Motorradtraining: Nach langer Pause wieder aufsteigen

22.5.2018

Beim Wiederaufsteiger-Kurs von ADAC und BMW können Motorradfahrer testen, ob Biken noch Spaß macht, wie Kurven- und Schräglagentechnik funktionieren und lernen, wie man sich wieder sicher auf zwei Rädern fühlt. Dazu gibt's acht Maschinen zum Ausprobieren. Ein Selbstversuch

ADAC Motorrad-Wiederaufsteigertraining
Fahren und lernen: In einzelnen Etappen werden Slalom, Bremsen und Kreiseln geübt

Mein Respekt wächst mit jeder Sekunde, in der ich die chromblitzenden Maschinen näher ­betrachte. Klar, ich habe einen Einser-Führerschein gemacht. Aber das ist gute 40 Jahre her. Danach bin ich noch ein paarmal gefahren, zwischendurch kurzfristig eine 200er-Vespa. Das war’s.

Und jetzt möchte ich – wie eine weitere Frau und acht Männer zwischen Mitte 40 und 70 – im ADAC Fahrsicherheits-Training in Augsburg beim "BMW Ride Again"-Kurs testen, ob und wie gut das Motorradfahren noch geht. Macht es wieder Spaß? Kommt es gar zum Neustart? Der Vorteil: Alles wird gestellt – Schutzkleidung, Helm, Schuhe und acht verschiedene Bikes zum Ausprobieren.

 

Sicherheit gewinnen, Ängste überwinden

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ADAC Motorrad Wiederaufsteigertraining
Erste Sitzprobe: Redakteurin Elisabeth Schneider probiert die G 310 R

Chris, unser Trainer, lädt zur Vorstellungsrunde, will hören, wer wie viel Praxis hat und wer wie lange nicht mehr auf dem Bike saß. Danach richtet er sein Programm für uns aus. Die Geschichten sind unterschiedlich, haben aber Gemeinsamkeiten: Die meisten sind gut 20 Jahre nicht mehr gefahren – weil die Kinder noch klein waren oder das Finanzbudget anders gebraucht wurde.

Petra, die 24 Jahre pausiert hat, war mit dem Bike umgefallen und hatte seitdem Manschetten. Erwin machte vor zehn Jahren, wie er sagt, "einen Purzelbaum über den Lenker", möchte aber unbedingt wieder ein- bzw. aufsteigen. Und ich? Ich bin einfach neugierig, was mich erwartet.

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Klare Ansagen: Der Instruktor gibt uns viele wichtige Tipps

Frisch eingekleidet in sperrige Overalls mit Protektoren, Stiefeln, Helm und mit Funkgeräten ausgestattet, geht es bei sonnig-warmen 25 Grad auf den Übungsplatz mit aufgezeichnetem Slalomkurs. "Schaut euch die Maschinen in Ruhe an, probiert, welche von der Höhe zu euch passt", sagt Chris, erklärt ABS-Knopf und andere moderne Funktionen, die kaum einer von uns bisher kennengelernt hat.

Ich suche mir eine "kleine" G 310 R aus, weil mir die größeren Modelle wie F 750 GS oder R nineT noch mehr Zweifel bereiten, sie auch geradehalten zu können. "Jetzt spielt mal mit Gas, Kupplung, ­Fußbremse, kurz anfahren, halten, auch mal Motor abwürgen, damit ihr ein Gefühl für die Maschine ­bekommt", ermuntert der Instruktor. Rundrum brummt es auf. Ich brumme mit und merke schnell, dass die Koordination von Füßen, Gleichgewicht, Händen am Lenker ganz schön kompliziert ist. "Tut nichts, wobei ihr euch unwohl fühlt", sagt Chris. Klingt beruhigend – soll es auch sein.

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ABS, Blickrichtung, Schräglage

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Aufgaben: Slalom fahren, bremsen, die richtige Blickrichtung 

Die Ersten starten. Ich probiere noch rum, fühle mich gestresst, frage mich, ob ich das hier wirklich brauche. Aber der Ehrgeiz nagt. Zwischendurch hält Erwin bei mir an, sagt: "Los, komm, du schaffst das." Das tut gut, überhaupt zickt keiner rum, weil die "Mädels" in der Gruppe nicht so forsch sind wie die "Kerle". Chris kennt das aus Erfahrung: "Frauen denken oft zu viel, was sie alles gleichzeitig machen sollen, Männer fahren erst mal los und schauen, was kommt."

Okay – ich brauche etwas länger. Aber schließlich starte auch ich, ein paar Runden fürs Gefühl, dann traue ich mir ein bisschen Slalom zu. Erst rechts-, dann linksrum. Und schon fühle ich mich etwas ­besser. Langsam "steigern" sich die Aufgaben. Jetzt sollen wir versuchen, auf den Punkt (orangefarbene Hütchen) zu bremsen. Dazu gehört auch die richtige Blickrichtung fürs vorausschauende Fahren. Dann kommt die Vorderradbremse – das ist die, die früher gern fürs Blockieren und für "Purzelbäume" wie bei Erwin sorgte. Heute hilft das Antiblockiersystem (ABS), das zu vermeiden.

Am Ende sind alle hochzufrieden

Der dritte Trainingsteil führt auf die Kreisbahn, die bei genug Geschwindigkeit Schräglagen erlaubt. Chris zeigt, wie es richtig (und elegant) geht. Ich ­dilettiere eher langsam im Kreis, freue mich aber, dass ich es schaffe, die Fußschaltung in den zweiten Gang zu bringen, um etwas schneller zu werden und dann sogar blinkend die Ausfahrt zu meistern. Danach bringen wir die Maschinen zurück und dürfen endlich raus aus der Schutzkleidung. Alle, nicht nur ich, sind darunter patschnass geschwitzt. Die körperliche Anstrengung spürt man erst später …

Übereinstimmendes Fazit nach rund fünf Stunden: super! Gerald, der mit seinem Motorrad gekommen war, bucht gleich Fortsetzungstrainings, Roland auch. Erwin bringt es für alle auf den Punkt: "Dieser Kurs ist die beste Möglichkeit auszuprobieren, ob es noch Spaß macht und welches Bike zu einem passt." Er weiß jetzt, was er sich kaufen will. Petra ist entschlossen, wieder aufzusteigen – mit weiteren Trainings oder Fahrstunden. Ich selbst hatte nach vielleicht zu viel Respekt am Anfang letztlich doch Spaß beim Fahren – aber ich fühle mich in den "umbauten Räumen" meines Autos sicherer. Auch so eine Erkenntnis gehört zu den Zielen des Trainings.

Text: Elisabeth Schneider. Fotos: Steffi Aumiller.

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(acfo)