Cortina d’Ampezzo: Skifahren in den Dolomiten

27.11.2017

Das Skigebiet um Cortina d’Ampezzo bietet ca. 120 Kilometer an Pisten in der beeindruckenden Bergwelt der Dolomiten. ADAC Service und Tipps

Alles schläft noch, wenn Guido Pompanin frühmorgens in die dunkle Stube seiner Hütte tritt. Er ist leise. Dabei würde der Wind, der um seinen schneebedeckten Gipfelsitz faucht, das Knarzen der Dielen ohnehin übertönen. Die Berge liegen noch im Dunkeln. Auch Wirt Guido lässt die Lampen ausgeschaltet. Er liebt den Moment zwischen nächtlicher Ruhe und dem Erwachen des Tages. Dann steht er in seiner Gaststube und wartet, bis sich das Licht anschleicht, ein weiches Silber zunächst, das das Tiefseeblau des Nachthimmels aufhellt. „Das sind die allerschönsten Momente“, sagt Guido, 60, der seit 38 Jahren einen Großteil seines Lebens auf 2752 Metern Höhe verbringt.

Der Besitzer der Lagazuoi-Hütte lebt in einer Art Parallelwelt. Hier oben prahlt die Natur mit der steingewordenen, rauen Pracht der Dolomiten. 1956 fanden in dem bis dahin eher verschlafenen Ort die Olympischen Winterspiele statt – ein kleines Sportfest, verglichen mit den Giga-Events von heute. Aber groß genug, um die Aufmerksamkeit der Wintertouristen auf sich zu lenken. Cortina avancierte alsbald zum Nobelskiort, zog Stars aus aller Welt an, vor allem aber aus Italien, und zählte in den letzten Jahren immer wieder zu den besten Skiorten des Landes.

Elegante Einkaufsmeilen, exquisite Boutiquen 

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In Cortina kennt man die Modetrends der Saison im Voraus

Wahrscheinlich ist es auch der italienischste. Wohl kaum irgendwo sonst wird die italienische Lebensart so selbstverständlich gelebt. „Hier sind Mode, Style und Glam wichtig“, erklärt Elisabetta Dotto, die das Hotel Ambra mit derselben stilistischen Finesse betreibt, mit der sie sich kleidet. „Man kann auch unter vielen Metern Schnee schick sein“, sagt Elisabetta, die, wie die meisten Hoteliers im Ort, ihren Gästen auch Personal Shopper zur Seite stellt.

Boutiquen gibt es genug, manche Modekollektionen erreichen das hintere Dolomitental sogar ein, zwei Wochen vor Mailand oder Paris. Das Äußere zählt in Cortina ein wenig mehr, und irgendwie kann man es den Ampezzanern nicht vorwerfen. Wer täglich auf eine grandiose Landschaft blickt, dessen Augen erwarten vielleicht überall das Anmutige.

Viele Menschen kämen wegen der Schönheit der Natur, sagt Elisabetta. „Für manche sind die Dolomiten wie ein Monument.“ Die majestätischen Bergmassive, seit 2009 UNESCO-Weltnaturerbe, umfangen den Ort wie eine weite, lichtoffene Arena aus Stein.

Die Skipisten gehören zu den besten

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Spielwiese. Abfahrt vom Lagazuoi in den „Grand Canyon“ der Dolomiten

Italiener verstehen es, den Tag durch ausgiebige Genusseinheiten zu dehnen – und als deutscher Liftkartenabfahrer sollte man sich das bei ihnen abschauen. Im Rifugio Scoiattoli im Tofana-Gebiet zum Beispiel haben Mittagsgäste die Wahl zwischen 200 Weinen. Wo sonst gibt es das in 2255 Metern Höhe? Es wird Erlesenes serviert, wie Violette ai sapori di bosco, lila Pasta mit Heidelbeeren.

Auf der Panoramaterrasse sitzen drei Pärchen aus Verona und strahlen durch große Designerbrillen in die Sonne – nach drei Gängen, Wein und Espresso irgendwie nachvollziehbar. Für alle anderen findet der nächste Akt der großen Skioper unten in Cortina statt. Nach ein paar Nachmittagsabfahrten auf fein frisiertem Schnee – auch hier verteidigt Cortina seinen hohen Anspruch ans Äußere und wird für seine perfekten Pisten ein ums andere Mal prämiert – trifft man sich zur heißen Schokolade in der Pasticceria Lovat. Oder zum Kräuteraufguss in der Sauna.

