Zoll: Die Jagd auf Schmuggler

29.1.2018

Der Zoll ist an den Grenzen, auf den Flughäfen, auf den Autobahnen im Einsatz. Ein Besuch bei den Fahndern zeigt: Überall wird geschmuggelt. Oft aus Versehen und Unwissen. Manchmal aber auch mit voller Absicht. So vermeiden Sie Ärger!

Grenzwacht: Zöllner beobachten den Verkehr an der deutsch-­schweizerischen Grenze in Bietingen

Die Frau in Schwarz versteht die Welt nicht mehr. Sie steht im Zollkon­trollraum am Flughafen Tegel. Auf dem Tresen liegen zwei haarige Bärenkrallen, Mitbringsel von einem Familienbesuch in Moskau. Sie diskutiert in gebrochenem Deutsch mit Händen und Füßen mit den Beamten. Es hilft nichts: Die Krallen bleiben beim Zoll, das europäische Artenschutzrecht verbietet die Einfuhr.

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Zufallskontrollen von Reisegepäck am Flughafen Berlin-Tegel 

Jeden Tag werden Menschen zu Schmugglern. Absichtlich oder aus Ahnungslosigkeit. Weil sie Schwarzgeld beiseite schaffen, die Mehrwertsteuer auf teure Uhren, Autos oder Yachten sparen wollen oder nur ein paar billige Zigaretten aus dem Urlaub mitbringen.

So wie Marlies und Hans-Jürgen Mockert, die an diesem Novembertag aus dem Badeurlaub an der Türkischen Rivie­ra zurückkommen. Beim Scan ihrer Taschen entdecken die Zöllner zwei Stangen und acht Packungen Zigaretten. Das sei erlaubt, hatte der Verkäufer in Antalya versichert. Ist es aber nicht, die Türkei gehört nicht zur EU, deshalb gelten andere Freigrenzen. Erst nimmt Marlies Mockert das Ganze mit Humor: "Ich habe doch schon für vier Kilo Übergepäck bezahlt. Und jetzt das." Als der Zöllner die Rechnung präsentiert, vergeht ihr kurz das Lachen. Pro Zigarette 19 Cent Steuern und 19 Cent Strafe. Macht 60 Euro. Beim Gehen kommt die gute Laune zurück. "Die werde ich richtig genießen."

Dank Seriennummer lassen sich iPhones zurückverfolgen

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Ein Blick in die Handtasche wurde schon manchem zum Verhängnis

An jedem Flughafen haben die Reisenden die Wahl: Entweder sie gehen durch den "grünen Kanal" und erklären damit verbindlich, sie haben nichts zu verzollen. Wer dann mit anmeldepflichtigen Waren erwischt wird, muss Strafe zahlen. Beim "roten Kanal" werden nur Steuern fällig. Oder man lässt die mitgebrachte Ware beim Zoll. Bei Zigaretten mag das erträglich sein, bei Luxusgütern wird es richtig bitter. Beispiel neues iPhone, Klassiker bei Flügen aus den USA, dort locker 300 Euro billiger als bei uns. Wer behauptet, er ­habe das Gerät in Deutschland gekauft, kann schnell überführt werden: die Seriennummer in den Zollcomputer eingeben – schon ist die Herkunft geklärt, der Schmuggler aufgeflogen.

Geld, Zigaretten, Schmuck, Medikamente, Autos: Im Zweifel erst beim Zoll nachfragen und dann einreisen

Gut durch den Zoll: Darauf müssen Sie achten

Autokauf

Wer in der EU einen Neuwagen kauft und damit nach Deutschland fahren will, braucht ein Ausfuhr- oder Überführungskennzeichen. Wird der ­Wagen per Hänger transportiert, ist das unnötig. Dann muss man binnen zehn ­Tagen zum Finanzamt, um die 19 Prozent Umsatzsteuer zu bezahlen. Dafür ­ist der Kaufvertrag vorzulegen. Beim Autokauf in Nicht-EU-Ländern werden 10 Prozent Zoll sowie Umsatzsteuer fällig. Alle ADAC Informationen zum Autokauf im Ausland finden Sie hier.

