Sicher & Mobil

Standpunkt: Mittelspur-Schleicher & Co.

Auf der Autobahn kann man viel über seine Mitmenschen lernen, findet Motorwelt Vize-Chefredakteurin Elisabeth Schneider

Zweispurige Autobahnen haben bekanntlich den großen Nachteil, dass sie meist zu voll und damit nervige Staufallen sind. Aber sie haben auch einen Vorteil – die klare Verteilung: Links fahren die Schnellen und die Überholer, rechts die anderen. Und wenn einer zu lange zu trödelig links bleibt, wird er von seinen Hintermännern schnell eines Besseren belehrt. Nicht immer auf die feine Art, aber meist wirksam.

Bei dreispurigen Autobahnen wird die Sache komplizierter. Denn da kommen spezielle Charaktere ins Spiel – jede Spur hat so ihre Nutzertypen. Links fahren natürlich die Starken, die Tollen, die von Anfang an zeigen wollen, wer hier das Sagen hat. Für die sind schon beim Einfädeln auf die Autobahn rechte und mittlere Spur lediglich Überquerungsstreifen nach links. Dort drücken sie gnadenlos auf die Tube, erwarten, dass sich auch flott überholende Autos vor ihnen auf der Stelle in Luft auflösen, damit sie ungebremst an ihr Ziel düsen können.

Meist sieht man diese Herrschaften in ihren feinen Kisten wenig später gemeinsam mit ihren Artgenossen am Ende einer Autoschlange – auf der linken Spur mit rot glühenden Rücklichtern im frischen Stau. Bis es wieder weitergeht, voll Gas, voll Bremse, ruck and go sozusagen ...

Mit finsterem Blick auf der Pattex-Spur
Auf der mittleren Fahrbahn, auch Pattex-Spur genannt, findet man die Sicherheitsfanatiker. Wenn sie einmal dort sind, bleiben sie kleben, egal, wie viel oder wenig Verkehr um sie herum ist. Mit finsterem Blick, die Hände fest ums Lenkrad gekrallt, rollen sie mit 80, 100 oder so dahin, schauen weder nach rechts noch links, um sich ja nicht von ihrem Weg oder gar durch andere Verkehrsteilnehmer ablenken zu lassen.

Spurwechsel sind für sie eine äußerst gefährliche Angelegenheit: Links drohen unberechenbare Rowdys, rechts wirken Lkw-Kolonnen wie eine uneinnehmbare Trutzburg. Schon der Gedanke, sich da einreihen zu müssen, treibt den Mittelspur-Verfechtern Schweißperlen auf die Stirn. Völlig unnötig. Selbst Brummis haben Bremsen, und sonn- und feiertags sind sie übrigens gar nicht da. Trotzdem: Pattex-Spur-Kleber fühlen sich nur in der Mitte sicher – basta!

Die Stunde der Schwächlinge und PS-Schlafmützen
Dass sie andere, etwas zügiger fahrende Menschen zu weitschweifigen Überholmanövern quer über drei Spuren und retour zwingen, berührt sie offenbar null. Kein Wunder, dass viele Rechtsfahrer (sorry, liebe Polizei, mal weggucken!) dann auf der komplett freien rechten Spur vorbeiziehen.

Apropos rechte Spur: Das ist keineswegs mehr die Piste der Schwächlinge oder PS-Schlafmützen, sondern die der Schlauen! Jedenfalls erlebe ich immer wieder, dass man auch auf gut gefüllten Autobahnen rechts meist besser und ruhiger vorankommt. Kein nervöses Stop-and-Go, kein Gedrängel, keine Lückenspringer,  die oft gefährlich knapp einscheren.

Zwar muss ich mich generell auf ein niedrigeresTempo einstellen, aber ich schone meine Nerven – und nicht selten sehe ich später viele von denen wieder, die zuvor rasant überholt haben oder durch Lichthupe, dichtes Auffahren und Ähnliches unangenehm aufgefallen sind. Dann muss ich schmunzeln, denn diese Leute kommen garantiert mit deutlich schlechterer Laune und mieserem Pulsschlag an ihr Ziel ...

Elisabeth Schneider,
Stellv. Chefredakteurin

Fotos: Fotolia. Porträtzeichnung: Jindrich Novotny. © ADAC Motorwelt 30.08.2017.
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