Marokko: Der neue Touareg im Härtetest

6.12.18

Der VW Touareg ist das neue Volkswagen-Flaggschiff. Er wurde zwar in erster Linie für den Gebrauch auf der Straße optimiert, aber auch im Gelände schlägt sich der SUV wacker, wie unsere Tour durchs Atlas-Gebirge beweist

VW Touareg offroad fahrend
Dominant: Aufrechstehender Grill mit verchromten Lamellen
  • Der Touareg ist das neue Flagschiff des VW Konzerns
  • Nach über 16 Jahren seit der Markteinführung gibt es nun die 3. Generation
  • Trotz Allradantriebs, Hinterradlenkung und 286 PS soll der SUV kein Offroad-Spezialist mehr sein
     

Mehr als 4000 Meter reckt sich der Gipfel des Jbel Toubkal in die Höhe. Der höchste Berg Marokkos und des gesamten Atlas-Gebirges, das sich über zweitausend Kilometer von der Atlantikküste bis nach Tunesien durch Nordafrika zieht.

Nur gut eine Autostunde von Marrakesch entfernt, hat die Natur diese mächtige Trennwand zwischen den mehr oder weniger feucht-fruchtbaren Norden des Landes und die heiße Sahara-Wüste im Süden gesetzt. Und genau dort wollen wir hin.

Motor: Stolze 286 PS, satte 600 Nm Drehmoment

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VW Touareg fahrend in der Stadt
Trotz seiner vielen PS ist der Touareg eher für die Straße konzipiert

Die Sehenswürdigkeiten der roten Stadt, das geschäftige Treiben am Djemaa-el-Fna-Marktplatz oder die reich verzierten Moscheen interessieren uns wenig, als wir am frühen Morgen aufbrechen und mit einer Hand voll VW Touareg die Stadt verlassen.

Der V6-Diesel unter der Haube schnurrt leise vor sich hin, 286 PS und 600 Newtonmeter Drehmoment sind wie geschaffen dafür, den Zwei-Tonner gemütlich durch die Landschaft zu schieben.

Dass der Volkswagen eher zu den Dauerläufern als zu den Sprintern zählt, merken wir kurz nachdem wir die Hauptstraße verlassen haben. Wir biegen ins Ourika-Tal ab, wo die Esel-Karren-Dichte spürbar zunimmt. Ein beherzter Tritt aufs Gaspedal offenbart beim Überholen der grauen Lastentiere: Die beiden Turbolader und die Achtgang-Automatik müssen erstmal aufgeweckt werden, ehe der Touareg seine gesamte Kraft auf die Kurbelwelle stemmt.

Auf maximale Beschleunigung kommt es hier in Marokko aber sowieso nur selten an. Zu schlecht ist der Asphalt, zu tief die Schlaglöcher, zu schmal die Straßen. Und zu wuselig die Mofafahrer-Herde, die um uns herum scharwenzelt und bei jedem Stopp fest entschlossen ist, unserem Tross Geschmeide und handverlesene Edelsteine zu verkaufen.

Abseits der Piste bleibt er ruhig und komfortabel

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VW Touareg fahrend im Atlas Gebirge
Das Luftfahrwerk sorgt für zusätzlichen Fahrkomfort

Die fliegenden Händler verfolgen uns bergauf, bis auf knapp 2700 Meter, ins Skigebiet Oukaïmeden. Noch sind die Pisten und Hänge grün und die Hotels leer, doch schon in wenigen Wochen wird eine weiße Pracht massenhaft Wintersport-Touristen an den Fuß des Toubkal locken, der sich hier in seiner vollen Größe vor uns aufbaut.

Ganz hinauf auf den Gipfel kommt der Touareg nicht, hier helfen nur Muskelkraft, Steigeisen und ein Muli weiter. Seine Ausläufer aber sind ein naturgeschaffener Abenteuerspielplatz für Geländegänger.

