Urlaub & Unterhaltung

Braai: Grillparty in Südafrika

Im südlichen Afrika gibt es praktisch auf jedem Rast- und Campingplatz gemauerte Grillstellen für einen waschechten Braai. Eine kulinarische Reise entlang der Küste des Indischen Ozeans

"Braai“ hat für Südafrikaner ein viel größere Bedeutung als Barbecue für die Amerikaner oder Asado für Argentinier. Es ist eine Art Lebenseinstellung, in die auch Reisende im Urlaub hineinschnuppern können: Wir zeigen die schönsten Grillstellen entlang dem Indischen Ozean zwischen Mossel Bay und East London.

Feuerstellen am rauschenden Ozean

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Surina und Gideon Scholtz mit Kindern am Storms River Mouth Rest Camp

Südafrikaner nutzen jede Gelegenheit zu einem Braai, mit Familie, mit Freunden, ganz egal, wichtig ist nur, am Feuer zusammenzusitzen und im Freien Essen zuzubereiten. So erklärt Surina Scholtz aus dem Norden des Landes das Prinzip. Sie steht an einer gemauerten Grillstelle, ebenfalls Braai genannt, im Storms River Mouth Rest Camp unmittelbar an der felsigen Küste des Indischen Ozeans. Surina und Ehemann Gideon sind gerade erst angekommen und haben den Camper noch gar nicht ausgeladen. Der Braai ist wichtiger, und das Hartholz muss mindestens eine Dreiviertelstunde runterbrennen, bis die Glut perfekt ist. Surina hat die Arme voller Campinggeschirr, Getränke und Grillsoßen, hinter ihr die beiden übermüdeten und zugleich hungrigen Kinder Esri und Zacharias.

Die Speisen beim Braai müssen nicht unbedingt vom Grill sein; Eintöpfe etwa werden im Potjie, dem dreibeinigen, gusseisernen Topf, auf dem Feuer gekocht. Gideon hantiert mit diversen Grillzangen und hat alles bestens geplant. Die Lammrippen brauchen am längsten, daher gibt’s erst mal Hähnchen- und Gemüsespieße und Roosterkoeks – gegrillte Brötchen. Eingekauft haben die Scholtzens in George bei Van Rensburgs, der wohl besten Adresse für Fleisch- und Wurstwaren und allem, was zu einem guten Braai dazugehört. Südafrikaner sind Fleischesser. Es gibt zwar Versuche, einen vegetarischen Montag einzuführen, aber der Erfolg hält sich in Grenzen.

Straußenfleisch in der Luxus-Lodge am Nationalpark

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Lammfleisch, Straußenfilets und Wurst im Woodall Country House

Warum auch sollte man auf Fleisch verzichten, wenn die Natur Schätze wie Strauß, Kudu und Springbock in Bioqualität liefert? Genau diese Spezialitäten bietet das luxuriöse Woodall Country House am Rand des Addo-Elephant-Nationalparks, nordöstlich von Port Elizabeth. „Normalerweise lassen sich unsere Gäste ihr Menü servieren, aber auf Wunsch rollen wir ihnen einen Braai vor die Suite und liefern alle Zutaten. Nur grillen müssen sie selbst“, sagt Inhaber James Miller, ein distinguierter Gentleman mit schottischen Vorfahren.

Rustikaler kommt Millers vielseitigster Mitarbeiter daher: Ruan, der hauptberuflich die Pirschfahrten im Park leitet, aber manchmal beim Braai assistiert und auf Fragen nach Game, also Wild, stets eine fachkundige Antwort parat hat. Momentan ist seine Anzugordnung ganz besonders originell: Kakihemd, kurze Hose und Rangerhut, eine dunkelblaue Kochschürze und eine Grillzange in der Hand: „Bei Wild ist es sehr wichtig, die Garzeiten zu beachten. Die meisten unserer Gäste mögen das Fleisch medium rare, als Koch musst du die winzige Zeitspanne zwischen blutig und durch, also trocken, erwischen.“

Fisch, Muscheln und Langusten

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In der "Vette Mossel" nahe Mossel wird gekocht und gegrillt

