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Spezialfahrzeuge am Flughafen: Von Schleppern und Elephanten

29.12.2017

Auf Flughäfen schwirrt eine ganze Armada von Sondermobilen herum. Über 100 verschiedene Typen gibt es zum Beispiel am Flughafen München – vom Gepäckwagen bis zum Schneepflug, vom Enteiserfahrzeug bis zum Catering-Truck, vom Tankfahrzeug bis zum Flugzeugschlepper

Spezialfahrzeuge am Flughafen: Enteiser im Einsatz
Enteiser im Einsatz: Insider nennen dieses Spezialgefährt "Elephant"

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Spezialfahrzeuge am Flughafen: Flugzeug-Schlepper mit Lufthansa-Jet
Stark: Bis zu 1300 PS bringt ein Flugzeug-Schlepper auf die Räder 

"Nase nach Norden, alles klar", ruft Franz Koller in sein Headset und setzt Schlepper Nummer 391 in Gang. Der Dieselmotor fängt an zu arbeiten und schiebt das 1,65 Meter hohe, U-förmige Transportwunder ganz sachte an das Vorderrad des Airbus A330, der in Kürze von München nach Denver aufbrechen will. Seit 21 Jahren ist Koller, 60, Schlepperfahrer am Flughafen München und beherrscht das Manövrieren der tonnenschweren Flieger auf dem Vorfeld aus dem Effeff.

Der 9,49 Meter lange Goldhofer AST-1 X, den Koller heute steuert, ist mit seinen 482 PS zwar nicht stärkste seiner Art; das Top-Modell kommt auf weit über 1300 Pferdestärken. Zumindest am Flughafen München aber nimmt er die Spitzenposition unter den 27 Schleppern ein. Mit bis zu 600.000 Kilogramm Nutzlast kann er selbst den derzeit dicksten Passagier-Jet, den doppelstöckigen A380, problemlos an den Haken nehmen.

Wobei: Einen richtigen Haken gibt es gar nicht. Kleinere Flugzeuge schiebt man mit einer Stange zwischen Push-Back-Fahrzeug und Flieger-Bugrad, die großen werden kurzerhand vom Schlepper hydraulisch angehoben und mit maximal 32 km/h vom Gate weg, von einem Parkplatz zum anderen, oder zur Reparatur in den Hangar transportiert. Rund 200.000 Rangiervorgänge kommen so pro Jahr zusammen.

Mehr als nur Schleppen

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Schlepperfahrer beim Rundgang um den Flieger
Anschluss: Das Bodenpersonal hat immer Kontakt zur Flugzeug-Besatzung 

Auch wenn das Flugzeugschieben mit wenigen Lenkrad-Bewegungen und Tastendrücken recht leicht von der Hand geht: Den ganzen Tag entspannt in der beheizten Fahrerkabine sitzen, die für den Laien kaum von einem Lkw-Cockpit zu unterscheiden ist, kann Koller nicht.

Zu den Aufgaben der rund 130 Schlepperfahrer in München gehört auch der Rundgang um den Flieger, um zu schauen, ob alle Klappen dicht sind. In der Hektik kann es bei der Abfertigung passieren, dass ein Tankdeckel offenbleibt oder die Gepäckraum-Tür nicht richtig zu ist. Erst nach dem Koller fertig ist, kann sich der Pilot, mit dem der Fahrer per Funk verbunden ist, sicher sein: Der Flieger ist startbereit.

Apropos Tankdeckel

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Spezialfahrzeuge am Flughafen: Tankfahrzeug
Einmal volltanken, bitte: Am Flughafen gibt es kein Super, dafür Jet A1

Natürlich gibt es am Flughafen auch klassische Tankfahrzeuge, die ans Flugzeug heranrollen und Sprit in die Tragflächen pumpen. Das Gros der Fahrzeuge stellt aber nur noch die Verbindung zwischen Flieger und Tanklager her. Über den ganzen Flughafen verteilt sind Kerosin-Steckdosen in den Boden eingelassen.

Dort stöpselt der Treibstoffwagen-Fahrer ein Ende des Tankrüssels an, das andere kommt ans Flugzeug. Per Überdruck schießt der Kraftstoff in den Flieger. Die wichtigste Aufgabe des Fahrzeugs: Messen, wie viele Tonnen durchrauschen. Die stehen schließlich am Ende auf der Rechnung.

Wie viel eine Airline für das Kerosin bezahlt, gehört mit zu den am besten gehüteten Geheimnissen am Flughafen. Deutlich transparenter ist die Preisliste für die Schleppdienste: Je nach Flugzeuggröße ist man mit rund 200 bis 300 Euro dabei, die – wenn die Airline keinen Rahmenvertrag mit dem Dienstleister hat – vom Kapitän bezahlt werden müssen.

