Nach Genua: So sicher sind Deutschlands Brücken

20.8.2018

In Genua stürzte am 14.8.2018 eine Autobahnbrücke ein. Mehr als 40 Menschen starben. Ist so eine Katastrophe auch in Deutschland möglich? Die Antworten auf die wichtigsten Fragen

Eingestürzte Brücke in Genua
Die eingestürzte Autobahnbrücke in Genua

Wie stabil sind Deutschlands Brücken?

Die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt)  vergibt anhand penibler Inspektionsberichte Noten für die 40.000 Brücken an Bundesfernstraßen (siehe Grafik). Knapp 5000 Bauwerke sind demnach "nicht ausreichend“ und schlechter, mehr als 700 gar "ungenügend."

Laut BASt ist die Bewertung „ungenügend“ aber nicht mit Einsturzgefahr gleichzusetzen. Diese Note sei ein Hinweis an die Behörden, umgehend Reparaturen oder Verkehrsbeschränkungen anzuordnen, was standardmäßig auch erfolge. Aufgrund dieser umfangreichen Inspektionen sind namhafte Experten und der ADAC davon überzeugt, dass ein Einsturz wie in Genua in Deutschland ausgeschlossen ist.

Grafik über die Notenvergabe der Fernstraßen-Brücken
Die häufigste Noten: "befriedigend" oder "ausreichend"

Wie alt sind die Brücken an den Fernstraßen?

Ein Großteil der Bauwerke an Fernstraßen wurde in den Boom-Zeiten der 1960er bis 70er Jahre errichtet. Materialien und Bautechnik entsprachen damals nicht dem heutigen Stand. Deshalb erreichen viele der Viadukte nach und nach ihre Altersgrenze – früher als ursprünglich geplant. Das macht viele Neubauten notwendig.

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Der Einsturz: Folgen für den Verkehr

Autobahnkarte Genua InnenstadtNach dem Einsturz der vierspurigen Morandi-Brücke in Genua am Dienstag, 14. August, ist die italienische Autobahn A 10 (Genua – Savona) zwischen dem Autobahnkreuz mit der A 7 (Mailand - Genua) und Genua-Flughafen in beiden Richtungen auf unbestimmte Zeit gesperrt. Von einer Fahrt über die Küstenstraße 1 (Via Aurelia), die südlich der A 10 verläuft, ist wegen hoher Staugefahr dringend abzuraten. Hier finden Sie Alternativen zur Fahrt auf der A 10.

Wie werden die Brücken kontrolliert?

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Arbeiten an der Leverkusener Autobahn-Brücke
Inspektion an der Rader Hochbrücke über den Ostseekanal

Für die Kontrolle der Brücken gibt es eine eigene DIN-Norm, wie Burkhard Kötter vom Landesbetrieb Straßenbau Schleswig-Holstein erläutert: "Alle sechs Jahre werden Brücken umfangreich und handnah überprüft; der Inspekteur klopft oder tastet das Bauwerk also zentimeterweise ab.

Alle drei Jahre gibt es eine einfache Prüfung." Hinzu kommen jährliche Besichtigungen, bei Problembauwerken auch häufiger oder sogar laufend. Aus den Landesämtern ist zu hören: "Wir kennen unsere Sorgenkinder genau."

Sicherheit von Brücken in Europa

Wer jetzt mit dem Auto auf Reisen geht, stellt sich die Frage: Wie
sieht es bei den Autobahnbauwerken in den Nachbarländern aus?
Flagge Italien

Italien

300 der Brücken, Viadukte und Tunnel auf der Halbinsel sind laut ­italienischer Zeitung „La Repubblica“ akut gefährdet. Das liegt vor allem am Alter der rund 15.000 Autobahnbrücken und -tunnel sowie dem zunehmenden Lkw-Verkehr. Allein in den ersten Monaten des Jahres 2018 stieg der Straßengüterverkehr in Italien um 18 Prozent. Besonders gefährdet ist nach Aussage von Professor Remo Calzona von der Universität Sapienza die Magliana-Brücke in Rom, eine wichtige Verbindung zum Flughafen.
Anzahl der Brücken/Tunnel: 15.000