Bargeld

Innerhalb der EU ist es Vorschrift, Barmittel ab 10.000 Euro – dazu ge­hören neben Geld auch Aktien, Reiseschecks oder Edelmetalle – auf Nachfrage anzugeben. Bei Drittstaaten müssen sie bei Ein- und Ausreise schriftlich gemeldet werden.

Arzneimittel 

Medikamente für den Eigenbedarf dürfen mitgenommen werden. Um Probleme zu vermeiden, hilft ein Attest. Das Arzneimittel-Formular gibt es auch beim ADAC (pdf).

Freigrenzen

Innerhalb der EU dürfen für den privaten Verbrauch 800 Zigaretten, 1 kg Rauchtabak, 10 kg Kaffee, 10 l Spirituosen und 110 l Bier mitgenommen werden. Für Drittländer gelten niedrigere Grenzen – z.B. nur 200 ­Zigaretten oder 250 g Tabak. Auch bei alkoholischen Getränken sind die Freimengen reduziert: etwa 1 l Schnaps oder 16 l Bier. Das gilt auch für EU-Sondergebiete wie die Kanaren, die ­britischen ­Kanalinseln oder Helgoland.

Warenwert

Aus Nicht-EU-Ländern sind bei der Einreise mit dem Auto Waren im Gesamtwert von 300 Euro (bei unter 15-Jährigen 175 Eutro) steuerfrei, bei Flug- und Seereisen liegt die Grenze bei 430 Euro pro Person. Achtung: Die 1000 Euro fürs Handy oder die goldene Uhr können nicht auf mehrere Reisende "aufgeteilt" werden.

Artenschutz

Wer geschützte Pflanzen und Tiere – ob tot oder lebendig – ohne Genehmigung einführt, macht sich strafbar. Hier finden Sie eine Übersicht der geschützten Tierarten, die nicht nach Deutschland mitgebracht werden dürfen.

Plagiate

Wer gefälschte Markenartikel für den Privatgebrauch aus dem Urlaub mitbringt, macht sich nicht strafbar. Bei größeren Mengen gibt es dagegen Ärger.

Carnet de Passages

Weltreisende brauchen in vielen Ländern Afrikas, ­Asiens, Südamerikas sowie in Australien und Neuseeland ein Carnet de Passages, um ihr Fahrzeug zollfrei einführen zu dürfen.

Mit dem Röntgen-Lkw an der A8

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Hightech-Truck: Der Röntgen-­Lkw des Zolls scannt einen Laster aus Polen

An der B10 bei Ulm, nahe der A8, arbeitet der Zoll mit einem mobilen Röntgentruck. Seit sechs Uhr sind hier, weit hinter der Grenze, 20 Beamte mit zwei Kleinbussen und mehreren Pkw im Einsatz. Sie lotsen auffällige Fahrzeuge auf den Parkplatz. Dort wartet der Hightech-Lkw, ein riesiges Röntgengerät auf Rädern. In 20 Sekunden durchleuchtet er Laster, Transporter, Autos. Bei einem Lkw aus Ungarn – laut Papieren hat er Protein-Shaker geladen – wird ein Beamter misstrauisch. Die Fahnder lassen die Plane öffnen, ritzen mit einem Messer an der verdächtigen Stelle einen Karton nach dem anderen auf. Auf einer Palette sind die Kartons anders gestapelt, daher die Anomalie beim Röntgen. Falscher Alarm.

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In Sekunden ist die Aufnahme der Ladung auf dem Bildschirm

Das kommt vor. Aber immer wieder werden die Zöllner fündig. Wie bei dem Lkw, der angeblich nur Obst geladen hatte: Beim Durchleuchten fiel den Beamten eine Stiege Kräuter auf. Was aussah wie Petersilie, entpuppte sich als Marihuana. Einmal entdeckten sie auf dem Bildschirm eine Hand zwischen ­Autoreifen: Zwei Flüchtlinge hatten sich auf dem Lkw versteckt.

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Palettenweise Bier im Kofferraum: Zufallsfund ohne Folgen an der A8 

Ein Einsatzwagen kommt von der Autobahn zurück. Im Gefolge einen Kleinbus mit Anhänger, darauf ein älterer Mercedes. Die fünf jungen Rumänen sind auf dem Weg nach London und haben reichlich Proviant an Bord: Alle Kofferräume sind voll mit Bierdosen. Damit gibt es kein Problem, aber mit den vier Stangen Zigaretten pro Nase. Pech für die Rumänen: Sie kommen aus einem EU-Land, in dem erst später das Steuerrecht dem Rest Europas angeglichen wird. Daher gelten geringere Freigrenzen. Am Ende müssen die Männer 2500 Zigaretten abgeben und rund 400 Euro zahlen. Das ist in Rumänien fast ein Monatsgehalt.