Also schnell den Fahrmodus-Schalter auf Offroad gestellt – dadurch werden Gaspedalkennlinie, Automatik, Allradantrieb und Stabilitätsprogramm auf das bevorstehende Abenteuer vorbereitet –, das Luftfeder-Fahrwerk in die zweite, höhere, der beiden Geländestufen (plus sieben Zentimeter) geschraubt und runter vom Asphalt.

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Kurzinfo Marroko

Die Landeswährung ist der marokkanische Dirham, 10 MAD entsprechen circa 0,90 Euro (Stand November 2018). Außer in kleineren Geschäften sind Kreditkarten weit verbreitet. Die Amtssprache ist Arabisch, viele Marokkaner sprechen aber auch Englisch und Französisch.

Das Klima nördlich des Atlasgebirges ist im Sommer eher trockenheiß, die Winter sind mild und regenreich. In den südlich gelegenen Sahara-Gebieten herrscht extremes Wüstenklima, im Atlasgebirge selbst alpine Wetterverhältnisse.

Marokko gilt als relativ sicheres Reiseland mit stabilen politischen Verhältnissen. Dennoch sollten beispielsweise Demonstrationen gemieden werden. Das Land wartet mit traditionellen Souks, prächtigen Moscheen, aber auch mit langen Sandstränden und spektakulären Gebirgszügen auf. Gut 200 Kilometer westlich vom Touristenzentrum Marrakesch liegt die Küstenstadt Essaouira, eine bei Reisenden sehr beliebte Künstlermetropole.

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Das Flagschiff von VW will kein Geländewagen sein

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VW Touareg fährt auf Hügel
Kleine Hügel sind für den VW kein Hindernis

Auf feuchten Wiesen und losem Geröll geht es munter bergauf und bergab, und natürlich meistert der Volkswagen die an ihn gestellten Aufgaben alle zufriedenstellend, und keine der auf einer Almwiese lauernden Hürden vermag er nicht zu meistern.

Allerdings wird auch deutlich, dass die Abenteuergene bei der dritten Touareg-Generation nicht mehr ganz so ausgeprägt sind. Die Ingenieure haben auf die bisher verfügbare Getriebeuntersetzung und mechanische Hinterachssperre verzichtet, deren Einbaurate zuletzt im Ein-Prozent-Bereich lag.

Zusammen mit dem bereits auf der Landstraße erfahrenen Turboloch heißt das, dass man mitunter ordentlich Gasgeben muss, um das Schwergewicht über Stock und Stein zu bemühen, und auch wenn es richtig steil bergauf geht, ist ein überdurchschnittlich kräftiger Tritt aufs Fahrpedal von Nöten.

Kraxlmeister vom Schlage einer Mercedes G-Klasse schütteln solche Übungen dagegen aus dem Handgelenk. Nur, und das gibt den VW-Ingenieuren recht, fährt ohnehin weder der Touareg-Kunde noch der G-Klasse-Käufer mit seinem Auto über die Skipiste.

Der Touareg fährt wie auf Schienen

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VW Touareg fahrend seitlich
Handlich in Kurven dank Hinterradlenkung und  Wankstabilisierung

Nummer drei verfügt dafür über ein Extra, das nicht nur im Gelände, sondern auch im Alltag seinen Trumpf ausspielen kann: die Allradlenkung. Was die zu leisten vermag, merken wir beim Abstieg, der uns über eine Schotterpiste führt, die an vielen Stellen nur marginal breiter ist als der Touareg.

Leitplanken oder sonstige Sicherungen sucht man hier vergebens, wer in der Kurve zu weit ausholt, dem droht der hunderte Meter tiefe Abgrund.

Wie gut, dass die mitlenkenden Hinterräder den Wendekreis auf 11,19 Meter schrumpfen lassen. Das ist nur eine Handbreit mehr als beim VW Golf, der gut 70 Zentimeter weniger misst als der 4,90 Meter lange Touareg. Zusammen mit dem Bergabfahrassistent, der die Geschwindigkeit konstant hält, wird die Abfahrt zum Kinderspiel.

