Fahrgefühle: Zweifel am "Schwiegervater"

1.9.2017

Wenn Papa fährt, fühlt sich die Tochter vollkommen sicher, ihr Freund dagegen ganz und gar nicht. Wieso wirkt ein und dasselbe Fahrverhalten für sie ganz normal, für ihn aber extrem aggressiv? ADAC Verkehrspsychologin Nina Wahn erklärt das Phänomen in unserer Ratgeber-Kolumne

Andrea F., Neustadt/Weinstraße:

Kürzlich brachte mein Vater mich und mein Freund in die Stadt. Ich empfand seinen Fahrstil ganz normal, er dagegen unglaublich aggressiv. Warum haben wir das so unterschiedlich erlebt?

ADAC Verkehrspsychologin Nina Wahn:
Vertraue keinem Augenzeugen! Dieser Lehrsatz gehört zur Grundausbildung jedes Polizisten. Und gerade deshalb müssen wir in Ihrem Fall über Vertrauen nachdenken. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht geht das Wort Vertrauen auf das gotische trauan, also treu zurück. Dieses Adjektiv bedeutete stark, fest oder dick.

Stark und fest – das können Mauern sein, die jedem Angriff widerstehen oder Bäume, die dem größten Sturm trotzen. Auch Menschen können, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne, stark und fest sein. Nur: Niemand weiß von vornherein, ob eine Mauer stabil, ein Baum standfest, ein Mitmensch zuverlässig ist. Das muss man erlebt haben.

Womit wir beim Verhältnis zwischen Ihnen und Ihrem Vater wären. Von frühester Kindheit an sind die eigenen Eltern der Inbegriff von Stärke. Nie würden sie zulassen, dass uns etwas zustößt. In jeder Krisensituation (Hunger! Durst!) sorgen sie für uns, haben auf jede Frage eine Antwort. So entsteht Vertrauen. Und es muss viel passieren, damit dieses Vertrauen zerbricht.

Vermutlich waren Sie schon oft mit Ihrem Vater im Auto unterwegs. Vielleicht schimpfte Ihr Vater lautstark über andere Autofahrer oder fuhr zu dicht auf. Gleichzeitig nehme ich an, dass Sie noch keinen Unfall mit ihm hatten. Ihr Vertrauen in Ihren Vater ist also ungebrochen, sein Verhalten erscheint Ihnen unbedenklich – und ganz normal. Versetzen wir uns nun in Ihrem Freund. Er kennt Ihren Vater nicht so gut wie Sie, wurde noch nie von ihm chauffiert – und konnte deshalb kein Vertrauen entwickeln. Aus der Perspektive Ihres Freundes verhält sich Ihr Vater nicht wie ein Beschützer, sondern wie ein Rowdy auf Rädern.

Bleibt die Frage, wie Sie mit dieser Wahrnehmungs-Diskrepanz umgehen sollten. Ich sehe zwei Möglichkeiten. Die Erste: Versuchen Sie, Ihren Vater bei der nächsten Fahrt mit anderen ein wenig zu beruhigen. Die Zweite: Setzen Sie sich selbst ans Steuer, wenn Ihr Freund mitfährt.

 

Nina Wahn, ADAC Verkehrspsychologin

Aufgezeichnet von Thomas Paulsen. Illustration: Rinah Lang, Porträtzeichnung: Jindrich Novotny.

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