Sicher & Mobil

Kfz-Umbau: So werden Behinderte mobil

Für Behinderte steht ein Auto für Freiheit und Selbstbestimmtheit. Doch ohne aufwendige Umbauten geht es meist nicht. Besuch bei einem Umrüstbetrieb

Neben mir sitzt Igino Farnhamer. Er ist Fahrlehrer bei der Firma Paravan und bringt Menschen mit Behinderung das Autofahren bei. „Jetzt langsam Gas geben und die Nächste links abbiegen.“ Ich ziehe den Joystick mit der linken Hand leicht nach hinten. Der Mercedes nimmt Gas an und setzt sich in Bewegung. Das klappt ganz gut. 

„Blinker links!“ Meine Anweisung setzt die Spracherkennung sofort um und wirft den Blinker an. Gut so, denn eine Hand hätte ich jetzt nicht frei. Die rechte ist ebenfalls beschäftigt – mit dem zweiten Joystick für die Lenkung. Per Sprache lassen sich auch Fenster öffnen und die Automatik steuern. An der Einmündung stelle ich mich an wie ein Anfänger: So eckig bin ich noch nie um eine Kurve geschlichen! Das Gefühl für die Joysticks fehlt mir noch. Menschen mit Bewegungseinschränkungen sind auf die Steuerung ohne Lenkrad und Pedale angewiesen. Wie Boris Nicolai. Der Maschinenbautechniker leidet an einer Muskelerkrankung, die Lähmungen im Schulter- und Beckenbereich verursacht. Die Kraft schwindet. Ohne Auto wäre der 32-Jährige aufgeschmissen. Ohne einen exakt auf ihn zugeschnittenen Umbau ebenfalls. Nur so kann er ein unabhängiges Leben führen und zur Arbeit gelangen. Sein Kia Carnival lässt sich per Knopfdruck 15 Zentimeter absenken.

Boris lenkt den Van über Joysticks
Unter der Schiebetür fährt eine Rampe aus, die ihn samt seines 170 Kilo schweren Rollstuhls in den Innenraum hievt. Er dient als Fahrersitz und wird im Boden verankert. Auch Boris dirigiert seinen Van über Joysticks. Dass es zum Ein- und Aussteigen Platz braucht, liegt eigentlich auf der Hand. Doch: „Vielen fehlt das Feingefühl für Behinderte“, klagt Boris Nicolai. Die Ausreden der Autofahrer, die einen Behindertenparkplatz blockieren, kennt er alle. Dort darf nur parken, wer im Schwerbehindertenausweis den Zusatz „aG“ oder „BI“ und einen blauen Parkausweis hat. Bis zu 70 000 € kann so ein Komplettumbau kosten. Viel Geld, der Aufwand ist enorm. Der Unterboden wird entfernt und durch einen anderen ersetzt. Auch die komplexe Steuerelektronik samt Elektromotoren muss eingebaut werden. Das Cockpit wird dafür komplett zerlegt.

Für die Kunden gibt es sogar ein Tablet als Fernbedienung – zum Öffnen der Türen und Ausfahren der Rampe. Grundsätzlich ist jedes Auto für einen Umbau geeignet. Manchmal reicht es, wenn der Rollstuhl von einem Roboterarm in den Kofferraum gehoben wird, falls der Fahrersitz noch genutzt werden kann. Oder wenn ein Gasring ans Lenkrad gebaut wird. Wer aber mitsamt Rollstuhl ins Auto fahren muss wie Boris Nicolai, benötigt als Basis einen kastigen Van. Die Kunden von Paravan sind drei bis fünf Tage auf der schwäbischen Alb, werden ausgiebig beraten und erhalten sehr individuelle Lösungen. Schließlich ist keine Behinderung wie die andere. Rund 600 Autos rollen jährlich vom Hof – mit glücklichen Lenkern am Joystick.  

Text: Jochen Wieler, Fotos: Steffen Thalemann, PR

Nützliches & Wissenswertes

Erleichterungen für Menschen mit Behinderung – auch die ADAC Stiftung hilft. 

  • Ob man mit körperlicher Einschränkung ein Kfz führen darf, muss ein Sachverständiger, z. B. ein Verkehrsmediziner, klären. Die Führerscheinstelle kann ein solches Gutachten und eine Fahrprobe verlangen. Eventuelle Auflagen für Umrüstungen ­werden im Führerschein vermerkt.  
  • Fast alle Autohersteller gewähren beim Neuwagenkauf Rabatte für Behinderte. Rund 15 Prozent sind meist drin, manche Marken bieten auch mehr; Ford etwa bis 25 Prozent. Einige Hersteller (z. B. Fiat „Autonomy“) haben eigene Programme zum Umbau, teils sogar ab Werk mit Werksgarantie.
  • Eine Liste mit Umrüstbetrieben und viele weitere Tipps, etwa wie ein Rollstuhl im Auto gesichert werden muss, finden Sie auf adac.de/mobil-mit-behinderung. Auch die Info-Broschüre „Barrierefrei mobil“ lässt sich dort herunterladen.
  • Kostenerstattungen regeln je nach Fall diverse Kostenträger: die Bundesagentur für Arbeit etwa, Berufsgenossenschaften oder private Unfallversicherungen. Die Höhe des Zuschusses zum Umbau oder zum Neuwagenkauf ist einkommensabhängig und daher je nach Fall und Kostenträger individuell sehr verschieden.
  • Die gemeinnützige ADAC Stiftung unterstützt bedürftige Unfallopfer nicht nur durch individuelle Beratung, sondern auch mit finanzieller Hilfe. Kontakt unter Tel. 089.76 76-34 50 und info@stiftung.adac.de

Lesen Sie hier einen Artikel aus der Apotheken Umschau zum Thema: „Selbstbestimmtes Leben für Menschen mit Handicap durch ein eigenes Auto“ (4,16 MB).