Fahrgefühle: Schlechter Beifahrer

9.11.2017

Mitbremsen, zusammenzucken, Streit im Auto: Wer kennt das Gefühl nicht, dass man sich als Beifahrer einfach unwohl fühlt – und damit den Fahrer in den Wahnsinn treibt? Expertin Nina Wahn erklärt das Phänomen in unserer Ratgeber-Kolumne

Miriam H. Düsseldorf:
Als Beifahrer bremse ich immer mit, der Fahrer ist dann total genervt. Warum kann ich mich nicht zusammenreißen?

ADAC Expertin Nina Wahn:
Die gute Nachricht zuerst: Mit diesem Problem sind Sie nicht allein. Jetzt die schlechte Nachricht: Eine einfache Lösung für Ihr Zappelphilipp-Verhalten gibt es nicht. Denn der Teil unseres Gehirns, der unsere Emotionen und Körperbewegungen steuert, ist sehr, sehr alt. Er stammt aus einer Zeit, in der wir noch weit von unserer heutigen, (vermeintlich) vernunftgesteuerten Entwicklungsstufe entfernt waren. Und entzieht sich seit Jahrmillionen erfolgreich unserer Kontrolle.

Auf Angst, auf Erschrecken reagieren wir seit Urzeiten triebgesteuert, der Fluchtinstinkt ergreift uns. Das Problem im Pkw: Als Beifahrer, festgeschnallt im Autositz, können wir gar nicht fliehen. Sondern nur zusammenzucken, mitbremsen, aufstöhnen, wenn die Situation außer Kontrolle zu geraten scheint.
Nun gilt es abzuwägen: Reagiert „Ihr“ Fahrer tatsächlich regelmäßig viel zu spät, hat er womöglich schon einen Unfall in Ihrer Gegenwart verursacht? Dann würde Ihr Verhalten auf realer Erfahrung gründen und wäre nicht nur von Ihren Instinkten ausgelöst.

Falls Sie auf diesen Fahrer angewiesen sind, sollten Sie ihn bei passender Gelegenheit – und auf keinen Fall während der Fahrt – auf seine zweifelhaften Fahrkünste ansprechen. Wenn Sie nicht auf ihn angewiesen sind: Fahren Sie nicht mehr bei ihm mit! Allerdings zeigt die Erfahrung, dass die allermeisten Autofahrer keineswegs miserabel, sondern eher durchschnittlich fahren. Nur reagieren die meisten anderen Menschen etwas früher oder etwas später, als Sie selbst es für richtig halten. In aller Regel wäre Ihre eigene Reaktion angemessen gewesen – aber auch die des jeweiligen Fahrers.

An Ihrem Problem – dem Zappeln – ändert dieses rein theoretische Wissen jedoch nichts. Ihnen hilft wohl nur das Eingeständnis dem Fahrer gegenüber: Ich kann nicht anders. Gefolgt von der Bitte um Verständnis. Meist werden Sie es bekommen.

 

Nina Wahn, Psychologin


Aufgezeichnet von Thomas Paulsen. Illustration: Rinah Lang, Porträtzeichnung: Jindrich Novotny.

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