula Tutt ist promovierte Restauratorin. Ihre Dissertation verrät, dass sie sich spezialisiert hat: "Kutschenlack, Asphaltschwarz & Nitroglanz. Fahrzeuglackierung zwischen 1900 und 1945" handelt von historischen Lacken. Statt Gemälde, Skulpturen oder Altäre konserviert sie klassische Fahrzeuge. Meist sind es Vorkriegsautos mit alten Lacken wie Schell-, Kunstharz- oder Nitrolacken, gelegentlich auch Oldtimer und Youngtimer mit moderneren Zwei-Komponenten-Oberflächen. 

Mit einem Bugatti fing alles an

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Oldtimer Restauratorin restauriert einen Oldtimer Reifen
Neuer Glanz für einen Reifen-Schriftzug

Ein Berufsweg, den der Zufall bestimmte. Obwohl die heute 51-Jährige in Stuttgart aufwuchs und studierte, kam sie mit Autos erst spät in Berührung. "Ich wollte schon als Jugendliche Restauratorin werde, wollte hinter die Gemälde schauen und wissen, wie die bearbeitet wurden", sagt Gundula Tutt. Also absolvierte sie eine dreijährige Ausbildung zur Restauratorin, danach kam das Studium. Es folgten Jahre in Kellern von Museen und Kirchen, wo sie sich manchmal wochenlang mit Meisterwerken beschäftigte – und deren mannigfachen Farbschichten.

Dann, zu Beginn der 2000er Jahre, fragte ein Arbeitskollege, ob sie sich mal den Bugatti Type 43 eines Freundes anschauen könnte. Der war mit den Lackarbeiten des Vorbesitzers unzufrieden und wollte den Klassiker von 1929 in seinen Ursprungszustand zurückversetzen lassen. Gundula Tutt las sich wochenlang in die Historie von Fahrzeuglacken ein, experimentierte mit diversen Tönpasten für den originalen Nitrolack und konnte dem Besitzer helfen.

Sanft restaurieren, nicht radikal

Das sprach sich rum, und dann kam eines zum anderen. Mittlerweile gilt Gundula Tutt weltweit als Lackexpertin für historische Fahrzeuge. Sie berät Museen und große Sammlungen, unterrichtet angehende Restauratoren in der Schweiz. "Eine Zeitmaschine habe ich zwar nicht, aber das originale Erscheinungsbild bekomme ich meist wieder gut hin", sagt sie.

Tutt darf als Mitglied im Restaurationsverband mit Lösungsmitteln arbeiten – was bei modernen Lacken aus Umweltgründen verboten ist. "Mein Ziel ist es, möglichst viel von der originalen Substanz und die historische Gesamtheit zu erhalten und nur wenig zu restaurieren", sagt sie. Dies entspreche auch dem Trend zu möglichst originalen Fahrzeugen, zu sanfter Restaurierung und Konservierung statt eines kompletten Neuaufbaus. 

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Tutt hat rund 150 Fahrzeuge restauriert

In ihrer Werkstatt in der Nähe von Freiburg kümmert sie sich um Fahrzeuge aller Marken, meist jedoch um historische Bugatti- und Mercedes-Modelle. Genauer gesagt: Sie kümmert sich die Oberflächen der Autos, um Lackierungen, Verzierungen, Armaturen, Polster- und Innenraum-Bespannung. "Von mechanischen Dingen lasse ich die Finger, das können andere Fachleute besser", sagt Gundula Tutt.

Deshalb arbeitet sie mit einem großen Netzwerk an Spezialisten zusammen. Rund 150 Fahrzeugen gingen seit 2006 durch ihre Hände, darunter ein Renault Type C von 1899. "Ein schönes, seltenes und unberührtes Auto mit einer Holzkarosserie, eines meiner Lieblingsfahrzeuge. Es war das zweite Auto, das ich bearbeiten durfte. Mit ihm habe ich viel Zeit verbracht", schmunzelt Gundula Tutt. 

