Übersicht: Assistenzsysteme für Motorradfahrer

11.6.2018

Moderne Bikes haben nicht nur ABS an Bord. Es gibt immer mehr elektronische Helfer und Sicherheits-Kontrolleure. Vom Tempomat über Traktionskontrolle bis zur Hinterrad-Abhebe-Kontrolle: Der ADAC klärt auf und liefert eine Übersicht

Motorradfahrer lehnt sich in Kurve
Schräglage: Jetzt bremsen zu müssen, wäre früher hochgefährlich gewesen. Dank Kurven-ABS gelingt es heute besser

Kurven fahren – der vielleicht schönste Grund, auf ein Motorrad zu steigen. Das nahezu schwerelose Dahinschwingen, der fließende Wechsel von einer Schräglage in die andere, das alles sorgt für Glücksgefühle pur. Bis zu dem Moment, wo es mitten in der Kurve heißt: sofort bremsen – aus welchem Grund auch immer. Plötzlich richtet sich das Bike gnadenlos auf, verlässt die angepeilte Kurvenlinie Richtung Gegenverkehr oder Straßengraben. Oder die Reifen verlieren ihre Traktion, das Motorrad rutscht unkontrolliert weg. 

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Motorradfahrer bremst auf Sand.
Bremsen auf Sand: Ohne ABS herrscht höchste Sturzgefahr

So war es zumindest früher, als es noch keinerlei Assistenzsysteme gab. Inzwischen, mit kurventauglichem ABS, sind Notmanöver in Schräglage durchaus beherrschbar – vorausgesetzt, man hat das System an Bord und "Schreckbremsungen" in der Kurve oft genug geübt. Das "Kurven-ABS", so zeigten es ADAC-Tests im Jahre 2015, ist nach dem "klassischen" Antiblockiersystem ein Quantensprung in Sachen Motorrad-Fahrsicherheit.

Gesetzlich ist seit Anfang 2017 das herkömmliche – nur bei Geradeaus-Fahrt wirksame – ABS in neuen Motorrädern Pflicht. Doch die Hersteller statten ihre Modelle längst mit weiteren, teilweise hoch effektiven Assistenzsystemen aus. Diese kann man in zwei Gattungen unterteilen:

  • Sicherheitssysteme zur Verringerung des Unfall- oder Verletzungsrisikos (z.B. ABS, kurventaugliches ABS, kurventaugliche Traktionskontrolle) 
  • Komfortsysteme zur Entlastung des Fahrers und zur Verbesserung der Ergonomie (z.B. Tempomat, per Schalter einstellbare Feder-Dämpfer-Systeme)
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Unterschied: Auto und Motorrad

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Motorradfahrer bremst auf Straße. Hinterreifen ist in der Luft.
Das Hinterrad hebt beim Bremsen ab: Dagegen hilft die Stoppie-Kontrolle

Wir wollen Ihnen helfen, bei den angebotenen Systemen den Überblick zu behalten und erklären Ihnen weiter unten, wie sie wirken und welche sinnvoll sind. Doch vorher noch eine kleine "Umleitung" zum Unterschied zwischen Auto- und Motorrad-Assistenzsystemen.

Ein Auto steht stabil auf vier Rädern und ist als zweispuriges Fahrzeug in den meisten Fahrsituationen nicht vom Umkippen bedroht. Ganz anders das Motorrad: Im Stand "kippelig", stabilisiert es sich erst nach dem Losfahren durch die Drehbewegung der Räder. Bedeutet: Ein aktiver Eingriff in Bremse oder Lenkung (wie beim Auto z.B. beim Notbrems- oder Spurhalte-Assistent) ist beim Motorrad ausgeschlossen. Er würde die Gefährlichkeit einer kritischen Situation erhöhen statt reduzieren. Assistenzsysteme in Motorrädern haben deswegen warnenden Charakter oder sie beeinflussen und optimieren Fahrmanöver, ohne selbstständig und spürbar aktiv zu werden.

In unserer Auflistung führen wir auch jene Systeme an, mit denen sich Motorleistung, Gasannahme oder Fahrwerk an besondere Bedingungen – etwa Regen – anpassen lassen. Manche Hersteller bieten da so viele Einstellmöglichkeiten, dass es ohne intensive Lektüre des Handbuchs kaum noch geht. Das einstmals analoge Motorradfahren wird da schnell zur digitalen Herausforderung... 

Diese Assistenzsysteme für Motorräder gibt es

1. Sicherheitssysteme

Bezeichnung
Wirkung  Sicherheitspotenzial 
Standard-ABS   Seit 2017 Pflicht, verhindert vor allem bei Geradeausfahrt einen Sturz durch Notbremsung mit blockierten Rädern  Sehr hoch
Kurventaugliches ABS  Wie Standard-ABS, zusätzlich anwendbar in starker Schräglage, verhindert das Aufrichten der Maschine inkl. Verlassen der Fahrlinie und ein Wegrutschen der Räder (im Rahmen der physikalischen Grenzen)
Sehr hoch
Hinterrad-Abhebe-Kontrolle
(Stoppie-Kontrolle)

