Autotour: Von Hildesheim über Quedlinburg zur Wartburg

25.6.2018

Industriekultur, Fachwerkpracht, Bergwerkshistorie und Automobilbau: Die UNESCO-Welterbetour von Hildesheim in Niedersachsen nach Eisenach in Thüringen zeigt die große Vielseitigkeit Deutschlands. Dazu: Tipps und Infos für Sightseeing, Restaurants und Hotels

Ankunft auf der Wartburg im 1965er Wartburg HT 300 Cabrio
Stilecht. Ankunft auf der Wartburg im 1965er Wartburg HT 300 Cabrio

Mit einem Wartburg hoch auf die Wartburg – dürfen wir das überhaupt? "Ja", sagt Rainer George grinsend, "für historische Autos aus Eisenach gibt’s eine Art Sondererlaubnis." Tatsächlich, die Schranke öffnet sich, und schon heult das feuerrote HT 300 Cabrio, Baujahr 1965, mit irrsinniger Drehzahl und typischem Zweitakter-Sound die steile Rampe rauf.

Oben kann sich eine asiatische Touristengruppe vor Begeisterung kaum sattsehen und -knipsen – so müssen sich Stars bei Oscar-Verleihung fühlen. Dabei hat uns Herr George vom "Förderverein Automobilbau Museum Eisenach" doch nur den stilechten Abschluss einer tollen Tour im Herzen Deutschlands ermöglicht.

Hildesheim – Eisenach: 300 km

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Karte Welterberoute Wartburg
Unsere Tour zu UNESCO-Stätten in Niedersachsen und Thüringen

Was haben wir nicht alles gesehen und erlebt in den vergangenen drei Tagen auf der UNESCO-Welt­erberoute Nr. 3 von Hildesheim nach Eisenach! Gut 300 Kilometer, die unser Land in seiner großen Vielseitigkeit zeigen: frühromanische Kirchen, Fachwerk-Innenstädte, ein mehr als 1000 Jahre altes Bergwerk, Autos aus über 100 Jahren ostdeutscher Produktion, fein säuberlich aufgereiht, Bauhaus-Architektur, zwischendrin eine sommerliche Landschaft aus endlosen Wäldern und Wiesen. Für diese Route sollte man sich drei Tage Zeit nehmen. Wanderfreunde, die im Harz oder Nationalpark Hainich verweilen wollen, entsprechend mehr.

Schon der Auftakt in Hildesheim ist spektakulär: Gleich zwei Welterbe-Kirchen, der Mariendom und St. Michaelis, sind Zeugen frühromanischer Baukunst. Der Domschatz oder die prächtig bemalte Holzdecke in der Michaeliskirche bieten dem Auge Stoff für Stunden. Anschließend bummeln wir gemütlich über den historischen Marktplatz mit seinen einladenden Cafés oder Restaurants – so schön entspannt ist es hier, dass wir gleich die erste Nacht im Hotel am Platz verbringen.

TIPP
Übernachten: Van der Valk Hotel Hildesheim*

Eine Fabrik von Walter Gropius

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Schuhherstellung
Handwerk für die Füße. Schuh­­leistenproduktion im Fagus-Werk in Alfeld

Der nächste Morgen lehrt uns, wie selbstbewusst im Jahr 1910 ein damals 27 Jahre alter Architekt aufzutreten wusste, der später als Bauhaus-Gründer weltberühmt wurde: "Für den bevorstehenden großar­tigen Fabrikneubau erlaube ich mir, Ihnen meine Dienste anzubieten", schrieb der junge Walter Gropius an den Alfelder Fabrikanten Carl Benscheidt. "Ich wäre in der Lage, Ihnen ein künstlerisch und praktisch durchdachtes Konzept auszuarbeiten."