Die Reichen schmuggeln Yachten über den Bodensee 

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See-Patrouille: Die Haltnau ist eines von vier Zollbooten auf dem Bodensee

Ein Transporter mit völlig abgefahrenen Reifen rollt auf den Parkplatz – einem geht sofort die Luft aus. Acht Männer und Frauen, auch sie aus Rumänien, steigen aus. Im Kofferraum stapeln sich Koffer, Taschen und Pakete für Landsleute in ganz Europa. Wein aus Plastikkanistern ist auf den Boden des Lade­raums geschwappt, die Beamten ziehen in Folie verschnürte Rinderhälften aus dem Auto. Solche Kurierfahrten sind Alltag für die Zöllner, rechtlich haben sie nichts zu beanstanden.

Vier Boote vom Zoll patrouillieren auf dem Bodensee, den sich Deutschland, Österreich und die Schweiz teilen – eines davon ist die Haltnau. Die Klientel, mit der es die Zöllner Stefan Bernig und Thomas Murgas zu tun haben, ist eine ganz andere als an der A8: betuchte Sport-Skipper, die sich die Steuer für die in der Schweiz gebaute Luxusyacht sparen und unverzollt am deutschen Ufer festmachen wollen. So verfolgen die Beamten in Ludwigshafen ein Boot mit Schweizer Zulassung. Der deutsche Halter kann keine Versteuerungsunterlagen vorlegen, behauptet, dass er wegen eines drohenden Unwetters nicht mehr in die Schweiz zurück konnte. Eine schlechte Ausrede, über dem See liegt ein stabiles Hoch. Die Quittung: 20.000 Euro Steuern und eine Strafe in gleicher Höhe.

An der Schweizer Grenze wird noch kontrolliert

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Auch bei gebrauchten Autoreifen können Zollgebühren fällig werden

So wie an der Landgrenze zur Schweiz bei Bietingen ging es früher an allen Grenzen zu: Kontrollrampen für Lkw, Verwaltungsgebäude, in denen Frachtpapiere und Steuerbescheinigungen ausgestellt werden. Zollbeamte beobachten die vorbeifahrenden Autos, winken sie bei Verdacht raus, durch­suchen Kofferräume, klopfen Verkleidungen, Bänke auf Hohlräume ab.

Klassiker an dieser Grenze sind Drogen, Uhren und teure Autos. Ein Ferrari-­Fahrer erregte Misstrauen, weil er das Nummernschild notdürftig mit Kabelbindern befestigt hatte. Die Papiere gehörten zu seinem Erst-Ferrari in Deutschland, ein dreister Schmuggelversuch. Wie auch bei dem Mann mit Schweißperlen auf der Stirn, der erst nichts, dann 8000 Euro zugab, ehe er im Kontrollraum auspacken musste: 70.000 Euro in ausgebeulten Hosentaschen, Socken und anderen Verstecken am Körper. Früher, als die Schweiz für Deutsche noch Schwarzgeldparadies war, gehörten sechsstellige Summen zum Tagesgeschäft der Zöllner.

Viele geraten ohne kriminelle Energie ins Visier der Zöllner. So wie Häuslebauer Andreas Kreiter, der auf der Ladefläche seines Kombis Leitungen für seine Bodenheizung hat. Beste Schweizer Qualität für 1200 Franken. Nach zwei Stunden Papierkram zahlt er 200 Euro Mehrwertsteuer und darf weiter.

Egal ob Häuslebauer, Raucher oder Liebhaber von Bärenkrallen – jeder hat mal was im Gepäck, das er eigentlich verzollen müsste. Also: erst informieren und im Zweifel beim Zöllner nachfragen.

Text: Christof Henn, Thomas Paulsen. Fotos: Helmuth Scham, Günther Bayerl, Sebastian Pfütze, PR, shutterstock, Daimler AG, Fotolia (acfo)

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