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Autonomes Fahren: Geisterbus in Österreich?

10.11.2017
Koppl, ein Dorf im Bundesland Salzburg, ist hin und weg von einem selbstfahrenden Bus, der dort getestet wird. ADAC Motorwelt-Redakteur Jochen Wieler berichtet, wie der People Mover funktioniert und wie sicher er ist

Koppl, Österreich: Auf einer Strecke von 1,4 Kilometern holt der autonome Bus Fahrgäste ab

In Koppl wird die Zukunft getestet

Der Digibus ist mit Allradlenkung extrem wendig
Auf den ersten Blick ist Koppl ein ganz normales Dorf in Österreich. Es liegt rund 10 Kilometer westlich von Salzburg, hat ein Gasthaus, eine Feuerwehr und gerade einmal 430 Einwohner. Kühe grasen entspannt auf saftig grünen Weiden – viel los ist nicht.

Dennoch passiert hier Ungewöhnliches: In Koppl wird gerade die Zukunft getestet – mit einem autonom fahrenden Bus. Ein halbes Jahr lang haben die Österreicher einen „People Mover“ ausprobiert. Bis Ende November dauert das Projekt. Der „Digibus“ genannte Transporter überbrückt eine 1,4 Kilometer lange Strecke von der Ortsmitte bis zur Landstraße, wo der Linienbus nach Salzburg eine Haltestelle hat. Das Besondere: Der Wagen soll ohne Fahrer seinen Weg finden und – das ist die größere Herausforderung – sich im ganz normalen Straßenverkehr ohne eigene Spur bewegen.

Ganz ohne Begleiter kommt der Digibus nicht aus

Ein „Operator“ sagt dem Bus, wenn er losfahren oder abbiegen kann
Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg, wie wir auf einer ersten Testfahrt feststellen konnten. Beim Betreten des sympathisch aussehenden Kleinbusses fällt sofort auf: Ein Fahrersitz ist hier nicht vorgesehen, ein Lenkrad fehlt ebenfalls. Der geräumige Innenraum hat Platz für elf Sitze, es gibt Haltestangen und Knöpfe für die Türen wie bei einem gewöhnlichen Linienbus. Und ein großes Display, auf dem die Fahrstrecke mit zwei eingebauten Haltestellen dargestellt wird. Das wird von einem „Operator“ bedient. Ohne kommt der nur 4,75 Meter lange Bus nämlich noch nicht aus.

Trotz Lidar-Sensoren (= Laser) vorn, hinten, an der Seite für die Abstands- und Geschwindigkeitsmessung und am Dach für einen 360-Grad-Rundumblick, einer Stereokamera und hochgenauer GPS-Lokalisierung traut sich der Digibus noch nicht, ohne das „Go“ des Operators, seine Haltestelle zu verlassen. „Wenn Autos mit höheren Geschwindigkeiten ankommen, kann der Bus das nicht richtig einschätzen“, sagt Petra Stabauer von Salzburg Research über die ersten Erfahrungen mit dem „People Mover“.

Sobald der Begleiter den Startknopf drückt, setzt sich der Wagen in Bewegung und rollt auf die Straße. Mit 20 km/h geht es recht gemächlich dahin, aber angenehm leise: Der Bus des französischen Herstellers Navya fährt rein elekrisch und damit geräusch- und emissionsfrei. Eine Batterieladung würde im Dauerbetrieb rund 10 Stunden halten – mehr als genug für die kurze Pendel-Strecke in Koppl. Schließlich soll der Bus auch nur dann fahren, wenn ihn Fahrgäste anfordern. In Zukunft zumindest. Momentan werden nur zu bestimmten Terminen Testfahrten für die Einwohner angeboten, ein Regelbetrieb ist noch nicht vorgesehen.