Flagge Österreich

Österreich

Brücken werden regelmäßig streng kontrolliert und benotet. Sobald ein Mangel auftritt, leitet man Maßnahmen zur Instandsetzung ein. Laut Autobahnbetreiber ASFINAG gibt es im Land keine Brücke in mangelhaftem Zustand. Seit 2018 werden ­sogar Drohnen eingesetzt, um Über­prüfungen in schwer zugänglicher ­Lage in den Bergen durchzuführen.
Anzahl der Brücken: 5200

 

 

Flagge Schweiz

Schweiz

Auch wenn viele Brücken 40 Jahre und älter sind, fürchtet das ­Bundesamt für Straßen (ASTRA) keine Situation wie in Genua. "Wir sind nicht besser im Brückenbau als die Italiener, aber wir haben die nötigen Mittel und geben diese vor allem zweckgebunden aus, um marode Bauwerke zu sanieren", sagt ein Sprecher. Neben regelmäßigen Sichtkontrollen gibt es alle fünf Jahre intensive Überprüfungen.
Anzahl der Brücken: 4500

 

Flagge Frankreich

Frankreich

Rund 840 Brücken gelten als reparaturbedürftig. Schuld sind zunehmend extreme Wetterverhältnisse und eine unzureichende Finanzierung der Straßen. Frankreichs Verkehrsministerin Elisabeth Borne kündigte bereits ein neues Infrastrukturgesetz an, um die Missstände zu beheben.
Anzahl der Brücken: 12.000

Flagge Niederlande

Niederlande

Die meisten Brücken wurden in den 1960er- und 1970er-Jahren errichtet. Ausführliche Inspektionen gibt es alle sechs Jahre. Derzeit bestehen laut Behörden zwar keine ­Sicherheitsrisiken, aber durchaus Handlungsbedarf, weshalb das zuständige Ministerium ab 2020 jährlich 350 Mio. Euro – statt wie bisher 150 Mio. – für die Wartung ausgeben will.
Anzahl der Brücken: 1052

Was passiert bei Mängeln am Bauwerk?

Vergeben die amtlichen Prüfer ein „ungenügend“, setzen die Behörden umgehend Bautrupps in Bewegung und verhängen in gravierenden Fällen Sofortmaßnahmen wie Sperrungen, Fahrbahnverengungen, Tempolimits – siehe die Rheinbrücken in Leverkusen oder Duisburg. Bei derart zermürbten Bauwerken helfen nur noch ein Neubau und fortlaufende Erhaltungsarbeiten der Altbrücke bis zum Abriss.

Um welche Großbrücken steht es besonders schlecht?

Die Rheinbrücken in Leverkusen und Duisburg mussten wiederholt für dringende Reparaturen komplett gesperrt werden, Schwerlaster dürfen beide nicht mehr befahren. Ende 2020 sollen in Leverkusen, 2023 in Duisburg neue Brücken stehen. Auch das Viadukt über den Mittellandkanal (A 39) bei Wolfsburg ist miserabel in Schuss, muss teilweise abgerissen und neu gebaut werden.

Massive Behinderungen erwarten Autofahrer an der A 45 zwischen Gambacher Kreuz in Hessen und Dortmund in NRW: 60 Brücken entlang der Strecke sind marode. Bis alle ersetzt sind, dauert es bis in die 2030er-Jahre.

Wie entstehen die Mängel?

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Zeichnung ArbeiZeichnung der Leverkusener Autobahn-Brücke
Die Zeichnung der Rheinbrücke in Leverkusen zeigt die geschädigten Bauteile

Die Brücken sind heute viel stärker belastet, als es die Bauherren in den 1970er-Jahren erwartet haben. Seit 1980 hat sich der Gütertransport auf der Straße verfünffacht. Lkw sind teils doppelt so schwer wie vor 50 Jahren.