Der Clou: Während bei anderen Herstellern das Abstiegstempo oft umständlich über die Schaltpaddel oder Tasten eingestellt werden muss, regelt man den Assistenten beim Touareg einfach per Gaspedal und Bremse. Nimmt der Fahrer den Fuß wieder weg, hält der VW das Tempo.

Die steile, enge Abfahrt führt uns durch das Bergdorf Imlil, wo schon Brad Pitt einige Szenen für den Film "Sieben Jahre in Tibet" gedreht hat. Und wo die Straßen kaum breiter als oben am Berg. Allerdings muss sich der Touareg hier den Weg noch mit spielenden Kindern, Tongeschirr-Ständen und Lkw teilen, die einmal die Woche die wichtigsten Lebensmittel in den einzigen Kramerladen liefern.

Hier vermissen wir zum ersten Mal die 360-Grad-Rundum-Kamera, die das Rangieren in den engen Gassen sicher deutlich leichter gemacht hätte – unsere Testfahrzeuge sind mit dem erst jetzt erhältlichen Extra aber leider noch nicht ausgerüstet.

Test VW Touareg: Wie gut ist der Luxus-SUV?

VW Touareg fährt auf Straße

Der ADAC Autotest des VW Touareg zeigt die ganze Klasse des Luxus-SUV, offenbart aber auch einige Schwächen. Plus: technische Daten, Preise, Einzelnoten Videos und das Ergebnis des Crashtests.

ADAC Test VW Touareg

Robust dank Unterbodenschutz 

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VW Touareg fährt durch Wasser
Relativ mühelos hält der Touareg im flachen Wasser seinen Kurs

Ohne Kratzer an Mensch, Auto und Huftier erreichen wir aber schließlich die Kashba Tamadot im Berber-Ort Asni, wo schon das Mittagessen auf uns wartet. Die ehemalige Festung ist inzwischen einem Luxushotel gewichen, das keinem geringeren als dem britischen Virgin-Magnaten Richard Branson gehört – der für die Anreise übrigens in den Regel den Hubschrauber nimmt.

Wir aber treten von hier, mit arabischen Mezze frisch gestärkt, den Rückweg nach Marrakesch wieder im Touareg an. Die Route führt eigentlich über gut asphaltierte Landstraßen. Eigentlich, weil wir auf halbem Weg noch einen kleinen Abstecher in einen Wadi machen.

Der Flusslauf Qued Badja Djdid mäandert derzeit zwar friedlich durchs Land, doch in der Regenzeit wird aus dem Rinnsal schnell ein reißender Strom. Dann stießen auch die maximal 55 Zentimeter Wattiefe, die der Touareg schafft, an ihre Grenzen.

Jetzt aber trägt uns der VW trockenen Fußes an die andere Uferseite und wieder zurück. Und der spezielle Unterfahrschutz, der zum 650 Euro teuren Offroad-Paket gehört, verhindert, dass die spitz aus dem Wasser aufragenden Steine den Touareg von unten beschädigen.

Technische Daten
VW Touareg
Motor 3,0-V6-Diesel, 286 PS, 600 Nm
Kofferraum 810 l
Maße L 4,88 / B 1,98 / H 1,72 m
Preis ca. 60.000 Euro

Mit frisch gebadeten Reifen geht es schließlich, vorbei an Kamelherden, wieder zurück in Richtung Marrakesch. Schon nach kurzer Zeit erscheinen in der untergehenden Sonne die Minarette der Stadt, und der Touareg trägt uns über den Asphalt wie ein fliegender Teppich – was sicherlich mehr am fein austarierten Luftfederfahrwerk als an der marokkanischen Straßenbaukunst liegt.

Das darf man allerdings auch erwarten. Schließlich kostet das Volkswagen-Flaggschiff mit ein paar Annehmlichkeiten ausgerüstet rund 80.000 Euro. Und ist damit eigentlich auch viel zu teuer, um sich im Gelände Kratzer und Schrammen zu holen. Aber man könnte, wenn man wollte. Und darauf kommt es doch eigentlich an.

Text: Michael Gebhardt. Fotos: Ingo Barenschee

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