Ein Fahrer würde vieles anders machen

Schert ein Fahrradfahrer vor dem Bus ein, wird er nervös und bremst
Dass der autonome Bus vor anderen Verkehrsteilnehmern noch ziemlich viel Respekt hat, merkt man, als er von einem Fahrradfahrer überholt wird. Der schert knapp vor dem Fahrzeug ein – zu knapp offenbar. Der Digibus bremst abrupt und für die Mitfahrer sehr überraschend. Ein echter Fahrer hätte die Situation anders eingeschätzt und wäre hier nicht einmal vom Gas gegangen.

Das ruckartige Bremsen passiert aber auch manchmal, wenn weit und breit gar kein anderer Verkehrsteilnehmer zu sehen ist. Dann stört sich der Digibus am Straßenrand oder dem Randstein. Perfekt läuft das noch nicht, selbst wenn die Strecke vorher einprogrammiert wurde. Auch beim Linksabbiegen wirkt der Kleinbus noch recht unsicher. Hier bleibt der Wagen erst mal blinkend stehen und wartet auf den Knopfdruck seines Betreuers, bis er tatsächlich abbiegt. In Koppl ist ja nur wenig Verkehr. Zehn Kilometer weiter mitten in Salzburg wäre der Digibus wohl heillos überfordert. „Wir hatten uns ehrlich gesagt etwas mehr versprochen“, sagt Petra Stabauer. „Es lässt sich auch nur eine Strecke einprogrammieren, mehrere gehen nicht.“ Das macht den rund 200.000 Euro teuren Prototypen ziemlich unflexibel.

Auch die Münchner Verkehrsbetriebe haben Interesse

Bis zu elf Personen haben Platz und müssen sich anschnallen

Die Fahrgäste, die am Ende einer Fahrt einen Fragebogen ausfüllen mussten, waren indes recht angetan. Über 90 Prozent Zustimmung zu der Technik hätte Petra Stabauer nicht erwartet: „Die Leute fühlen sich sicher und haben die Fahrt mit dem Digibus überraschend gut bewertet.“ An Akzeptanz scheint es nicht zu mangeln. Doch was ist, wenn dann wirklich mal kein Begleiter mehr im Auto sitzt? „Bis es so weit ist, wird es noch viele Jahre dauern“, meint Petra Stabauer. Auch die Stadtwerke München haben den autonomen Bus unter anderem getestet. Ihr Fazit: In rund zehn bis 15 Jahren könnten selbstfahrende Busse zum Einsatz kommen und die Flotte ergänzen.

Es dauert also noch, bis die neue Art der Mobilität Alltag auf der Straße wird. Nicht nur technisch gibt es noch einiges zu tun – auch der Gesetzgeber muss mitspielen und vollautonome Fahrzeuge zulassen. Bis es so weit ist, wird es beim Öffnen der Bustür noch lange sehr menschlich zugehen.

 

Mehr zum österreichischen Bus-Projekt erfahren Sie hier:

Digibus-Website

Premiere: Autonomer Bus in Bad Birnbach

In Bad Birnbach im Rottal (Niederbayern) gibt es ein ähnliches Projekt, das auf zwei Jahre angelegt ist. Seit Ende Oktober pendelt dort ein autonomer Bus zwischen Zentrum und Therme. Betreiber ist die deutsche Bahn, die Erfahrungen im realen Straßenbetrieb sammeln will. Der autonome Bus fährt nur mit Tempo 15, hat ebenfalls einen Operator an Bord und ist dem Digibus auch sonst sehr ähnlich, nur etwas kleiner: Bei ihm können sechs Personen mitfahren. Die nur 700 Meter lange Strecke erscheint nicht  als große Herausforderung, sie verläuft teilweise sogar durch eine Fußgängerzone. Aber auch bei diesem Projekt geht es darum, möglichst viele Erfahrungen zu sammeln. Wie reagieren andere Verkehrsteilnehmer? Funktioniert die Sensorik?

 Im ADAC Blog erfahren Sie mehr über das Bad Birnbacher Projekt


Text: Jochen Wieler. Fotos: Jochen Wieler (3), Wildbild/PR (2). (acfo)

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