Eine Ingenieurs-Faustformel besagt, dass ein einziger 44-Tonner eine Brücke so stark verschleißt wie 60.000 Pkw. Experte Kötter: „Hinzu kommen die großen Temperaturschwankungen und Korrosion durch Sreusalz im Winter.“

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Interview mit Brückenexperte: So läuft die Prüfung

Burkhard KötterMotorwelt: Kann das, was in Genua passiert ist, auch in Deutschland geschehen?
Burkhard Kötter: Nein. In Deutschland wird jede Brücke, jedes Ingenieursbauwerk nach der DIN Norm 1076 regelmäßig überprüft.

Was bedeutet das?
Brücken werden alle sechs Jahre "handnah" untersucht. Der Prüfer ist so nah am Bauwerk dran, dass er an jeder Stelle die Hand auflegen kann. Anschließend wird der Zustand protokolliert und mit Noten von 1,0 bis 4,0 bewertet. Erhält eine Brücke eine Note zwischen 3,5 und 4,0, gilt ihr Zustand als ungenügend, entsprechend hoch ist der Handlungsbedarf.

Wenn die Verkehrssicherheit betroffen ist, wird umgehend an der Brücke gehandelt. Betrifft es hingegen die sogenannte Dauerhaftigkeit des Bauwerks, werden die Maßnahmen für das kommende Jahr vorbereitet.

In sechs Jahren kann viel passieren. Was passiert in den Jahren zwischen den Hauptprüfungen?
Alle drei Jahre findet eine sogenannte "Einfache Prüfung" mit Inaugenscheinnahme statt. Außerdem führen wir laufende Besichtigungen und Beobachtungen durch. Auch nach der "Einfachen Prüfung" ergibt sich eine Zustandsnote der Brücke. Wir vom Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr Schleswig-Holstein beschäftigen sieben eigene Brückenprüftrupps, die jährlich etwa 800 Brücken untersuchen.

Was sind denn neuralgische Stellen an Brücken bzw. wie lassen sich diese erkennen?
Das kommt auf den Brückentyp an. Bei Stahlbrücken können die Schweißnähte reißen. Ob bei Betonbrücken der Beton abplatzt erkennt man, indem man sie mit einem Hammer abklopft. Darüber hinaus ist es unsere Aufgabe, uns in so ein Bauwerk reinzudenken und herauszufinden, wo die höchsten Belastungen auftreten könnten.

Was schadet einem Brückenbauwerk am meisten?
Da gibt es mehrere Faktoren. Zum einen das Wetter, die Temperaturunterschiede zwischen Sommer und Winter, der Streudienst natürlich, aber auch die bei uns im Norden sehr salzhaltige Luft fördern im Laufe der Jahre z. B. die Korrosion von Brücken. Ermüdung ins Bauwerk bringen aber vor allem die Lkw mit ihren hohen Achslasten.

Mehr Verkehr, mehr Schäden an den Brücken?
Absolut, ja, aber die Pkw sind dabei gar nicht das große Problem. Ein Lkw bringt etwa die 20.000-fache Belastung auf eine Brücke als ein normales Auto. Pro Achse hat ein Lastwagen rund zehn Tonnen Achslast und die Zahl der Achsen, wie auch die der Lkw allgemein, hat in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten signifikant zugenommen.

 

Wie viel kostet die Brücken-Instandhaltung?

Allein für 2018 hat die Regierung im Etat 1,4 Milliarden Euro für Brückenerhaltung eingeplant. Zum Vergleich: Zwischen 2001 und 2011 wurden im Schnitt nur 360 Millionen pro Jahr investiert. Der ADAC mahnt insgesamt eine frühere und zügigere Beseitigung von Mängeln an. Vizepräsident Ulrich Klaus Becker: "Rechtzeitig zu handeln, ist die deutlich bessere und kostengünstigere Option, als eine Schadensbehebung so lange zu verschieben, bis sie unbedingt notwendig wird."

Text: Claus-Christoph Eicher, Interview: Katja Fastrich

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