Was tun, wenn Fußgänger trödeln?

8.3.2018

Man hat es eilig, ist eh schon spät dran. Da geht ein Fußgänger seelenruhig über die Straße als wäre er alleine auf der Welt. Dass da mancher Autofahrer nicht gerade lächelnd und geduldig wartet, wirkt verständlich. Wieso es in solchen Situationen immer wieder zu aggressivem Verhalten von beiden Seiten kommt, erklärt die ADAC Expertin Nina Wahn in ihrer Kolumne


 

Neulich wollte ich nach rechts abbiegen. Vor mir querte ein junger Mann in aller Ruhe die Straße. Ich fuhr gemächlich weiter, woraufhin der Passant mir den Mittelfinger zeigte. Wie beurteilen Sie dieses unverschämte Verhalten?
Melanie D., Saarbrücken

 

Offenbar empfanden Sie das Dahinschlendern als Schikane, schließlich bremste der Fußgänger Sie aus. Das ist aus Ihrer Perspektive natürlich ärgerlich. Aus der Perspektive des Passanten stellt sich die Angelegenheit aber womöglich ganz anders dar. Denn vielleicht hatte er Muskelkater und konnte nicht schneller gehen. Vielleicht litt er unter einer Gehbehinderung. Vielleicht war er in Gedanken versunken, hatte nur das grüne Licht der Ampel wahrgenommen – aber nicht Ihren Wagen und die gestresste Fahrerin im Inneren. Für ihn hätte sich Ihr heranrollendes Auto dann als versuchte Nötigung, vielleicht sogar als Bedrohung dargestellt. Oder er hätte sich ganz einfach erschrocken.

 

Betrachten wir nun den (nach meiner Erfahrung unwahrscheinlichen, aber denkbaren) Fall, dass der Fußgänger Sie tatsächlich schikanieren wollte. Warum er das tun sollte? Verschiedene Möglichkeiten: Weil er es kann. Weil er es einer nervigen Autofahrerin mal so richtig zeigen wollte. Weil er Sie zu mehr Gelassenheit erziehen will. Oder – und das ist die schlechte Nachricht für Sie – weil er es darf. Er hatte nämlich, wie Sie selbst geschrieben haben, grün.

 

Kürzlich war ich bei einem Coaching und habe bei einer Sitzung über all die Ungerechtigkeiten gejammert, die mir in den vergangenen Wochen widerfahren waren. Die Reaktion des Coachs: Na und? Erst war ich sauer, dachte, der nimmt mich nicht ernst. Und dann habe ich verstanden: Er hatte recht. Wenn man etwas nicht ändern kann, dann ist oft die einzig angemessene Reaktion: Na und?

 

Durfte der junge Mann ihnen den Stinkefinger zeigen? Ganz sicher nicht. Aber hätten Sie nicht auch ganz einfach stehenbleiben können, bis die Bahn frei war? Ich meine: Auf jeden Fall. Wenn Sie sich also das Leben leichter machen wollen, dann denken Sie sich beim nächsten Mal in einer vergleichbaren Situation auch: Na und?

 

Nina Wahn, Verkehrspsychologin des ADAC
Nina Wahn, ADAC Verkehrs­psychologin

 


Aufgezeichnet von Thomas Paulsen. Illustration: Rinah Lang, Porträtzeichnung: Jindrich Novotny.

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