Metallic-Glanz von Heringen

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Oldtimer Restauratorin bei der Arbeit
Passt er? Künstlich gealterter Spiegel für den Rennporsche

Wie geht sie vor? Zuerst beginnt sie mit einer sanften und gründlichen Reinigung des Fahrzeugs. Dann sichtet sie, was erhalten werden kann und was neu angefertigt werden sollte. "Ich muss bei Autos anders denken als bei Gemälden oder Skulpturen. Das Material eines Autos wird heiß, vibriert, wird schmutzig, die Schutzhülle muss also entsprechend beständig sein."

Kompliziert sei es, nicht nur die richtige Zusammensetzung des Lackes zu finden, sondern auch die Materialien. Nitrocellulose für Leder sei schwierig zu beschaffen, ähnlich wie Prägemaschinen für die Leder-Struktur einiger italienischer Sportwagen oder Verdeckstoffe mit dem originalen Webmuster. 

Ihr bisher schwierigster Fall: die Analyse, der Nachweis und die Reproduktion von Fischsilber-Lack. Die silbernen Pigmente geben einen zarten Perlmutteffekt und galten in der Frühzeit des Automobils als besonders edel. Nachteil: Für ein Kilogramm Pigmentpulver müssen 30.000 bis 40.000 Heringe ihre Schuppen lassen. Dafür werden heute allerdings keine Tiere extra gefangen – der Hersteller benutzt die Fischabfälle eines Fischkonservenherstellers. 

Der Staub von 50 Jahren

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Oldtimer
Legendärer Rennwagen: Porsche 910/8 Bergspyder

Im Porsche-Museum in Stuttgart konservierte sie einen historischen Rennwagen von 1967. Der 910/8 Bergspyder wurde vor fast 50 Jahren nach seinem letzten Rennen im Originalzustand abgestellt. Seitdem verstaubte er in einem Fahrzeugdepot. "Wir wollten den Bergspyder nicht neu aufbauen, sondern möglichst authentisch lassen. So, wie er 1967 und 1968 die Berg-Europameisterschaft gewonnen hat", sagt Alexander Klein vom Porsche Museum. 

Ein komplizierter Fall, denn der Rennwagen ist ein Paradebeispiel für Leichtbau und Materialien der 1960er-Jahre. Der offene Rennwagen besteht aus Titan, Magnesium, Aluminium, Kunststoff und Glasfaser. Zeitweise kamen Bremsscheiben aus Beryllium und Titan-Sättel zum Einsatz. Nur 440 Kilogramm wiegt der Rennwagen mit dem 2,0-Liter-Achtzylinder-Boxermotor und 275 PS. Aus dem Stand beschleunigte der Bergspyder damals in etwa drei Sekunden auf Tempo 100 und fuhr bis zu 255 km/h schnell. Die Strapazen muss er nicht mehr auf sich nehmen, dafür aber soll er authentisch aussehen. 

Künstlich altern in Knoblauch-Soße

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Detailaufnahme eines Oldtimermotors
Glanzstück: Der gesäuberte Motor des Porsche Bergspyder

Gundula Tutt festigte abblätternde Materialien am Museumsstück. Die empfindliche Glasfaserhaut und den Motor reinigte sie schonend, ehe sie die Hülle konservierte. Mit Wattestäbchen kam sie auch in kleinste Ecken. "Die Arbeit gleicht der an einem Gemälde, so filigran sind manche Bauteile", sagt sie.

Nachgefertigte Teile wie einen Außenspiegel und Schrauben für die Scheiben ließ sie "altern", damit sie nicht als Fremdkörper optisch herausstechen. Deshalb baden die Schrauben in der Knoblauch-Soße: Nach ein paar Tagen laufen sie schwarz an und gleichen den alten Schrauben. Der Nachteil: Die Plastikdose mit den Knofi-Messingschrauben kann sie nur im Freien öffnen – die Mechaniker würden sonst reihenweise umfallen. 

 

Text und Bilder: Fabian Hoberg

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