Kurzum: Gropius bekam den Job, und das Konzept war tatsächlich so durchdacht, dass die Firma Fagus in dem lichtdurchfluteten Gebäude bis zum heutigen Tag Schuhleisten (und inzwischen auch Elektronik) produziert. Seit dem 100. Geburtstag im Jahr 2011 ist das zeitlos moderne Werk UNESCO- Welterbe und lädt die Besucher zur multimedialen und interaktiven Ausstellung in sein Besucherzentrum* ein.

Bergwerksmuseum und Harzer Roller

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Ausstellung über Autos und Camping
Bergmannskleidung in der „Kaue“ des Bergwerks Rammelsberg

Nur wenige Kilometer entfernt das nächste Stück Industriekultur. "Mehr als 1000 Jahre lang, bis zum 30. Juni 1988, hat man hier das Erz aus dem Berg geholt", sagt Dr. Martin Wetzel vom Bergwerksmuseum Rammelsberg*, während wir im schummrigen Schein einer alten Öllampe durch den Roeder-Stollen gehen – beziehungsweise "fahren", denn der Bergmann "fährt" immer, auch wenn er zu Fuß unterwegs ist.

Kaum vorstellbar die Mühen, die schweren Brocken mit reiner Körperkraft aus dem Fels zu hauen, damit diese – in riesigen Maschinen zerbrochen und zermahlen – das Kupfer, Blei, Zink und Silber in ihrem Inneren freigeben. Steht man dann irgendwann vor den fast zehn Meter großen und 20 Tonnen schweren Wasserrädern, die mitten im Berg die Kraft zum Antrieb der Förderkörbe lieferten, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Und weil wir gerade so schön baff sind, lüften wir hier, tief unter Tage, gleich noch das Geheimnis des "Harzer Rollers". Wie? Käse-Abbau im Bergwerk? Nein, ganz anders: "Harzer Roller" heißen auch jene Kanarienvögel, die einst von den Bergleuten in kleinen Käfigen mit unter Tage genommen wurden. Sie stellten schon bei geringster Kohlenmonoxid-Belastung der Luft ihren Singsang ein und retteten damit vielen Kumpeln das Leben. Vor allem im 18. und 19. Jahrhundert war die Kanarien-Zucht im Harz ein florierendes Geschäft, wie ein Kanarien-Museum im Bergwerksdorf Sankt Andreasberg zeigt.

Mittelalterlich: Das Zentrum von Goslar

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„Worthmühle“ in Goslar
Die „Worthmühle“ in Goslar hat regionale Spezialitäten auf der Speisekarte

Und der andere "Harzer Roller"? Den genehmigen wir uns am Abend nach ausgiebigem Bummel durchs mittelalterliche Zentrum von Goslar im Tradi­tionslokal Worthmühle*. Nix da Stinke-Käse! Dieser gar nicht streng, sondern höchstens pikant schmeckende (und fettarme) Weichkäse, serviert mit eingelegten Zwiebeln, Grillspeck, Schmalz und Graubrot, ist eine Delikatesse.

Tags darauf überqueren wir die Grenze nach Sachsen-Anhalt. Und halten an. Denn die historische Altstadt des Welterbes Quedlinburg ist schlichtweg ein Traum. Mehr als 1300 Fachwerkhäuser, wunderbar restauriert, ein Autobefreiter Marktplatz, idyllische Gassen: Stundenlang kann man hier herumspazieren und die schönen Hausfassaden betrachten. Schmucklädchen und nette Cafés haben sich hier eingenistet, und Kunstbeflissene kommen in der Lyonel-Feininger-Galerie auf ihre Kosten.

