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Fahrgefühle: Die Tempolimit-Pedanten

Wer sich brav ans Tempolimit hält, bringt viele auf die Palme. Doch woher kommt diese Wut? Antworten gibt ADAC Verkehrspsychologin Nina Wahn in der Ratgeber-Kolumne „Fahrgefühle“

Danijel P., Fürstenfeldbruck:
Kürzlich war ich abends auf einer Bundesstraße auf dem Heimweg, mein Vordermann hielt sich sklavisch an jedes Tempolimit. Das hat mich wahnsinnig gemacht. Was war los mit mir?

ADAC Verkehrspsychologin Nina Wahn:
Es ist erstaunlich: Da kennt man die Regeln, versteht sogar ihren tieferen Sinn – und bricht sie trotzdem. An diesem Phänomen haben sich schon ganze Generationen von Philosophen, Juristen, Staatenlenkern und Eltern abgearbeitet. Und sind darüber verzweifelt. Dabei kann der Regelbruch auch guten Seiten haben: Große Kunst zum Beispiel entsteht oft erst, wenn bestehende Konventionen zunächst intensiv studiert und dann über den Haufen geworfen werden. Auch während der Pubertät entwickeln Jugendliche ihre Persönlichkeit erst in Abgrenzung zu den Regeln, die ihnen die Eltern vorgesetzt haben. Und in der aktuellen Managementliteratur wird der Regelbruch gar zum Erfolgsrezept stilisiert.

Nun sind Sie – zumindest in Ihrer Funktion als Autofahrer – sicherlich kein verkannter Großkünstler, und die Pubertät dürften Sie auch längst hinter sich gelassen haben. Und doch erkenne ich eine Parallele zu den genannten Beispielen: Ganz offensichtlich kennen Sie die geltenden Gesetze. Mit dem Unterschied, dass diese Gesetze nicht von Eltern oder Kunst-Traditionalisten stammen, sondern aus der Straßenverkehrsordnung.

Nun zeigen Studien, dass Autofahrer die Verkehrsregeln umso öfter brechen, je besser sie sie kennen (oder zu kennen glauben). Vermutlich, weil dieser Personenkreis sich für besonders erfahren hält und deshalb der Überzeugung ist, auch unvorhergesehene Situationen geschmeidig meistern zu können.

Mit Ihrer Sehnsucht nach dem Verstoß gegen geltende Konventionen sind Sie also nicht allein – weder aus anthropologischer Sicht noch aus der Autofahrer-Perspektive. Dennoch rate ich dringend zur Selbstkontrolle. Besonders, wenn gerade kein Vordermann im Weg ist, der Sie dazu zwingt, das Tempolimit einzuhalten. Denn anders als bei innovativen Künstlern oder aufstrebenden Managern führen Verstöße dort nicht zu Ruhm und Ehre. Sondern zu Geldstrafen und Unfällen. Aber das wissen Sie ja schon.

Nina Wahn, ADAC Verkehrspsychologin
Aufgezeichnet von Thomas Paulsen. Illustration: Rinah Lang, Porträtzeichnung: Jindrich Novotny. © ADAC Motorwelt 10/2017.
Wenn Sie auch eine Frage zum Fahr-Gefühl haben, dann schreiben Sie uns eine E-Mail: redaktion.motorwelt@adac.de