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Abgefahrenes Rad-Design

Der Designer Gianluca Gimini hat verschiedene Leute gebeten, spontan ein Herrenrad zu zeichnen. Die skurrilen Skizzen hat er in Computer-Entwürfe verwandelt und daraus ein Kunstprojekt gemacht: „Velocipedia“

 

Es ist acht Jahre her, als sich Gianluca Gimini, ein Designer mit italienisch-amerikanischen Wurzeln, in einer Bar mit einem Freund über die Schulzeit unterhielt. Er erinnerte sich an einen Mitschüler, der bei einer mündlichen Prüfung so nervös wurde, dass er nicht einmal mehr wusste, ob das Antriebsrad bei einem Fahrrad hinten oder vorne war. Das brachte Gianlucas Freund dazu, auf einer Serviette spontan ein Fahrrad zu zeichnen. „Das Ergebnis war ziemlich desaströs“, erzählt der freiberuflich tätige Designer, der zudem an der Universität von Ferrara Kurse gibt. Aber an genau diesem Tag hat er mit seiner ungewöhnlichen Sammlung von Herrenfahrrad-Skizzen begonnen – das Kunstprojekt „Velocipedia“ war geboren.

Die Aufgabe, die er nun Freunden, Verwandten aber auch wildfremden Menschen stellte, war stets dieselbe: „Zeichne aus dem Gedächtnis ein Herrenfahrrad.“ Die einzigen Regeln: nicht spicken und den Namen, den Beruf sowie das Alter nennen. Aus den mittlerweile über 300 Exemplaren hat Gianluca Gimini die außergewöhnlichsten am Computer als realistische Fotomontagen verwirklicht – die spontan gefallen, extrem witzig aussehen und zumindest erstaunen.

„Ich wollte der virtuelle Hersteller dieser Räder werden“
Dabei war die grafische Gestaltung der Bikes gar nicht so einfach, denn die Qualität der Skizzen ist sehr unterschiedlich – und die hat natürlich Auswirkungen auf das Design-Ergebnis. Bei manchen Entwürfen fehlen wichtige Rahmenteile, bei anderen scheinen die Gesetze der Physik aufgehoben zu sein, und unrealistische Perspektiven finden sich auch. Aber genau diese Unvollkommenheit und die surrealen Details machen die Entwürfe so besonders.

Bei ähnlich gelagerten „Crowdsourcing“-Projekten wird oft versucht, aus den Einzelelementen aller Entwürfe schließlich ein optimales „Durchschnitts“-Design zu entwickeln. Doch der 1983 in Faenza geborene Gimini geht einen anderen Weg: „Für mich ist jeder Entwurf so einzigartig, dass ich die individuellen Merkmale herausarbeiten und betonen musste.“ Das Ergebnis gibt seiner Herangehensweise recht. Exklusiv für die ADAC Motorwelt hat Gianluca Gimini seine schönsten Entwürfe für unsere Bildergalerie ausgewählt und jedes Modell kommentiert – so kunst- und liebevoll wie seine Designstücke.

Ein Mädchentraum in Pink

Skizzenzeichnerin: Anna, Alter: 27, Beruf: Angestellte.

„Mit gefiel dieser Entwurf sehr. Er wirkt mit nur einem Pedal schon sehr reduziert. Als guter Handwerker bin ich aber nachsichtig und greife der Designerin mit meinem Fachwissen unter die Arme“


Das kunterbunte Kindergeschenk

Skizzenzeichner: Lee, Alter: alt, Beruf: Opa.

„Ich glaube, mein Onkel saß das letzte Mal als Kind auf einem Fahrrad. Deshalb hat es eine kleine Fahne. Sein Modell ist garantiert nicht lenkbar, aber ich mag es trotzdem sehr.“


Die elegante Rennmaschine

Skizzenzeichner: Leonardo, Alter: 19, Beruf: Student.

„Leonardo war einer meiner Studenten an der Universität von Ferrara. Er stand bei dem Entwurf wohl ziemlich unter Druck. Glauben Sie mir: Er weiß, dass ein Rad eine Kette und Pedale hat.“


Der 20er-Jahre-Drahtesel

Skizzenzeichnerin: Georgia, Alter: 31, Beruf: Lehrerin.

„Ich mag Georgias Skizze wegen der merkwürdigen Pedale. Sie wirken eher wie Steigbügel. Als ich den Entwurf umsetzte, hatte ich aber das Gefühl, ihre Idee zu verspotten. Das war nie meine Absicht.“


Der Monsterreifen-Bolide

Skizzenzeichner: Alessandro, Alter: 30, Beruf: Mediziner.

„Mein Cousin ist Arzt und fuhr bis vor ein paar Jahren regelmäßig Rad. Ich glaube, er ist kein guter Beobachter. Dafür gewinnt er ganz sicher den Preis für das merkwürdigste Rad mit seitlichem Rahmen und Zweirad-Antrieb.“


Das innovative Regenrad

Skizzenzeichnerin: Rosella, Alter: 57, Beruf: Schulmitarbeiterin.

„Das ist sicher das beste Schutzblech-Design, das ich je gesehen habe. Ich würde es sofort an mein Rad montieren, auch wenn der vordere Teil völlig funktionslos wäre.“


Gianluca Gimini, Designer und Dozent an der Uni Ferrara

Text: Georg Zähringer. Fotos und Renderings: Gianluca Gimini. © ADAC Motorwelt 04.09.2017.
Kontakt zur Redaktion: redaktion.motorwelt@adac.de

Weitere Designstücke des italienischen Designers gibt es hier zu sehen:

www.behance.net/gallery/35437979/Velocipedia*

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