TIPP
Übernachten: Hotel Schwiecheldthaus Goslar*

Tipp Icon

Prachtvoll: Wieskirche, Neuschwanstein, Reichenau

Wieskirche in Steingaden von außenDie gut 200 Kilometer lange Autotour, beginnend an der Wies­kirche in ­Steingaden, führt über die Deutsche Alpenstraße durch das ­Allgäu, am Märchenschloss Neuschwanstein vorbei, bis zur ehemaligen Kloster­insel Reichenau im Bodensee

Autotour Oberbayern – Allgäu – Bodensee

Die Kunst des Käsemachens

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Käseherstellung
Bio-Landwirt Gropengießer in Thale wendet und putzt seine Käselaibe

Zum Abschluss zeitloser Stunden in der tausendjährigen Stadt geht’s hinauf auf den Schlossberg. Dort möchte man sich am liebsten durchs komplette Sortiment der "Käsekuchenbäckerei" oder des "Pfannkuchen-Cafés" futtern, um dann von selber wieder zum Auto runterzurollen.

Ein kleiner, interessanter Abstecher zum Westerhäuser Bio-Käsehof* bei Thale zeigt, dass es im Harz weit mehr Käsesorten gibt als nur den "Roller". Die kleinen, geschmackvollen Laibe namens "Zickli", "Hoftaler" oder "Schimmelchen" entstehen aus der Milch des seltenen Roten Höhenviehs und von Harzer Ziegen.

"Es macht halt einen Unterschied, ob die Tiere im Stall oder bei Wind und Wetter auf der Weide stehen", erklärt Bio-Landwirt Peter Gropengießer das Aroma-Plus, bevor etliche "Zicklis" und "Hoftaler" in unseren Kofferraum wandern.

Tipp Icon

ADAC Tipps und Infos zu UNESCO-Tour zur Wartburg

ADAC Tourset Erfurt Weimar Thüringer Wald, Harz, Hannover WeserberglandFür Club-Mitglieder gibt es gratis und exklusiv die App sowie die Reisekarten und Urlaubsführer des ADAC TourSets. Zu dieser Tour passen folgende Titel:

• Erfurt, Weimar, Thüringer Wald
• Harz 
• Hannover, Weserbergland 

Sie können die ADAC TourSets hier online bestellen oder in den ADAC Geschäftsstellen abholen. Für Smartphone und Tablet gibt es die TourSet-App oder Maps-App bei Google Play* bzw. im iTunes App Store*.

Ausführliche Informationen zu den UNESCO-Routen* finden Sie auch hier: Ferienstraßen - Unesco Welterberouten*

Eisenach und Wartburg

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Welterbe Autotour mit Christoph Eicher oben auf der Wartburg
Historische Wahrzeichen: Die Wartburg und die gleichnamige Automarke

Durch den Harz geht es weiter nach Eisenach, wo M­atthias Doht von der Stiftung Automobile Welt* wartet. In der Fabrikhalle des einstigen "VEB Automobilwerk Eisenach" sind 118 Jahre Automobilbau der Stadt aufbereitet.

"Und glauben Sie nicht, dass hier immer nur der Wartburg gebaut wurde", sagt Museumsleiter Doht. Zwischen dem "Wartburg Motorwagen" 1898 und dem "Opel Adam" anno 2016 hat man hier auch Dixie, BMW, IFA oder EMW zusammengeschraubt.

Zurück ins Auto und hoch zur Wartburg*, dem traditionsreichen Ziel unserer Reise. In echt sieht sie definitiv noch erhabener und schöner aus als auf jedem Foto. Direkt nebenan, im stilvollen "Romantik Hotel Wartburg", wartet ein kleines, gemütliches "Luther-Zimmer" auf den Gast. 1521 bis 1522 übersetzte der Reformator hier das Neue Testament ins Deutsche.

TIPP
Übernachten:
Romantik Hotel Wartburg*

Text: Claus Christoph Eicher. Fotos: ADAC/Michael Löwa. Karte: ADAC Motorwelt

Viele weitere Tipps zu Urlaub und Reisen finden Sie bei der ADAC Motorwelt.

Kritik, Lob, Anregungen? Schreiben Sie uns: redaktion.motorwelt@adac.de

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(rmfo)

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