Verhindert beim starken Bremsen das Abheben des Hinterrades, im Extremfall einen Fahrzeugüberschlag. Funktion ist in guten ABS teilweise integriert  Hoch
Kombi- oder Integral- Bremssystem  Bremskreise für Vorder- und Hinterrad sind ganz oder teilweise verknüpft, Bremshebel wirkt auch auf die Bremse des anderen Rades. Sorgt für bessere Bremsstabilität und schnelleren Bremseinsatz  Hoch
Wheelie-Kontrolle Verhindert das Abheben des Vorderrades beim zu heftigen Beschleunigen. Motorkraft wird ggf. begrenzt
Hoch 
Kurventaugliche Schlupfkontrolle Sichert bei Kurvenfahrt den Grip des Hinterrades durch etwaige Begrenzung der Motorkraft, besonders bei sportlicher Fahrweise Hoch
Standard-Schlupfkontrolle  
Sichert Grip und Führung des Hinterrades bei Geradeausfahrt, "Durchdrehen" wird verhindert Mittel
Anti-Hopping-Kupplung, Motorbremsmoment-Kontrolle
Verhindert beim Runterschalten oder Gaswegnehmen ein kurzzeitiges Blockieren des Hinterrades, sichert damit Grip und Führung des Hinterrads vor allem beim Anbremsen vor engen Kurven Mittel
Verschiedene Fahrmodi Motorcharakteristik kann Witterung und Straßenverhältnissen angepasst werden, auch Off-Road-Modus möglich. Umfasst oft auch Einstellungen von Bremse und Fahrwerk. Sicherheitsgewinn hängt von den Fahrgewohnheiten ab Unterschiedlich
Automatische, dynamische Anpassung des Feder-Dämpfer-Systems
Verbessert den Kontakt der Räder auf unebenem Untergrund bei sportlicher Fahrweise Mäßig
Blinkendes Bremslicht Bei Vollbremsung blinkt das Bremslicht, um den nachfolgenden Verkehr zu warnen Mäßig
Reifendruckkontrollsystem Warnt bei Druckverlust im Reifen. Kann bei korrekter Fahrerreaktion das Unfallrisiko verringern Mäßig
Totwinkel-Assistent /
Side-View-Assist
Warnt vor seitlich fahrendem Fahrzeug, das man beim Spurwechsel übersehen könnte Mäßig
Berg-Anfahr-Hilfe Klemmt an starken Steigungen die Hinterradbremse bis zum Anfahren fest Mäßig
(Adaptives) Kurvenlicht
Leuchtet die Straße bei Kurvenfahrt besser aus als Standardlicht. Sicherheitsgewinn nur bei häufigen Nachtfahrten Mäßig
Warnblinkanlage
Wie Pkw, sinnvoll z.B. bei Pannen oder an Stauenden ./.
Notruf-System / eCall Vergleichbar Pkw, automatischer Notruf bei Ereignissen, die das System als Unfall interpretiert ./.

 

2. Komfortsysteme

Bezeichnung Wirkung
Automatikgetriebe
Macht Kuppeln und Schalten überflüssig
Schaltautomat Ermöglicht Schalten ohne zu kuppeln 
Elektronische Fahrwerkseinstellung
Federvorspannung und Dämpfungseigenschaften können per Knopfdruck angepasst werden
Rückfahrhilfe  Erleichtert das Manövrieren schwerer Maschinen

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Welcher Hersteller bietet welche Systeme?

DPL, VHC, ASC, DTC – das Angebot der Hersteller an Assistenzsystemen ist ebenso vielfältig wie deren Namensgebung. Der ADAC hat recherchiert, was die großen Marken im Programm haben und was sich hinter den Abkürzungen verbirgt:

Hersteller und Motorrad-Assistenzsysteme

Tipps für den Motorradfahrer

  • Machen Sie sich intensiv mit der Wirkung, Funktionsweise und den Einstellmöglichkeiten von Assistenzsystemen und Sicherheitsausstattungen Ihrer Maschine vertraut. Das bedeutet: Die Bedienungsanleitung ist Pflichtlektüre. Lassen Sie sich außerdem von Händler Ihres Vertrauens die Systeme genau erklären.
  • Mit ABS – und ganz besonders mit modernem Kurven-ABS – muss man im Notfall richtig umgehen können, um den Sicherheitsgewinn auch wirklich nutzen zu können. Sprich: Machen Sie ein passendes Sicherheitstraining, zum Beispiel beim ADAC. Bei modernen Bremssystemen müssen Sie Ihre teils Jahrzehnte alte Gewohnheiten ändern, um optimal reagieren zu können.
  • Bedenken Sie: Assistenzsysteme sind nie als technische Aufforderung gedacht, ein höheres Risiko einzugehen. Sie sollen im Gegenteil das bestehende Risiko des Motorradfahrens verringern.

Kurven-ABS: Auch in Schräglage sicher bremsen

Der ADAC testete ausführlich das kurventaugliche Motorrad-ABS:

Test: Motorräder mit Kurven-ABS

Text: Claus Christoph Eicher. Mitarbeit: Ruprecht Müller. Fotos: ADAC/Uwe Rattay.

Viele weitere Innovationen für Motorräder und Autos finden Sie bei der ADAC Motorwelt.

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(acfo)