Gelbe Engel aus aller Welt: Nationalitäten im ADAC

4.12.2017

Bei der ADAC Pannenhilfe sind Mitarbeiter aus der ganzen Welt im Einsatz. Wir haben einen britischen, einen italienischen und einen griechischen Gelben Engel begleitet

Engel aus 20 Ländern: Mit 12 Fahrern stellen die Italiener die meisten Fahrer in der Straßenwacht

2200 Mitarbeiter beschäftigt der ADAC derzeit in der Pannenhilfe, es sind Menschen aus aller Welt, mit insgesamt 20 Nationalitäten. Am häufigsten würden ADAC Mitglieder auf der Straße – statistisch gesehen – einem der zwölf italienischen Pannenhelfer begegnen, es folgen Kollegen aus der Türkei und Griechenland. Britischer Herkunft sind nur zwei Mitarbeiter.


Ralph Foster/Großbritannien

Heimweh bekämpft Ralph Foster im English Shop in Dortmund

Gelassen lenkt Ralph Foster seinen Wagen durch den aufgewühlten Dortmunder Berufsverkehr. Der Blick durchs Autofenster verspricht wenig an diesem eisig grauen ­Novembermorgen. Trotzdem hellt sich die Miene des Straßenwachtfahrers mit einem Mal auf: "Hier habe ich als Kind gespielt", sagt der 52-Jährige und deutet auf ein modernes Gebäude, vor dessen Eingang gelbe ADAC Fahnen im Wind flattern. Da, wo heute der ADAC Westfalen seinen Hauptsitz hat, standen früher Kasernen der British Army. "Mein Vater war Soldat und hier seit Ende des Zweiten Weltkriegs stationiert", sagt er. Deswegen legt der Gelbe Engel nicht nur britischen ­Humor an den Tag, er besitzt auch die englische Staatsbürgerschaft.

Fosters erster Einsatz führt heute zum Aldi-Parkplatz an der Joachimstraße in Dortmund-Mitte. Sehnsüchtig wird er dort von einer älteren Dame erwartet. Die Seniorin hat Kummer mit ihrem betagten Opel Corsa – dem Hinterreifen ist die Luft ausgegangen. "Da fährt man kurz zum Einkaufen, schon hat man eine Panne", seufzt sie. Mit schnellen Handgriffen hat der Gelbe Engel den schleichenden Plattfuß behoben, empfiehlt aber, für beide Hinterreifen beim nächsten Händler ­Ersatz zu besorgen. Die Dame lässt die Schultern hängen. "Zwei neue Reifen, wo ich doch so wenig Geld hab." Viel Herz hat sie aber, denn sie würde ihren Retter zu gern auf einen Kaffee einladen, wofür aber leider keine Zeit bleibt. "Das ist oft so", sagt er später, "die, die am wenigsten haben, geben am meisten."

"Beim Fußball schlägt mein Herz für England"

Seit 1999 ist der Brite Gelber Engel. Bereut habe er das nicht einen einzigen Tag. "Man trifft auf so verschiedene Menschen und erlebt viele Geschichten." Weil er fließend Englisch spricht ("ich bin zweisprachig aufgewachsen, war in einer englischen Grundschule und bin im britischen Militärkrankenhaus geboren"), schickte ihn der ADAC 2004 gemeinsam mit einem Kollegen sogar zu den Olympischen Spielen in Athen, wo er deutschen Sport­fans bei Autopannen half. Noch heute schwärmt er davon. Doch auch hier nützt die Zweisprachigkeit: "Fast jeder Ausländer spricht heute Englisch, so kann ich den Havaristen schneller helfen", sagt Foster. In Dortmund, wo der Anteil an ausländischen Mitbürgern z. B. im Stadtbezirk Innenstadt-Nord bei rund 40 Prozent liegt, ein großer Vorteil.

Nach Lincolnshire im Nordosten Englands, zu den Wurzeln seiner Familie, verschlägt es Ralph Foster nur noch ge­legentlich. Wenn ihn die Sehnsucht überfällt, kauft er im English Shop in der ­Fußgängerzone Cadbury-Schokolade. "Mein Lebensmittelpunkt ist Deutschland", sagt er, und wenn er ein Mitglied im Ruhrpott-Dialekt begrüßt, errät niemand seine Herkunft. Beim Fußball wechselt Foster aber die Seiten: "Ich bin Fan vom FC Liverpool. Wenn die Reds ­gegen Dortmund spielen, bin ich klar für die. Und wenn Deutschland gegen England kickt, schlägt mein Herz für England", sagt er und ergänzt lachend: "Auch wenn’s meist keine gute Idee ist."

Marino Di Pierro/Italien

"Hamburger Jung" aus Apulien: Eis-Pause für Marino Di Pierro

Anderntags und 323 Kilometer weiter nördlich fliegt ein Engel zum Christkind: Straßenwachtfahrer Marino Di Pierro, 44, ist im Großraum Hamburg im Einsatz und wird zu einer Panne nach Himmelpforten gerufen. In dem 5000-Einwohner-Städtchen im Alten Land ist das Weihnachtspostamt zu Hause, hierher schicken Kinder ihre Wunschzettel.