Das gilt auch fürs Enteisen. Und abhängig von Flugzeugtyp und Wetterlage kann das schon mal 9000 Euro oder mehr kosten. Rund 10.000 Mal kamen die 26 in München stationierten Elephanten, so nennt der schwedische Hersteller Vestergaard die Spezialfahrzeuge mit Kran-Aufsatz und aufwendiger Sprühtechnik, zum Einsatz. Im Rekord-Winter 2012/13 absolvierten sie sogar 14.673 Enteisungen.

Kampf dem Eis

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Enteiserfahrzeuge besprühen Flügel und Rumpf eines Flugzeugs
Elephanten im Einsatz: Enteiserfahrzeuge besprühen Flügel und Rumpf

Von links und rechts nehmen die Elefanten an der Startbahn die Flieger in Empfang und verteilen aus bis zu 25 Meter Höhe die 85 Grad warme, rötliche Flüssigkeit vom Typ I, die die Spuren des Winters zuverlässig entfernt.

Besteht die Gefahr, dass der Flieger wieder einfriert, tragen sie noch eine Art Gel auf, Typ IV, das dem neuerlichen Frosten entgegenwirkt. Ein paar 100 Liter brauchen sie, pro Flügel. Das, was runtertropft, wird gesammelt und wiederaufbereitet. Bis zu 70 Prozent seines Typ-1-Bedarfs deckt der Flughafen München so aus Recyclaten.

Koffer-Transport mit Hybrid-Antrieb

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Rampe und Hubwagen transportieren Gepäck und Container ins Flugzeug
Über Rampe oder Hubwagen kommen Gepäck & Container ins Flugzeug

Auch wenn der Umweltschutz am Flughafen München oben auf der Agenda steht: Bei ihren Fahrzeugen setzen die Bayern oft noch auf herkömmliche Verbrenner. Allerdings laufen bei den Schleppern Versuche mit Hybrid- beziehungsweise E-Fahrzeugen, und im Frühjahr 2018 soll der erste elektrische Pushback-Traktor mit Range-Extender angeschafft werden.

Bereits seit 25 Jahren mit Doppelherz-Technik unterwegs sind dagegen die Transport-Wägelchen, die die Gepäck-Container über das Vorfeld ziehen: Die Anhänger mit den Koffern holen sie direkt im Terminal ab, und so lange sie im geschlossenen Gebäude unterwegs sind, fahren die von der Firma Rofan gebauten Multicars rein elektrisch. Erst wenn sie durchs Tor ins freie düsen, springt der Diesel an. Geladen werden die Akku-Autos nachts in einer eigenen Halle.

Neben Schleppern und Enteisern, Treppen, Tankern und Transportern, denen man ansieht, dass sie besondere Aufgaben haben, tummeln sich auf dem Flughafen zahlreiche weitere Spezial-Gefährte. Die Catering-Lkw beispielsweise, die ihren gesamten Aufbau in die Höhe heben und Brötchen, Lachs und Tomatensaft ebenerdig ins Flugzeug schieben können. Oder Mobility-Service-Fahrzeuge, die, wenn ein Passagier im Rollstuhl verreist oder eine kranke Person liegend fliegen muss, ebenfalls auf Flugzeughöhe andocken.

Dazu kommen Kleintransporter, die heiße oder kalte Luft dabeihaben und den Flieger am Boden temperieren können, wenn der an seinem Parkplatz keinen Anschluss an die Ground-Aircondition hat. Schließlich sind da noch die Spezialfahrzeuge mit Druckluft an Bord, die einem nicht startwilligen Triebwerk auf die Sprünge helfen und ihm den nötigen Anschub verleihen. Und natürlich darf einer nicht fehlen: der Winterdienst.

Winter-Ballett mit strenger Choreografie 

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Spezialfahrzeuge am Flughafen: Schneepflüge räumen Startbahnen und Vorfeld
Dicht an dicht räumen die Schneepflüge die Startbahnen und das Vorfeld

In der kalten Jahreszeit sind bei Schneefall bis zu 200 Fahrzeuge mit diversen Kehr-, Saug-, Blas- und Enteisungsmaschinen im Einsatz, die am Flughafen alle ein bisschen größer sind als auf der normalen Straße. Das zu koordinieren, ist eine Meisterleistung. Vor allem auf der Start- und Landebahn muss sich das Winter-Ballett aber auch noch mit dem Tower abstimmen, um beim Räumen im Akkord ja nicht einem landenden Flieger in die Quere zu geraten.

Ist die Bahn frei, strömt eine ganze Armada phalanxartig aus, räumt in nur 25 Minuten den Schnee zur Seite, schrubbt den vier Kilometer langen Asphalt mit Stahlbürsten, trägt Enteiser-Flüssigkeit auf und transportiert die weiße Pracht dann auf eine von mehreren Ablageflächen, auf denen dann große Schneehaufen entstehen. Und während der Winterdienst schon lange in der Sommerpause ist, lagert dort teilweise bis in den Juni hinein der Schnee von gestern.

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Text: Michael Gebhardt. Fotos: Michael Gebhardt, PR.

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