Kleine Portionen? Das würden sich die Gäste von Niël du Bois nicht bieten lassen. Im Strandlokal De Vette Mossel nahe Mossel Bay gilt ein anderes Prinzip: Man zahlt einen Pauschalbetrag und isst, so viel man möchte. Nicht Fleisch, sondern Fisch und Meeresfrüchte. Für die Qualität würde Niël seine kräftige Hand ins Feuer legen: „Ich bin der wichtigste Kunde meines Fischhändlers, darum bekomme ich immer die beste Ware.“

Um deren Zubereitung über dem offenen Feuer kümmern sich sieben Köche, die ständig das Büfett auffüllen, denn hier steht kein Essen zu lang auf den Warmhalteplatten. Das Seafoodlokal aus Holzplanken und Fischernetzen ist der Gegenentwurf zu Fine Dining. „Andere Restaurants besetzen jeden Tisch bis zu dreimal pro Abend, bei uns bedienst du dich drei Stunden lang, sooft du magst.“ Niël hat alles im Blick, begrüßt barfuß im Sand ein deutsches Ehepaar, weist über Augenkontakt einen Mitarbeiter an, eine leere Salatschüssel abzuräumen, und trägt einen Stapel Kunststoffteller ans Büfett. „Unsere Gäste brauchen kein Kristallglas und Porzellan, ihnen ist frisches Essen wichtiger.“

Zu den Muscheln im ersten Gang, deren Schalen auch als Besteck dienen, gibt es Pot Bread, sechs bis sieben große Laibe werden jeden Tag im gusseisernen Topf gebacken. Wer sich Nachschub an Essen und Getränken holt, kommt ständig mit anderen Gästen und den Köchen ins Gespräch. „Genau das ist das Ziel eines Braai“, meint der 61-jährige Gastronom, „Kommunikation und einfaches, aber qualitativ gutes Essen. Das mögen besonders Hochzeitspaare und Leute, die Party machen wollen, für die stellen wir direkt am Strand Tische und Bänke auf.“

Rustikales für hungrige Hockeyspieler

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Die Hockeyspieler in East London stehen auf „Boerewors“-Grillschnecken

In East London, rund 650 Kilometer weiter östlich, wird derweil eine Botschaft des Friedensnobelpreisträgers Desmond Tutu in die Praxis umgesetzt. Der Erzbischof hatte 2012 als Schirmherr des National Braai Day die Hoffnung geäußert, die Grillkultur möge zum Zusammenwachsen der multiethnischen Nation beitragen. Im Buco Park ist das Realität. In den Hockeymannschaften mischen sich Spieler mit europäischen, schwarzafrikanischen und indischen Vorfahren – ebenso beim anschließenden Braai.

Charles Masfen legt Boerewors auf den Grill, eine zur Spirale aufgerollte Bratwurst: „Die ist ein echter Braai-Klassiker. Es gibt sie aus Rind-, Lamm- und Schweinefleisch, aber auch von Springbock, Kudu oder Strauß.“ Früher stand der 49-Jährige im Tor, nun trainiert er den Nachwuchs und organisiert den Braai. „Oft sind wir um die 100 Leute, Spieler, Freunde und Familie. Dann machen wir Bring & Braai, sprechen uns ab, wer was beisteuert.“ Lachend ergänzt Charles’ Frau Bromwyn: „Bei uns geht’s beim Braai recht traditionell zu: Die Frauen bereiten alles vor, die Männer grillen.“ Bald drängen sich auf den Klapptischen Kartoffel-, Blatt- und Karottensalate, auf dem Grill liegen Braaipacks, zur Spirale aufgerollte Bratwürste, und Knoblauchbaguettes.

Und wenn die Fleischberge zur Neige gehen, kommen die Kinder zum Zug. Daren und Alexa haben Marshmallows auf Holzspieße gesteckt und halten sie über die letzten aufzüngelnden Flammen in der halbierten Eisentonne, die als Grill dient. Auf Zehenspitzen können sie gerade so über deren Rand schauen – beim Braai kommt tatsächlich keiner zu kurz.

Text: Helmuth Meyer. Fotos: Ramon Haindl, Roger Jardine. © ADAC Verlag 09/2017 (acfo).
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