Während Marino Di Pierro durch die Elbmarsch fährt, erzählt er seine Geschichte: Die Eltern stammen aus Bisceglie in Apulien, geboren ist er aber in Hamburg. "In meiner Kindheit habe ich viel Zeit in Süditalien bei meinen Großeltern verbracht", sagt der Straßenwachtfahrer, der seit 17 Jahren für den ADAC tätig ist. "Angefangen hat alles mit einer Vespa, die mir die Großeltern geschenkt haben, als ich zehn Jahre alt war. Da wurde meine Leidenschaft fürs Schrauben geweckt. Natürlich durfte ich damit fahren und, wie in Italien damals üblich, ohne Helm."

Nach der Schule absolviert Di Pierro eine Ausbildung in einer freien Werkstatt. Doch schon immer beschäftigt er sich mit dem ADAC: "Durch unsere vielen Autofahrten nach Italien hatten wir häufig Kontakt mit der ADAC Pannenhilfe. Und ich habe immer gedacht, dass ich so auch eines Tages helfen möchte." Das gelingt ihm nun tagtäglich. In Himmelpforten braucht er knapp 20 Minuten, um bei einem Audi älteren Baujahrs, dessen ­Anlasser kaputt ist, zu helfen. In Buxtehude kümmert er sich bei einem Mazda um eine defekte Zündspule.

"Schon als Kind habe ich an einer Vespa geschraubt"

 Was die Vorliebe für Automarken betrifft, ist Di Pierro durch und durch Italiener: "Ich fahre privat einen Alfa Romeo." Im Fahrstil allerdings ist er ein Deutscher, amüsiert sich darüber, dass die meisten Italiener "sich für die besten Autofahrer der Welt halten", obwohl eher das Gegenteil der Fall sei. Ein Landsmann hat ihn einmal besonders verblüfft: "Ich bekam einen Notruf, und als ich vor Ort eintraf, stellte sich heraus, dass der Tank leer war. Der Fahrer schwor darauf, ausschließlich bei Agip zu tanken."

Die nächste Panne leuchtet im Display auf. Diesmal kommt der Hilferuf aus ­Stade. Mitgliedsnummer, Name, Fahrzeugmodell und Kennzeichen ­erscheinen im Bordcomputer. "Die Halterin ist 27 Jahre alt", prophezeit der Fachmann. Woher er das weiß? "Das Kennzeichen beinhaltet ihre Initialen und endet mit 90. Also ist sie Jahrgang 1990." Als er die Fahrzeugpapiere in den Händen hält und sich seine Vermutung bestätigt, lächelt er still und sagt: "Ein Auto gibt viel über seinen Fahrer preis. Zeig mir deinen ­Wagen, und ich sage dir, wer du bist."

Hier ist die 27-jährige Fahrerin eines ­älteren Mercedes-Benz eine türkische Frau mit zwei kleinen Kindern. Zu helfen vermag Di Pierro ihr leider nicht. Zwar kann er das Fahrzeug öffnen, doch der im Inneren vermutete Autoschlüssel ist auch dort nicht zu finden.

Hören kann man es nicht, dass Di ­Pierro Italiener ist. Erst sein Name verrät seine Wurzeln. Dass er angefeindet wird, kommt vor, aber zum Glück sehr selten: "Einmal ließ eine ältere Dame deutlich durchblicken, dass sie einen deutschen Kollegen erwartet hatte." Ihm hilft dann, "ruhig und professionell zu bleiben. Das geht ganz gut, denn diese Leute haben ­eigentlich mehr ein Problem mit sich selbst als mit mir", sagt er.

Grigorius Papadopoulos/Griechenland

Mittagspause in Stuttgart: Grigorius Papadopoulos vor einer Taverne

"Hier im Raum Stuttgart leben viele Griechen, da ist es praktisch, dass ich ihre Sprache spreche", sagt Grigorius Papado­poulos, der in Larisa, das zwischen Athen und Mazedonien liegt, auf die Welt kam. Seit dem dritten Lebensjahr ist er in Deutschland, absolvierte deutsches und griechisches Abitur. Bei einem Einsatz am Flughafen Stuttgart stellt der 45-jährige Südländer seine Robustheit unter Beweis, denn auf den Fildern pfeift der Wind um diese Jahreszeit besonders streng. "Wer nicht wetterfest ist, darf den Job nicht machen", sagt er. Umso herzerwärmender der Zufall, dass das Ehepaar, zu dem Papadopoulos gerufen wird, gerade von einer Kreta-Reise zurückgekehrt ist. Während des Urlaubs hat sich die Batterie des silbernen Nissan entladen. Die beiden sind übermüdet und etwas angespannt, doch der Helfer wirkt beruhigend auf sie ein.

Obwohl er erst seit wenigen Wochen als Gelber Engel arbeitet, ist er schon ein Profi in Sachen Menschenkenntnis. "Man kann auch aufgeregte oder entnervte Mitglieder besänftigen, wenn man einfach nur natürlich und freundlich bleibt", sagt er und fügt hinzu: "Das Wort Engel leitet sich aus dem altgriechischen Angelos ab und heißt Bote oder Nachrichtenüberbringer. Wir sind die­jenigen, die unserem Mitglied eine Botschaft überbringen, und es hängt sehr viel davon ab, wie wir das tun."

Text: Katja Fastrich. Fotos: Pascal Amos Rest, Steffen Thalemann, Gerd George. Infografik: ADAC Motorwelt.

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