Dann ist schon wieder Zeit fürs abendliche Schaulaufen. Der Corso Italia durchzieht den Ort wie ein Catwalk. Abends ist die Flaniermeile schwarz vor Menschen, glamourös illuminiert von den Lichtwolken der Schaufenster. Ein Winter-Poloturnier und eine Oldtimer-Rallye haben weitere Gäste aus aller Welt in das Tal gelockt, aber noch immer überwiegen die Italiener. Schöne Menschen in feinem Gewand treffen sich hier, viele scheinen sich zu kennen.

„Vedere e farsi vedere“ – sehen und gesehen werden, darauf versteht sich Cortina schon seit mehr als einem halben Jahrhundert. Zu den italienischen Eigentümlichkeiten zählt eine Neigung zur Uniformität. Cortina ohne Pelz ist wie Cappuccino ohne Milchschaum. Ob als Bommel auf der Kaschmirmütze, taillierter Persianermantel oder als Kragen an der Herrenjacke.

Die sportliche Vielfalt ist enorm

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Bella Figura beim Winterpolo

Manche mögen sie als Kulisse empfinden, in Wahrheit spielt die Natur in Cortina d’Ampezzos Schauspiel von jeher die Hauptrolle. Immer mehr italienische Gäste geben der ruhigen Erhabenheit der Berge den Vorzug vor der quirligen Selbstinszenierung des Ortes. Es sind die Skitourengeher, die zum Abendessen zu einem Rifugio aufsteigen. Die Schneeschuhwanderer, die von Hütte zu Hütte marschieren.

Die Frühaufsteher, die für das Glück einer unberührten Piste auf den Nachtclub verzichten und sich auf die neue Super-8-Route begeben, die sie in gut drei Stunden durch grandiose Schnee- und Steinlandschaften führt. Die Freerider, die auf den wilderen Hängen des Cristallo-Gebiets ihre Grenzen ausloten.

Auch unter Italienern wachse die Gruppe der Naturliebhaber, sagt Walter Dimai, der als Bergführer Skitouren begleitet. „Wir Italiener“, sagt Walter, der auch als Skilehrer arbeitet, „fahren unseren besonderen Stil. Sportlich, aber unverkrampft.“ Bella Figura eben. Deutlich lässiger als Deutsche, die, wie ich, ihre Knie im Parallelschwung krampfhaft zusammenpressen. „Mach dich locker“, meint Walter lachend und schwingt in Wellenlinien, wie mit dem Lockenstab gelegt, die Olympia-Abfahrt von Pomedes nach Duca d’Aosta hinab. Wie soll man nur seinen deutschen Beinen so schnell Italienisch beibringen?

Essen & Trinken

Al Passetto

In der Nähe des Bahnhofs liegt diese angesagte Pizzeria, in der man ohne Reservierung kaum einen Platz bekommt.

Abends spuckt der große Pizzaofen die belegten Teigfladen im Akkordtempo aus, die Auswahl ist beeindruckend.

Al Passetto in Cortina, Via Marconi 8*

Il Meloncino al Camineto 

Am Fuß der Olympiastrecke am Tofana gelegen, auf der Toni Sailer dreimal Gold holte. Hohes Promiaufkommen, viele Genuss-Luncher kommen mittags mit dem Auto hoch.

Gäste werden von der Besitzerin Lina Melon mit Handschlag begrüßt, es gibt Kuhfelldecken für Frostempfindliche, Sonnenbrillen für Zerstreute und obendrein eine fantastische Küche.

Il Meloncino al Camineto in Rumerlo*

Nero di Seppia

So winzig wie wunderbar. In dem kleinen Restaurant, von dem man auf das Talbecken von Cortina blickt, fühlen sich Fischliebhaber zu Hause.

Wirt Walter erklärt mit fast poetischem Pathos die venezianisch inspirierten Gerichte.

Cortina, Staulin 8

Pasticceria Lovat

Egal ob Frühstücks-Dolce oder Après-Ski-Kakao – im Lovat lässt sich das süße Leben aufs Leckerste zelebrieren.

Die heiße Schokolade wird fast puddingdick angerührt. Jede Sünde wert sind auch der Apfelstrudel und der Pinienkernkuchen.

