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Fahrgefühle: Sind denn alle Idioten?

16.10.2017

Blinkmuffel, Drängler, Radel-Rambos: Über solche „Idioten“ regen sich ganz viele auf. Aber warum finden wir immer nur andere bescheuert? ADAC Verkehrspsychologin Nina Wahn erklärt das Phänomen in unserer Ratgeber-Kolumne

Thomas S., Rostock:
Jeden Tag rege ich mich im Straßenverkehr auf: Über Blinkmuffel, Drängler, rücksichtslose Radler, träumende Dauertelefonierer. Sind denn alle Leute bescheuert?

ADAC Verkehrspsychologin Nina Wahn:
Klare Antwort: Ja, die Leute sind bescheuert (auch wenn das nicht meine Wortwahl wäre), sind unkonzentriert, egoistisch, aggressiv. Ganz besonders auf der Straße. Und Sie sind nicht der einzige, dem das auffällt. In einer aktuellen Umfrage gaben nur drei Prozent der Teilnehmer an, die übrigen Verkehrsteilnehmer seien rücksichtsvoll unterwegs.

Aber auch das Gegenteil scheint richtig zu sein: Die Autofahrer sind klug, aufmerksam, rücksichtsvoll, friedfertig. Zumindest wenn man Studien glaubt, denen zufolge sich bis zu 90 Prozent der Befragten für bessere Autofahrer als alle anderen halten. Das Problem: Die beiden Umfrageergebnisse passen ganz und gar nicht zusammen.

Der Grund für diese Diskrepanz ist aus psychologischer Sicht gut zu erklären. Wir Menschen neigen zu chronischer Selbstüberschätzung. Und das ist, so merkwürdig es zunächst klingen mag, auch gut so. Denn dieser Charakterzug sorgt dafür, dass wir uns immer wieder neue Aufgaben zutrauen, ohne vorher in Angst zu erstarren. Unter Personalentwicklern gilt ein gewisses Maß an Selbstüberschätzung als Voraussetzung für eine erfolgreiche Karriere.

Zugleich dient diese Selbstüberschätzung auch dem Schutz unserer psychischen Gesundheit. Weil wir unser eigenes Verhalten für vorbildlich halten, schieben wir die Verantwortung für Fehlleistungen regelmäßig anderen in die Schuhe. Und ersparen uns damit quälende Schuldgefühle.

Ein paar Beispiele für diese Verhaltensweise aus dem Straßenverkehr: Der Vordermann hat nicht geblinkt? Kann sein. Vielleicht wurde das Blinken aber auch übersehen, weil gerade am Navi herumgespielt wurde. Der Hintermann fährt zu dicht auf? Im Zweifel könnte das am eigenen, niedrigen Tempo liegen. Der Radler kommt zu nah? Womöglich konnte er wegen parkender Autos gar nicht ausweichen. Meine Eingangs-Antwort bedarf also einer Ergänzung: Ja, die Leute sind bescheuert. Sie aber aller Wahrscheinlichkeit nach auch. Zumindest gelegentlich.

 

 

Nina Wahn, ADAC Verkehrspsychologin

Aufgezeichnet von Thomas Paulsen. Illustration: Rinah Lang, Porträtzeichnung: Jindrich Novotny.

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