UNESCO-Welterbe-Route: Von der Mosel bis Maulbronn

Unsere 300 km lange Autotour auf den Spuren des UNESCO-Welterbes startet bei der Porta Nigra in Trier. Über die Völklinger Hütte und den Dom in Speyer führt sie zum Kloster Maulbronn und einem deftigen Maultaschen-Genuss

Trier: Die älteste Stadt Deutschlands

Die UNESCO-Welterbe-Route führt durch drei Bundesländer

Als Isaac Boateng (Foto oben: römischer Soldat) ein kleiner Junge war, streifte er durch die Straßen der Trierer Altstadt und nahm das Weltkulturerbe um sich herum gar nicht richtig wahr. Auf dem Vorplatz der Konstantinbasilika, einer herrschaftlichen Audienzhalle der römischen Kaiser, trafen sich die Jungs zum Skateboardfahren. Am Dom lief er hastig vorbei, um zum Hauptmarkt zu gelangen. Trier an der Mosel, die älteste Stadt Deutschlands mit ihren einzigartigen Baudenkmälern, die seit 1986 UNESCO-Weltkulturerbe sind, war für Isaac vor allem eins: Heimat. Und wie das mit der Heimat oft ist: Je älter man wird, desto mehr weiß man sie zu schätzen. Heute steht Isaac in Ledersandalen, vergoldetem Brustpanzer, rotem Umhang und römischem Helm mit Rosshaar im Turm der Porta Nigra und sagt: „Es ist in ein Privileg, hier spielen zu dürfen.“

Seit zwei Jahren verwandelt sich der 34-jährige Schauspieler regelmäßig in einen römischen Offizier und bringt Besuchern in der Führung „Das Geheimnis der Porta Nigra“ die Geschichte des bekanntesten Trierer Bauwerks näher. Das einstige Stadttor, übersetzt „Schwarzes Tor“, wurde im Jahr 180 nach Christus errichtet. Damals galt Trier als das zweite Rom, eine Weltstadt. 

Fast 1.000 Jahre später wurde das Stadttor zu einer Kirche umgebaut. Ein Glück, denn so konnten die antiken Mauern die Jahrhunderte überdauern, bis Kaiser Napoleon Anfang des 19. Jahrhunderts die Kirche wieder abreißen ließ und die römische Porta Nigra zum Vorschein kam. All das führt Isaac Boateng als Ein-Mann-Theaterstück den Besuchern vor Augen. 

Geboren wurde Isaac Boateng (nicht verwandt mit Fußballstar Jérôme Boateng) in Ghana. Zu Hause war er aber immer in Trier, dem Ausgangspunkt unserer Tour zu den UNESCO-Weltkulturerbestätten.

Die eiserne Kathedrale in Völklingen

In der Zeche findet derzeit die „Urban Art Biennale” statt

Das römische Vermächtnis lassen wir hinter uns und fahren Richtung Süden. Unweit von Saarbrücken, mitten im kleinen Städtchen Völklingen an der Saar, baut sich ein Koloss aus rostigem Stahl vor uns auf. Hochöfen ragen in den an diesem Tag tiefgrauen Himmel. Die Völklinger Hütte könnte ohne Probleme der Drehort für einen postapokalyptischen Film sein. Tatsächlich diente sie 2013 als Kulisse für die Verfilmung von Kafkas „Der Bau“. Endzeitstimmung inklusive. Das ehemalige Stahlwerk war einst eine dampfende Maschinerie. Mehr als 17.000 Menschen arbeiteten hier. Das Quietschen der Waggons, die auf Schienen über das Gelände fuhren, drang Tag und Nacht durch Völklingen, bis es 1986 für immer verstummte. 

Das Leben ist aber längst zurückgekehrt. 1994 nahm die UNESCO die Völklinger Hütte als erstes Industriedenkmal überhaupt in die Weltkulturerbeliste auf. Heute können Besucher hier nicht nur alles über die Stahlproduktion erfahren, sondern auch regelmäßig Konzerte und Ausstellungen erleben. Noch bis 5. November 2017 läuft die Urban Art Biennale. Zentrum der Ausstellung ist die riesige, verwinkelte Möllerhalle, in der früher die kostbaren Eisenerze gelagert wurden. 100 zeitgenössische Künstler aus aller Welt präsentieren ihre Werke: Installationen, Graffiti und Gemälde.