Cortina, Corso Italia 65

Über 15 Restaurants mit Michelin-Sternen  

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Selbst in der Hütte Averau ist die Küche erstklassig

Auch die Hütte Averau gehört zu der Regole. Wirt Sandro betreibt sie seit 33 Jahren mit seiner Frau Paola. An diesem Abend sind zwei Dutzend Gäste aus dem Tal gekommen. Die Wackeren auf Tourenskiern, die anderen per Lift und Motorschlitten. Alle tragen Pantoffeln, die Sandro an die Ankommenden verteilt, das bricht den Cortina-Schick. Überhaupt relativieren sich mit jedem Höhenmeter die Stilvorgaben.

Nur beim Essen nicht, das ist erneut vom Feinsten: Mehrfach ausgezeichnet wurden die Wildfleischgerichte aus der Region. „Früher musste alles immer schnell gehen. Heute bringen die Gäste viel mehr Zeit mit, um zu genießen.“ Vielleicht ist das das wahre Dolce der Dolomiten: dass sie jeden, der hierherkommt, das Staunen und Genießen lehren. Und dass die Uhren hier anders gehen.

Hotels & Hütten

Hotel Ambra

Ein Haus mit besonderem Ambiente, das Besitzerin Elisabetta mit feinem Geschmackssinn bis ins kleinste Detail gestaltet hat.

Holz, Stein, Geweihe und Vintage-Sportartikel verleihen den Zimmern den Charme eines Chalets, jedes ist einem anderen Thema gewidmet – von Romantik bis Hockey.
Hotel Ambra in Cortina*

Hotel Ancora

Das älteste Hotel Cortinas (Baujahr 1826) ist eine Legende und setzt auf Tradition, statt sich ständig wechselnden Trends hinzugeben.

Die Zimmer sind gediegen, dafür trumpft das Hotelrestaurant mit kulinarischen Innovationen auf. Auch die hauseigene Konditorei lockt viele Gäste an.
 Hotel Ancora in Cortina*

Hotel Royal

Die Familie Menardi führt das einfache, sehr angenehme Hotel bereits in dritter Generation.

Besonders bei ausländischen Gästen und bei Familien ist das in der Ortsmitte gelegene Haus, eine im Jahr 1700 im venezianischen Stil erbaute Villa, sehr beliebt.
Hotel Royal in Cortina*

Rifugio Averau

Hüttenromantik und Küchenkunst in Bilderbuchlage. Direkt an der Skipiste gelegen, bietet die Hütte ein Gesamtpaket, das auf dieser Höhe niemand erwartet.

Die Zimmer sind von schmucker Schlichtheit. Vielbettvarianten ziehen bevorzugt Gruppen von Bergfreunden an. Freitag- und Samstagabend kommen viele Gäste mit dem Motorschlitten oder SUV (Sommer) zum Abendessen.
Rifugio Averau in Borca di Cadore*

Rifugio Lagazuoi

Wer sich hier hochbemüht, zu Fuß oder gemütlich per Seilbahn, wird mit einem wundervollen Gipfelpanorama belohnt.

Das Restaurant überrascht mit feiner Küche, die Zimmer sind klein – der Blick aus der Balkontür ist umso großartiger. Ein Muss: der Gang in die neue Außensauna auf 2752 m Höhe.
Rifugio Lagazuoi in Monte Lagazuoi*

Rifugio Scoiattoli

Essen und Planschen – auf der neben der Felsformation 5 Torri gelegenen Hütte macht beides Spaß.

Die regional geprägte Küche protzt mit gigantischer Weinauswahl und kulinarischer Finesse, den Badebottich neben der Panoramaterrasse kann man für ein Champagnergelage mieten.
Rifugio Scoiattoli in Torri*

Tipp Icon

Pisten-Infos

Der Tagesskipass für die Skigebiete rund um Cortina (San Vito di Cadore, Auronzo und Misurina) deckt über 120 Pistenkilometer ab. Die weitläufige Mulde von Cortina bietet Langläufern etwa 70 Loipenkilometer auf 11 präparierten Strecken.

www.dolomiti.org*

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www.adac-skiguide.de*

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Text: Barbara Esser. Fotos: Conny Mirbach

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Diese Reportage stammt aus dem ADAC Reisemagazin „Alpen“. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des ADAC Verlags.