Sicher & Mobil

Fahrgefühle – die Motorwelt-Kolumne

ADAC Verkehrspsychologin Nina Wahn antwortet auf Fragen der Mitglieder zu dem, was sie unterwegs bewegt

Andrea F., Neustadt/Weinstraße
„Kürzlich brachte mein Vater mich und meinen Freund mit dem Auto in die Stadt. Ich empfand seinen Fahrstil ganz normal, mein Freund dagegen unglaublich aggressiv. Warum haben wir das so unterschiedlich erlebt?“

ADAC Verkehrspsychologin Nina Wahn
"Vertraue keinem Augenzeugen – dieser Lehrsatz gehört zur Grundausbildung jedes Polizisten. Und gerade deshalb müssen wir in Ihrem Fall über Vertrauen nachdenken. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht geht das Wort „Vertrauen“ auf das gotische „trauan“, also „treu“ zurück. Dieses Adjektiv bedeutete so viel wie stark, fest oder dick. Stark und fest – das können Mauern sein, die jedem Angriff widerstehen oder Bäume, die dem größten Sturm trotzen. Auch Menschen können, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne, stark und fest sein. Nur: Niemand weiß von vornherein, ob eine Mauer wirklich stabil, ein Baum wirklich standfest, ein Mitmensch wirklich zuverlässig ist. Das muss man erlebt haben.

Womit wir beim Verhältnis zwischen Ihnen und Ihrem Vater wären. Von frühester Kindheit an sind die eigenen Eltern der Inbegriff von Stärke. Nie würden sie zulassen, dass uns etwas zustößt. In jeder Krisensituation (Hunger! Durst!) sorgen sie für uns, haben auf jede Frage eine Antwort. So entsteht Vertrauen, zumindest aus der subjektiven Sicht des Kindes. Und es muss viel passieren, damit dieses Vertrauen zerbricht.

Vermutlich waren Sie schon oft mit Ihrem Vater im Auto unterwegs. Dabei haben sie immer wieder jenes Verhalten erlebt, das Ihr Freund als „aggressiv“ beschreibt. Vielleicht schimpfte Ihr Vater lautstark über andere Autofahrer oder fuhr zu dicht auf, womöglich bremste er einen anderen Verkehrsteilnehmer aus. Gleichzeitig nehme ich an, dass Sie noch keinen Unfall mit ihm hatten - Ihre persönliche Risikobewertung für Fahrten mit Ihrem Vater dürfte deshalb sehr positiv ausfallen. Ihr Vertrauen in Ihren Vater ist ungebrochen, sein Verhalten erscheint Ihnen unbedenklich – und ganz normal.

Versetzen wir uns nun in Ihren Freund. Er kennt Ihren Vater längst nicht so gut wie Sie, offenbar wurde er noch nie von ihm chauffiert – und konnte deshalb weder in seine Persönlichkeit noch in seine Fahrkünste Vertrauen entwickeln. Aus der Perspektive Ihres Freundes verhält sich Ihr Vater also nicht wie der Beschützer, den er seit langem kennt. Sondern wie ein Rowdy auf Rädern.

Bleibt die Frage, wie Sie mit dieser Wahrnehmungs-Diskrepanz umgehen sollten. Ich sehe zwei Möglichkeiten. Die Erste: Versuchen Sie Ihren Vater bei der nächsten Fahrt in Gegenwart anderer Menschen ein wenig zu beruhigen. Die Zweite: Setzen Sie sich selbst ans Steuer, wenn Ihr Freund das nächste Mal mitfährt."


ADAC Verkehrspsychologin
Nina Wahn

Aufgezeichnet von Thomas Paulsen

Illustration: Rinah Lang, Porträtzeichnung: Jindrich Novotny


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