Vom Eisenwerk ins idyllische Speyer

Markus Eichenlaub ist erster Organist im Dom von Speyer 

Im Vergleich zum Industriedenkmal wirkt die Altstadt von Speyer, dem nächsten Stopp auf unserer Tour, schon fast unverschämt idyllisch. Die Fußgängerzone, gesäumt von historischen Kaufmannshäusern, führt direkt zum Wahrzeichen der Stadt, dem Speyerer Dom. Das Monument ist die größte romanische Kirche der Welt. Und Arbeitsplatz von Markus Eichenlaub. Der 47-Jährige folgte dem Ruf seines Herzens, wie er sagt, und hat sich als Domorganist in Speyer einen Kindheitstraum erfüllt. Jeden Tag steigt er die 100 Stufen zur Empore und der Hauptorgel des Doms hinauf. „Willkommen auf der Enterprise“, sagt Eichenlaub und zeigt auf seinen Arbeitsplatz. 

Der Spieltisch erinnert wirklich ein wenig an ein Cockpit. Von hier aus kann er an vier Manualen für die Hände und einem Pedal für die Füße zwei Orgeln (eine weitere befindet sich neben dem Altar) mit insgesamt 116 Registern und 7.906 Pfeifen „steuern“. „Das hier ist der tiefste Ton“, erklärt er und drückt eine der Tasten. Es folgt ein Brummen, als würde gerade ein Raumschiff in der Kathedrale landen. „Wenn die Kirchenbänke anfangen zu vibrieren, wird die Orgel erst richtig spürbar“, sagt Eichenlaub und sieht dabei so glücklich aus wie ein kleines Kind im Spielzeugladen. 

Seit 2010 ist er Organist in Speyer. Er spielte auch die Totenmesse für den im Juni verstorbenen Altkanzler Helmut Kohl. Nicht nur an diesem Tag war einiges los, denn durch die täglich zahlreichen Besucher geht es im Dom oft zu wie in einer Bahnhofshalle. Markus Eichenlaub sind daher die frühen Morgenstunden die liebsten: „Wenn die Sonne aufgeht und den Dom durchflutet, weiß ich, warum ich nur hier und nirgendwo anders Organist sein möchte.“ Nach der Arbeit entspannt er dann gern bei einer Tasse Kaffee im Berzelhof, einem gemütlichen Café mit Blumenladen. Eine kleine Oase mitten in der Altstadt von Speyer.

Wie Maulbronner Mönche den Herrgott betrogen

Das Kloster Maulbronn erinnert an ein kleines, gemütliches Dorf

In Maulbronn, dem letzten Stopp unserer Tour, schwelgen wir schließlich in ganz weltlichen Genüssen. Mit der Religion nehmen es die Maulbronner sowieso nicht so genau. Denn hier in der ehemaligen Zisterzienserabtei Kloster Maulbronn (seit 1993 Weltkulturerbe) wurden die „Herrgottsbscheißerle“ erfunden. Besser bekannt als Maultaschen. 

Der Legende nach schmuggelte der Mönch Jakob im 17. Jahrhundert ein Stück Fleisch während der Fastenzeit auf die Teller seiner Glaubensbrüder, damit es nicht verdarb. Weil das keiner merken sollte, versteckte er es, mit Gemüse gemixt, in Teigtaschen. Im Restaurant Klosterschmiede bestellen wir Maultaschen aus der Fleischbrühe und lassen den lieben Gott einen guten Mann sein. Zeit wird’s, dass neben Bau- und Naturdenkmälern endlich auch die Esskultur ins UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen wird.

Mit diesem Rezept können Sie Maultaschen selber zubereiten

Zutaten für 25 Stück: 1 kleine Stange Lauch, 1 Karotte, 1 EL Butter, 400 g Blattspinat, 2 Brötchen vom Vortag, 400 g glatte Petersilie, 3 Eier, 1 Eigelb, Salz, Pfeffer, Muskat, Majoran, 150 g gekochtes Rindfleisch, 50 g geräucherter Bauchspeck, 300 g gemischtes Hack, 300 g feines Brät, 500 g Nudelteig, Fleischbrühe

So geht’s: Gemüse würfeln und in Butter andünsten. Spinat blanchieren, Brötchen einweichen. Alles mit dem Fleisch durch den Fleischwolf drehen. Nudelteig ausrollen, Füllung darauf verteilen, Päckchen bilden, 10–15 Min. in Fleischbrühe kochen.

Text: Verena Gaspar. Fotos: Shutterstock (2), Melanie Reuss, Lookphotos, Bildagentur Huber. © ADAC Motorwelt 2.10.2017 (acfo)
Kontakt zur Redaktion: redaktion.motorwelt@adac.de

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